Die Nazis und das Bauhaus

Von den vielen Einsichten, die das Werk von Augusto Del Noce birgt, bleibt eine besonders in Erinnerung: Nämlich die westliche Verirrung, Faschismus und Nationalsozialismus als „rückwärtsgewandt“ misszuverstehen, obwohl sie „modern“ waren. Dieses gewollte oder ungewollte Missverständnis hat im 20. Jahrhundert dazu geführt, die Schrecken der damaligen Zeit auf die „Rückwärtsgewandtheit“, bzw. die Tradition und die Vergangenheit zurückzuführen, und nicht etwa auf die „neuen Ideen“, die sich seit dem langen 19. Jahrhundert durchgesetzt hatten.

Del Noce zieht dabei Jospeh de Maistre als Beobachter heran. Der savoyardische Gelehrte hatte bereits festgestellt, dass eine Revolution gegen die Revolution eine eigene Ideologie darstellt. Es handelt sich um eine „Revolution in die andere Richtung“. Diese ist von konservativen und reaktionären Ideen zu unterscheiden. Im Grunde wollen diese eben keine Gegenrevolution, sondern eine Restauration oder Restitution. Del Noce hat De Maistre daher als den eigentlichen Philosophen der Revolution beschrieben.

De Maistre unterscheidet demnach von den früheren Aufständen und Revolten des Volkes oder der Adligen. Sie wendeten sich gegen die Abschaffung eines Missstandes oder eine Person, nicht aber gegen das System. Hier setzt Del Noce an: die eigentliche Triebfeder der Moderne ist der Atheismus. Guardini hat in ähnlicher Form die Frage nach der Autonomie des Subjekts damit beantwortet, dass diese prinzipiell eine Frage der Freiheit von Gott ist: Das Individuum kann nicht völlig frei sein, wenn es eine transzendente Ordnung gibt, die über ihm steht.

Del Noce und De Maistre: Die Dynamik der echten Revolution

Die erfolgreichste atheistische Ideologie war laut Del Noce der Marxismus. Er ist als bedeutendster Erbe des Rationalismus so erfolgreich, dass er weit jenseits des kommunistischen Milieus rezipiert wird. Zu einem gewissen Grad wandelt sich das gesamte westliche Geschichtsverständnis in ein marxistisches. Auch in der Philosophiegeschichte wird die Entwicklung von Descartes zu Hegel und Marx (und später Nietzsche) als zwangsläufig wahrgenommen; eine vermeintliche Einbahnstraße, die Del Noce mit der Möglichkeit einer Parallellinie von Descartes zu Vico, Gioberti und Rosmini widerlegt. Aber diese marxistische „Notwendigkeit“ der Geschichtsentwicklung macht eben auch vor der Philosophie nicht Halt.

Im Sinne dieser historisch-materialistischen Erzählung können Nationalsozialismus und Faschismus tatsächlich nur als „reaktionäre“ Kräfte auftreten, weil sie das kommunistische Paradies aufhalten wollen. Sie müssen daher notwendigerweise als Endstation von Kapitalismus und Bourgeoisie auftreten. Dass diese Theorie nicht ansatzweise die tatsächliche Entwicklung und Herkunft dieser Ideologien trifft, ist Nebensache; diese wirkmächtige Narrativ findet sich aber heute selbst bei bürgerlichen und sogar „konservativen“ Denkern und Entscheidungsträgern.

Insofern mag es nicht überraschen, wenn auch im Zuge des „Bauhausmanifests“ der Bundesregierung der Mythos wachgehalten wird, das Bauhaus stehe für Freiheit, Offenheit, Innovation und Demokratie; ganz ab davon, dass die vermeintliche „neuartige Verbindung von Kunst und Handwerk, Gestaltung und Technik, von Design und Architektur“ bereits im Art Nouveau/Jugendstil zu finden ist, wird auch hier die alte Mär evoziert: auf der einen Seite der rückwärtsgewandte Nationalsozialismus, auf der anderen das moderne Bauhaus, das von ihm unterdrückt wurde.

