Auf dem Plattenspieler: The Highwaymen

Künstler: The Highwaymen

Song: „Highwayman“ – erschienen auf dem Album „Highwayman“, 1985 Columbia Records

Ein Strohballen wirbelt über eine staubige, leere Straße. Am Horizont steht die Abendsonne. Davor zeichnet sich langsam die Silhouette eines Mannes ab, der auf die Stadt zureitet. Bei seinem Anblick verriegeln die Einwohner alle Türen und Fenster … Jeder weiß, wer da kommt: der Outlaw.

Das Bild dieses Gesetzlosen des Wilden Westens, der außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung lebt, hat sich tief in die amerikanische Kultur eingeprägt. Obwohl sein Leben von Gewalt und Verbrechen geprägt ist, wurde er als Archetyp mit der Zeit durch Film und Musik romantisiert und zum Sinnbild für Freiheit und Unabhängigkeit.

So ist er weit über Revolverhelden und Desperados wie Billy the Kid oder Jesse James hinausgewachsen. Längst steht der Outlaw schlicht für einen Menschen, der sich keiner Autorität beugt und seinen eigenen Überzeugungen folgt.

Genau diese Idee steht im Mittelpunkt des Songs „Highwayman“. Er erzählt von einer Figur, die immer wieder in einer anderen Gestalt erscheint: zunächst als Wegelagerer, später als Seemann, Arbeiter und schließlich als Raumfahrer. Trotz dieser unterschiedlichen Leben bleibt eines gleich – ein ungebrochener Wille zum Widerstand:

The bastards hung me in the spring of 25

But I am still alive

1985 kamen vier der größten Namen der Country-Musik für ein gemeinsames Projekt zusammen: Johnny Cash, Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson. „Highwayman“ wurde zum Herzstück des Albums: Die Nummer gab der Platte ihren Titel und der neu formierten Supergroup ihren Namen. Was den Song so besonders machte, waren aber nicht nur die großen Namen. Alle vier Musiker standen selbst ganz im Geiste der Rebellion – jeder auf seine Weise.

Johnny Cash machte früh mit Drogenmissbrauch Schlagzeilen, geriet mit dem Gesetz in Konflikt und hatte immer wieder rechtliche Auseinandersetzungen um seine Musik. Zudem nahm er in seinen Liedern häufig die Perspektive von Außenseitern ein: von Armen, gescheiterten Existenzen oder Gefängnisinsassen. Sein berühmter Auftritt im Folsom State Prison 1968 machte diese Verbindung geradezu ikonisch.

Kris Kristofferson war in jungen Jahren Hubschrauberpilot bei der US Army und schien eine vielversprechende militärische Laufbahn vor sich zu haben. Er entschied sich jedoch gegen diese Karriere und für die Musik. Wie Cash erzählte auch er häufig von den sozialen Schattenseiten Amerikas. Er positionierte sich zudem gegen den Vietnamkrieg und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung – Positionen, die man von patriotischen Country-Künstlern jener Zeit keineswegs erwartete.

Willie Nelson und Waylon Jennings galten als kompromisslose Rebellen im Kampf gegen die Musikindustrie. Dieser Kampf nahm in den frühen 1970er-Jahren eine neue Form an, als sich in der Country-Musik eine Bewegung gegen die etablierten Regeln der Branche formierte.

Das Zentrum des Geschehens war Nashville, damals das Herz der amerikanischen Country-Industrie. Produzenten und Plattenfirmen bestimmten weitgehend, wie ihre Künstler zu klingen hatten – von den Arrangements über die Auswahl der Songs bis hin zu den beteiligten Musikern. Der daraus entstandene, zunehmend glatt produzierte „Nashville-Sound“ ließ wenig Raum für persönliche Eigenständigkeit.

Einige Künstler wollten sich damit nicht länger abfinden. Sie forderten mehr Kontrolle über ihre Musik, griffen stärker auf den Honky-Tonk, einen raueren Stil der Country-Musik, zurück und verbanden ihn mit Einflüssen aus Rock, Folk und Blues. Aus dieser Auflehnung entstand nicht nur ein Subgenre, sondern vor allem eine Bewegung, die bald als „Outlaw Country“ bekannt wurde. Willie Nelson und Waylon Jennings wurden zu ihren bekanntesten Gesichtern. Johnny Cash und Kris Kristofferson schlossen sich ebenfalls an.

Der Track „Highwayman“ sitzt daher wie angegossen: Er lässt den Outlaw-Geist der vier Künstler in vier verschiedenen Gestalten lebendig werden. Jede davon gehört einem anderen Leben und zugleich einem anderen Sänger: Willie Nelson verkörpert den Gesetzlosen, der 1825 gehängt wird. Kris Kristofferson wird zum Seemann, der bei einem Sturm ums Leben kommt. Waylon Jennings ist ein Arbeiter, der beim Bau eines Staudamms stirbt. Johnny Cash schließlich verkörpert einen Raumfahrer, der in den Weiten des Alls verschwindet.

Jedes Leben endet also an einer anderen Grenze: an der Staatsgewalt, an der Natur, an der körperlichen Arbeit und an der Unendlichkeit des Weltraums. Mit jeder Strophe stirbt eine Gestalt, doch der Highwayman kehrt immer wieder zurück: Die Figuren wechseln, der Eigensinn bleibt.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. „Highwayman“ erklomm die Chartspitze, wurde bei den „Academy of Country Music Awards“ zur „Single of the Year“ und 1986 folgte sogar ein Grammy für den besten Country-Song. Auch das gemeinsame Album wurde zu einem riesigen Erfolg und verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

Ausgerechnet vier Musiker, die sich ihre künstlerische Freiheit gegenüber der Musikindustrie erkämpft hatten, waren damit im Zentrum des Mainstreams angekommen. Der Erfolg änderte jedoch nichts an der Haltung, die ihr Schaffen geprägt hatte … Der Outlaw bleibt eben eine Figur, die sich von äußeren Umständen nicht bestimmen lässt. 

Äußere Macht kann über den Menschen verfügen, nicht aber darüber, welchen Gedanken er trägt – und ob dieser mit ihm verschwindet.

Hören Sie hier „Highwayman“ von The Highwaymen.

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Der nächste Gang …

1 Kommentar. Leave new

  • „Normalerweise“ Metal-Fan wurde mir vor zig Wochen der YouTube-Clip mit der Highwaymen-Version des Livekonzertes im Nassau Colosseum in meine Timeline gespült. Und ich muss mit Mr. Spocks Worten sagen: faszinierend!!

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