Friedrich Merz und Kaspar Hauser

Man merkt, der Friedhof in Ansbach hat sich ganz und gar auf Kaspar-Hauser-Touristen eingestellt. Auf dem Gottesacker der Hauptstadt von Mittelfranken helfen Schilder, das Grab des „Kind Europas“, das nur 21 Jahre alt wurde, zu finden. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der, je mehr man sich mit ihm beschäftigt, desto mehr Rätsel er aufgibt. Und es ist eine Geschichte, die sich durchaus eignet, eine Metapher für die Gegenwart bis ins Kanzleramt zu kreieren. Doch der Reihe nach.

Am 26. Mai 1828 tauchte in Nürnberg ein Junge von 15 oder 16 Jahren auf. Verwirrt geisterte er über den Unschlittplatz in der Altstadt umher. In Quellen wird man von Zeitzeugen später lesen, der Knabe mache einen „pudelnärrischen Anblick“; ungewaschen, verlumpt, verwahrlost bewegte er sich unsicher und wiederholte immer wieder denselben Satz: „A so a Reiter möcht i werden, wie mein Vater einer gwesen ist.“ 

In der Hand hielt er zwei Briefe. Mehr besaß er nicht.

Trotz Zweifel war das das “Kind Europas” geboren

Diese beiden Briefe machten aus einem unbekannten Jungen eine europäische Sensation. Der erste sollte von dem Mann stammen, der ihn seit seiner frühesten Kindheit aufgezogen hatte. Darin hieß es, das Kind sei ihm als Säugling übergeben worden. Er habe es niemals vor die Tür gelassen und könne er ihn nun nicht länger versorgen. Der zweite Brief sollte von der Mutter stammen. Darin wurde erklärt, der Vater sei bereits gestorben, der Junge heiße Kaspar, sei am 30. April 1812 geboren und solle später Soldat werden. Diese beiden Briefen schienen seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen. Viele glaubten den Briefen des sonderbaren Knabens sofort und ein wundersames Narrativ wurde geboren.

Doch ebenso schnell regten sich Zweifel. Schon Zeitgenossen fragten sich, wie jemand, der angeblich sein ganzes Leben in einem dunklen Verlies verbracht hatte, innerhalb kürzester Zeit so schnell lesen, schreiben und gesellschaftliche Umgangsformen lernen konnte. Seine Auffassungsgabe war bemerkenswert, sein Gedächtnis außergewöhnlich. Auch die Briefe selbst gerieten früh unter Verdacht. Manche Gutachter vermuteten, sie könnten vom selben Schreiber stammen. Das Fundament seiner Geschichte bestand aus zwei Dokumenten – und aus dem Vertrauen, das Menschen diesen Dokumenten entgegenbrachten.

Trotz aller Zweifel wurde Kaspar Hauser zum „Kind Europas“. Schriftsteller, Philosophen und Adelige machten ihn zur Projektionsfläche ihrer Hoffnungen. Die berühmteste Legende erklärte ihn sogar zum rechtmäßigen Erbprinzen von Baden, der aufgrund eines Thronfolgestreites beseitigt werden musste. 

Als ich vor seinem Grab stand, wurde mir klar, dass diese Geschichte weit mehr erzählt als die Biographie eines rätselhaften jungen Mannes. Sie erzählt etwas über Vertrauen und über die Macht von Schriftstücken oder besser: die Macht von Erzählmustern. Wie sehr sind Menschen bereit, einer Geschichte zu glauben, damit sie ihr Weltbild stützt?

Merz brach sein eigenes Erzählmuster

Politiker wie Friedrich Merz – das ist unser Kanzler – wissen um die Macht von Erzählmustern. Während sich Kaspar Hausers Identität auf zwei Briefe stützt, schöpft Merz seine Integrität aus Versprechen und Programmen aus dem Wahlkampf. Dem Wähler bleibt schlicht nichts übrig, als diesen Verheißungen zu glauben. 

Der Nürnberger Bevölkerung blieb 1828 ebenfalls nichts anderes übrig, als den beiden Briefen Glauben zu schenken. Niemand konnte überprüfen, ob der junge Mann tatsächlich jahrelang eingesperrt gewesen war und tatsächlich ein Thronnachfolger aus dem Hause Baden war. 

Demokratie funktioniert letztlich nach demselben Prinzip. Vor einer Wahl kann niemand wissen, wie ein Politiker tatsächlich regieren wird. Der Wähler kann ja denklogisch nicht in die Zukunft blicken. Er kennt nur das, was ihm schriftlich und mündlich zugesagt wird: Wahlprogramme, Interviews, Parteitagsreden, Auftritte bei Sandra Maischberger. Auch sie erzählen eine Geschichte – allerdings nicht über die Vergangenheit wie bei Kaspar Hauser, falls der junge Mann überhaupt so hieß, sondern über die Zukunft.

