German Angst vor der KI

Wer Kultur schätzt und Kunst zumindest ab und zu, der kommt in Frankfurt am Main auf seine Kosten. Vom Museumsufer bis hin zu vielen kleinen und gar nicht mal so kleinen Off-Bühnen findet Frau wie Mann von Geist und Welt etwas, um sein Gemüt zu befriedigen. So auch in der Schirn, die Kunsthalle, die sich eigentlich auf dem Römerberg befindet, jedoch aufgrund von Baumaßnahmen bis 2028, ich schätze, es wird 2038, nach Bockenheim umziehen musste, was insofern gar nichts ausmacht, schreit doch das Gebäude geradezu nach Kunst. 

Es handelt sich um die Betriebsstätte der ehemaligen Druckerei B. Dondorf, die es längst nicht mehr gibt, da nur noch wenige Drucksachen benötigt werden, im beamten- und papierlastigen Behördenstaat Deutschland wohl noch etwas länger, aber bis auf schöne und herzliche Briefe, die per Hand geschrieben werden, und schöne und wichtige Bücher und Zeitschriften, nicht zuletzt um der Ästhetik willen, werden Druckerzeugnisse in 20 oder 30 Jahren die Ausnahme und nicht die Regel sein.

Dieser Fakt ist deshalb so faszinierend, weil sich die aktuelle Ausstellung ausgerechnet DAS Zukunftsthema aussuchte, wozu jeder eine Meinung, doch nicht jeder eine Ahnung ins Gespräch mitbringt: Künstliche Intelligenz.

Zunächst wirkt, wie erwähnt, das Gebäude auf eine widersprüchliche Art für das Thema prädestiniert. Das mehr als 100 Jahre alte Geländer ist gut in Schuss, die Bausubstanz wirkt wertig, ebenso wie die Bilder und Videos, die dem Besucher Künstliche Intelligenz in einer kritischen Würdigung nahebringen. Manches, wie das „Alien Internet“, schwarze, haarige Küchenschwämme, die in einer Flüssigkeit wabern, wirken dann doch skurril und ungewollt lustig und man fragt sich, wie so oft bei Kunst, was denn der Künstler uns damit sagen will. Dass außerirdische Küchenschwämme das Internet übernehmen werden?

Nicht zu Ende gedacht

Je mehr man sich mit der, ich möchte betonen, sehr hochwertigen und gut gemachten Ausstellung beschäftigt, desto mehr kommt der kultur- und fortschrittspessimistische Charakter der Kunstwerke zum Vorschein. Oder anders: Ein Geruch von German Angst macht sich breit.

Den Höhepunkt, der ein intellektueller Tiefpunkt ist, liefern zwei Tafeln, die vom Prinzip her dieselben Thesen verfolgen: KI sei keine neutrale technische Innovation, sondern ein System von Macht, Eigentum und Ausbeutung. KI-Modelle und Datensätze werden ohne Zustimmung angeeignet und anschließend von Unternehmen kontrolliert. Als Gegenmodell werden offene, gemeinschaftlich verwaltete Datensätze und KI-Modelle als „Commons“ vorgeschlagen. Die zweite Tafel überträgt diese Kritik ausgerechnet auf Adam Smith, der sich gar nicht wehren kann, und seine „unsichtbare Hand“ und argumentiert, dass hinter der vermeintlich automatisierten Welt der Plattformökonomie in Wahrheit zahllose unsichtbare menschliche Arbeitsleistungen stehen. Neomarxismus im Kulturkleid also.