Gutes Bauhaus, böses Fachwerk

Ganz im Gegensatz zu diesem verbreiteten Manichäismus gibt es mehrere Bauhausarchitekten, die im Nationalsozialismus Karriere gemacht haben. Fritz Ertl gehört zu den bekannteren Namen. Zumindest in der heutigen Forschung lässt sich diese Behauptung jedenfalls nicht mehr aufrechtzuerhalten; doch es geht in der ganzen Angelegenheit nicht um Geschichte, sondern Geschichtspolitik. Weil es aus der AfD kritische Stimmen zum Bauhaus gibt, repräsentiert das Bauhaus jetzt „die Guten“.

Hintergrund ist aber auch hier das Geschichtsverständnis wie im Marxismus: Nationalsozialisten seien reaktionär, das zeige sich bereits in der Kunst. Dass das letztere Argument bereits beim Faschismus kaum aufgeht, weil der Futurismus in allen seinen Ausprägungen eine anti-traditionelle Linie verfolgt, sollte bereits einige irritieren. Auch die Effizienzbauten der Nationalsozialisten nehmen eher den modernistischen Baustil zum Vorbild als den Neoklassizismus. 

Diese architektonische Diskussion geht in Deutschland viel tiefer, als man meinen mag. Unvergessen der Einwurf eines Architekturprofessors, der im Wiederaufbau von Teilen der Frankfurter Altstadt ein „unterkomplexes Heile-Welt-Gebaue“ sah, das den Holocaust herabstufe. Implizit der Vorwurf: Wer die Vergangenheit wiederaufbaut, der leugnet dunkle Kapitel. Oder auch kurz gesagt: Fachwerk ist faschistisch. 

Die Überzeugung sitzt also tief, dass die Nationalsozialisten als Reaktionäre einer „alten“ Weltsicht angehört hätten. Da kann auch ein Wuchtvermächtnis wie das Reichsluftfahrtministerium, das heute vom Bundesfinanzministerium genutzt wird, nicht überzeugen, dass die Sache etwas anders aussieht. Denn trotz der offensichtlichen Abneigung gegen allzu modernistische Verirrungen steht das Gebäude ganz eindeutig im Kontext der internationalen Moderne der 1930er. Dass nicht nur das Bauhaus, sondern auch die Heimatschutzarchitektur Hitlers Geschmack zum Opfer fiel, wird ausgespart.

Der Neue Mensch und das Mängelwesen

Die marxistische Erzählung der „reaktionären“ Nazis hat einen Grund: Der marxistische Atheismus sieht sich selbst als Vollender des irdischen Paradieses und deklariert schlichtweg alle seine Gegner zu Reaktionären, die den Fortschritt aufhalten wollen. Im libertären Milieu werden häufig die ökonomischen Parallelen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus betont; dabei wäre es nicht unvorteilhaft, sich auch der geistesgeschichtlichen Entwicklung bewusst zu werden. Denn sowohl Nationalsozialismus wie Kommunismus liegt der marxistische Freiheitsgedanke zugrunde, der sich vom libertären und auch reaktionären Freiheitsgedanken unterscheidet.

Der marxistisch-atheistische Freiheitsgedanke ist modern, indem er Gott negiert, den Menschen zum Schöpfer einer neuen Welt macht; die (weltliche) Macht wird zum Vollstrecker der Geschichte. Das „Böse“ besteht in der Struktur – ob Patriarchat, Klasse, Rasse oder Partei, ist zweitrangig – und kann vom „Neuen Menschen“ besiegt werden. Die moderne Ideologie beherrscht die Faszination von Entfesselung. Dass der Marxismus auf die Zukunft, der Nationalsozialismus auf die Vergangenheit gerichtet ist, ist dabei kein Gegensatz, sondern bloßes Detail. Beiden Ideologien liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Revolution deshalb zur Gewalt greifen darf – die Revolution ist nunmehr ein „schöpferischer Akt“ um das Böse als Ganzes auszurotten.