Friedrich Merz‘ „Brief“, sein Erzählmuster, war das des Politikwechsels. Die Schuldenbremse sollte gelten, solide Staatsfinanzen sollten zurückkehren und Deutschland wirtschaftlich wieder auf Kurs gebracht werden. Viele Unionswähler verbanden mit ihm außerdem die Hoffnung auf eine grundlegende Korrektur der Energiepolitik. Im Wahlkampf klang an mehreren Stellen an, dass die Entscheidung zum Atomausstieg neu bewertet werden müsse. Ebenso weckte die Union Erwartungen an einen spürbaren Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen und eine deutlich konsequentere Migrationspolitik.

„Manchmal ist die Wahrheit einfach nicht gut genug“

Wie es nach der Wahl dann letzten Endes wirklich kam, das wissen wir, und markierte einen Kurs, der sogar den einen oder anderen Berufsmisanthropen aus den Latschen haute: Rekordschulden wurden gemacht, die Rückkehr zur Kernenergie verschwand von der Tagesordnung, während eine echte Migrationswende bis heute nicht stattfand. 

Natürlich erzwingen Koalitionen Kompromisse, und mit dieser Sozialdemokratie, die Identitätspolitik statt verantwortungsethischer Politik vorzieht, weil hauptsächlich Berufspolitiker in der Partei das Sagen haben, die jenseits der Politik noch nicht nennenswerte Erfahrungen sammeln konnten, ist es schwierig. Doch dass es so schamlos war und schnell ging, die Wahlversprechen zu brechen, das hat Vertrauen nachhaltig erschüttert. Denn Vertrauen lebt nicht von Erklärungen vor Kamerablitzgewitter und live bei Maybrit Illner, sondern, wie überraschend kann es sein, von Verlässlichkeit des Handelns.

Genau hier drängt sich die Erinnerung an Kaspar Hauser auf. Seine Geschichte war deshalb so wirkungsmächtig, weil sie den Hoffnungen der Menschen entsprach. Europa wollte an den geheimnisvollen Findling glauben. Manche machten ihn zum unschuldigen Opfer, andere zum verschollenen Prinzen. Die Geschichte war stärker als die Zweifel, wie bei den Hitler-Tagebüchern, die im Stern abgedruckt wurden, obwohl es auch hier bereits intern erhebliche Zweifel gab. Auch hier genügten wenige Blätter Papier, um ein ganzes Narrativ entstehen zu lassen. 

„Manchmal ist die Wahrheit einfach nicht gut genug“, heißt es in Batman – The Dark Knight. Und das ist die traurige Realität deutschen Wahlviehs, weshalb sie Jahrzehnte über Jahrzehnte auf immer dieselben Parteien mit denselben Floskeln hereinfallen.

Alle Geschichte beginnt mit einem Blatt Papier

Auf dem Grabstein von Kaspar Hauser stehen nur wenige Worte: „Hier liegt Kaspar Hauser, Rätsel seiner Zeit. Unbekannt seine Geburt, geheimnisvoll sein Tod.“ Wahrscheinlich werden Historiker auch in zweihundert Jahren noch darüber streiten, wer Kaspar Hauser wirklich war. Moderne DNA-Untersuchungen sprechen allerdings mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gegen die Theorie, er sei aus dem Adelsgeschlecht Baden gewesen. 

Geblieben ist dennoch das Rätsel. Denn auch sein Tod blieb geheimnisvoll. Im Dezember 1833 erlitt Kaspar Hauser im Ansbacher Hofgarten eine tödliche Stichverletzung. Ob sie ihm ein Attentäter zufügte oder ob er sie sich selbst beibrachte, ist bis heute ungeklärt. 

Über Friedrich Merz werden spätere Historiker deutlich weniger rätseln müssen. Seine „Briefe“, also seine Erzählmuster, liegen offen vor uns. Sie heißen Wahlprogramm, Interviews und Koalitionsvertrag. Niemand muss sie erst entdecken. Man muss sie nur neben das Regierungshandeln legen und schon ergibt sich das eindeutige Bild eines unehrlichen, lavierenden Kanzlerschlawiners, der tatsächlich das Zeug hat, nachhaltigen Schaden anzurichten. Im Gegensatz zum Märchen-Merz wird sich das Rätsel von Kaspar Hauser womöglich niemals vollständig lösen lassen. Doch es bleibt, wie es ist: Alle Geschichte beginnt mit einem Blatt Papier – und endet an der Wirklichkeit, wo auch diese Regierung, ob früher oder später, enden wird.

P.S.: HÖRT, HÖRT! Oder wie Sie jetzt auch sagen können: PLUTZ BLITZ So heißt die nun gestartete Video-Serie von Julian Marius Plutz. Hier die erste Folge zu Ansbach, Hauser und Merz ansehen:

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