Das Problem an der Kritik ist, dass sie nicht zu Ende gedacht ist. Denn auch ein Commons braucht jemanden, der entscheidet, wer welche Daten nutzen darf und nach welchen Regeln. Freiheit bedeutet eben nicht, dass alles allen gehören muss, sondern dass Menschen möglichst selbst über ihr Eigentum und ihre Leistungen bestimmen können. Interessant ist daher gerade der blinde Fleck der Ausstellung: Sie kritisiert unsichtbare Macht, scheint aber zu glauben, dass mehr kollektive Kontrolle, also sichtbare Macht, automatisch mehr Freiheit bedeutet. Das ist nicht nur falsch, das ist auch noch empirisch und historisch, siehe die vermaledeite Geschichte des Kommunismus, widerlegt, und nein, da die ganz Schlauen nun mit China als sozialistischem Kronzeugen daherkommen, die ökonomische Struktur des Reichs der Mitte ist in vielen Punkten wesentlich freiheitlicher als die deutsche. Aber das ist eine andere Debatte.

Die eigentliche Frage lautet: Weshalb sind die Deutschen so fortschrittspessimistisch, während in den USA oder eben in China neue KI-Errungenschaften mit bombastischen Events gefeiert werden? 

Ein wesentlicher Punkt ist sicher die hierzulande überdurchschnittlich stark ausgeprägte Risikokultur, wie man beim Thema Atomkraft gut beobachten konnte. In keinem anderen Land sind die Kernkraftwerke so sicher gewesen wie in Deutschland, gleichzeitig hatte kein anderes Land eine so starke Bewegung gegen die hiesigen Meiler. 

Diese himmelschreiende Schieflage zwischen eingebildetem und tatsächlichem Risiko bewies auch die Dokumentation „Und ewig sterben die Wälder“, die vor Jahren auf Arte zu sehen war. Die Autoren befassten sich mit dem Phänomen Waldsterben. Da Arte den Film in Auftrag gegeben hat, wurde die deutsche sowie die französische Sicht aufgezeigt. Während sich die französischen Bedenken aufgrund der schlichten Tatsache, dass es einfach kein Waldsterben gab, nach kurzer Zeit erübrigten, wuchs die Bewegung in Deutschland rasant. Beide Komplexe, Anti-Atomkraft und das Waldsterben, ebneten schließlich den Weg für die Grünen.

Trotzdem lohnt sich die Ausstellung 

Ein ähnliches Phänomen beobachtete man auch bei Corona. In Zeiten ohne Übersterblichkeit fuhr die Bundesregierung einen brutalen Kurs einschneidendster Maßnahmen, die ein unverhältnismäßig hohes Maß an nicht notwendiger Sicherheit sicherte und gleichzeitig die freiheitsnotwendige Freiheit in weiten Teilen abschaffte. Und es ist überhaupt kein Zufall, dass es wieder die Grünen waren, die noch brutalere und noch weiter reichende Maßnahmen forderten.

Was ebenfalls für Deutschland erschwerend hinzukommt, ist, dass Deutschland lange hervorragend davon gelebt hat, eine bestehende industrielle Ordnung zu perfektionieren: Maschinenbau, Chemie oder Auto. Zwar gab es dort auch immer wieder bahnbrechende Innovationen, jedoch dienten sie nicht einem revolutionären Neustart, sondern eher dazu, den Status quo zu zementieren. Denn der Deutsche ist Meister der Disziplin „Das haben wir schon immer so gemacht“. 

Diese konservative Kultur sorgt dafür, dass sich das Land schwerer mit Digitalisierung tut als andere, viel weniger entwickelte Länder, und es sorgt dafür, dass Künstliche Intelligenz zu häufig und zu einseitig als Gefahr gesehen wird, die den heiligen Status quo Deutscher Nation gefährden könnte.

Trotzdem lohnt sich diese Ausstellung. Weil mir Frankfurt ans Herz gewachsen ist und weil die Ausstellung auf einem hohen Niveau kuratiert ist und, vielleicht in Teilen ungewollt, in vielen Punkten einiges über das deutsche Gemüt aussagt. Danach können Sie immer noch im IMAX „Die Odyssee“ in 3D anschauen. Ich hatte an diesem Tag übrigens eine andere cineastische Odyssee überlebt, denn ich durfte mir die feministische Dokumentation „Was haben wir gelacht“ antun. Doch das ist eine andere Geschichte. 

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