Konservative, Reaktionäre wie Libertäre eint dagegen der Gedanke, dass eine „absolute“ Zerstörung des Bösen zumindest nicht aus Menschenhand möglich ist. Zwar steht der Libertäre in „rationalistischer“ Tradition, wenn er den Menschen als vernunftorientiert und selbstbestimmt einordnet; was den Freiheitlichen aber an Reaktionäre und Konservative bindet, ist die Einsicht, dass der Mensch seine unüberwindbaren Mängel hat. Der Libertäre ist skeptisch gegenüber dem Staat, weil er weiß, dass Menschen sich leicht von der Macht verführen lassen. Das Böse steckt nicht in der Struktur, sondern im freien Willen des Menschen, der sich dafür entscheiden kann.

Die Verwandtschaft von Reaktionären und Libertären

In diesem Sinne ist es nicht überraschend, dass zwei der bedeutendsten Libertären des deutschsprachigen Raums zugleich bekennende Christen waren, nämlich Roland Baader und Erik von Kuehnelt-Leddihn. Das Christentum erkennt das Böse als Mangel des Guten an, nicht als eigene Substanz. Das Böse in der Welt kann und muss auf ein Minimum reduziert werden; das gilt auch für den politischen Bereich. Einen „neuen Menschen“ zu züchten oder die Diener des Bösen auszurotten, entspricht dagegen eher den gnostischen Erben. Der Revolution begegnen alle drei Typen dagegen mit großer Skepsis. 

Es verwundert demnach auch nicht, dass gerade aus dem libertären Lager die Französische Revolution zu Recht in dieselbe Kategorie wie die bolschewistische Revolution eingeordnet wird (neben Baader und Kuhnelt-Leddihn insbesondere Hans-Hermann Hoppe). Die Einordnung trennt bis heute Libertäre von Liberalen; vermutlich, weil der Libertarismus seine Verwurzelung vor der Revolution findet, indes die Liberalen den revolutionären Gedanken durch das 19. Jahrhundert mitgetragen haben, und in ihrem Geschichtsverständnis heute dem Marxismus näherstehen als dem libertären Geschichtsverständnis. Auch deshalb ist es nur konsequent, dass der Sandwirt sich auf einen Reaktionär bezieht, der sich gegen die Revolution erhob.

Das zeigt neuerlich die eigentlichen Gräben. Der Nationalsozialismus war wie seine anderen totalitären Geschwister zutiefst modern. Die linke intellektuelle Deutungshoheit der Nachkriegszeit und die Erzählungen von Partisanen oder „Befreiungen“ durch die Rote Armee sollten aber den blutigsten Nachkommen der marxistischen Theorie als „Antifaschisten“, also als Gegenstück des Totalitarismus aufbauen. In Wirklichkeit wurde damit die dramatische Denkgewohnheit eingeführt, dass nicht etwa das „Neue“ Europa in den Abgrund geworfen hatte, sondern das „Alte“. Verantwortlich waren nicht die revolutionären Ideen, deren Gottlosigkeit die Menschenwürde negierte (denn anders als „Menschenrechte“ ist die Menschenwürde nur über die Gottesebenbildlichkeit gewährleistet), sondern vermeintliche „alte Monster“, die der Schlaf der Vernunft auch schon in voraufgeklärten Zeiten hervorgebracht hätte.

Die schönere Bauhaus-Schwester

Damit war der „Bruch“ mit der Vergangenheit für zahlreiche Europäer die geeignete Medizin. In Wirklichkeit war sie Gift: mit der Aufgabe von Gott, Familie und Heimat brach man die letzten Mauern ein. Kirchen und konservative Parteien haben mittlerweile die progressive Ideologie aufgesogen: Politische Relevanz ist wichtiger als das Seelenheil oder die Verbesserung der Lebensumstände geworden. Überall dient man stattdessen der großen Revolution, mal in Gestalt der Massenmigration, des Klimawandels oder der feindlichen Übernahme durch die AfD. Dann kann auch plötzlich ein hässlicher Baustil wie das Bauhaus zur entscheidenden Kampflinie zwischen Licht und Finsternis werden.

Dabei gibt es eine moderne Alternative, die tatsächlich menschlicher und ästhetischer ist: Art Deco. Dass dieser „verschwenderische“ Stil im Zuge des Zweiten Weltkrieges tatsächlich aus Effizienzerwägungen und rationalistischen Antrieben aufgegeben wurde, ist eine viel größere Tragik; aber auch in der Architektur schreiben die Sieger die Geschichte.

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