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Als die Pflegeversicherung 1995 an den Start ging, wurde dafür der produktiven Bevölkerung ein Prozent ihres Bruttolohns weggenommen. Arbeitsminister Blüm („Die Rende is sischä!“) baute die Pflegekasse wie eine Teilkasko-Zwangsversicherung: Die Kasse sollte einen Teil der Pflegekosten tragen, den Rest die Familie, das Ersparte und im Notfall das Sozialamt. – Dreißig Jahre später liegt der Beitragssatz bei 3,6 Prozent, Kinderlose zahlen 4,2 Prozent, und der Gesundheitsminister hat gerade ankündigt, dass bei den Leistungen, also den Umverteilungstransfers gekürzt werden muss.

Die Grafik zeigt, was dazwischen geschah. Ich habe die Ausgaben der Pflegezwangsversicherung nach den Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums in Preise von 2025 umgerechnet, damit die Inflation das Bild nicht verzerrt. Von 1997 bis 2008 blieben die Ausgaben ein gutes Jahrzehnt lang inflationsbereinigt etwa konstant, obwohl der Kreis der Empfänger durch die Alterung der Gesellschaft langsam aber sicher anstieg.
Dann entdeckten die Politiker die Pflege als Feld für Wohltaten. Klar, die Stimmen der Rentner sind zu ernten! Mehrere Pflegestärkungsgesetze erhöhten die Leistungen, 2017 ersetzten fünf Pflegegrade die drei alten Pflegestufen, und der Begriff der Pflegebedürftigkeit wurde deutlich weiter gefasst. Die Kurve knickt genau dort nach oben ab. Die realen Ausgaben sind heute etwa dreimal so hoch wie 1997. Die Zahl der Pflegebedürftigen wuchs nach dem Statistischen Bundesamt von 2,0 Millionen im Jahr 1999 auf 5,7 Millionen Ende 2023.
Bezahlt wird das wie die Rente im Umlageverfahren: Was die Beschäftigten und Rentner in einem Jahr einzahlen, geht im selben Jahr wieder raus. 2025 nahm die Pflegeversicherung den Bürgern 73,3 Milliarden Euro weg und verteilte 73,8 Milliarden Euro um, der Bund half mit einem Darlehen von einer halben Milliarde, die Differenz zu stopfen, und die Reserve der Kasse reichte Ende 2025 für weniger als einen Monat. Der einzige Topf im System mit echtem Kapital ist der Pflegevorsorgefonds bei der Bundesbank, er enthält gut 16 Milliarden Euro. Gemessen an einer Jahresrechnung von 74 Milliarden ist das allerdings nur ein Notgroschen.
Der sich als Gesundheitsminister versuchende CDU-Parteifürst Linnemann sagte in dieser Woche dem Handelsblatt, ohne Reform (damit meint er die Leistungskürzungen) hätte der Pflegeversicherung 2027 ein Defizit von rund acht Milliarden Euro gedroht, man müsse „rund zehn Prozent einsparen“, weitere Leistungskürzungen könne er nicht ausschließen.
Das ist zwar ehrlicher als alles, was in den Jahren der Leistungsausweitung zu hören war, ändert aber nichts an dem maroden System, sondern bleibt eine Ansage innerhalb desselben Systems: Die Politik verspricht zur Wählerwerbung Leistungen, die Zahler finanzieren zwangsweise, und wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht, werden die ursprünglich versprochenen Leistungen herunter geregelt.
Die stärksten Kohorten der Babyboomer erreichen erst in den kommenden Jahren das Alter, in dem Pflege wahrscheinlich wird. Wenn Sie heute vierzig sind, verlassen Sie sich besser nicht auf diese Zwangsteilkasko, aus rein mathematischen Gründen. Die Pflegeversicherung wird für die meisten Familien das bleiben, was Blüm 1995 versprochen hatte: ein Zuschuss. Und der wird zwingend immer kleiner werden, die Zahlen geben nicht mehr her. Jeder Politiker, der höhere Leistungen für die Pflege verspricht, lügt. Obwohl Ihnen während der Zeit Ihrer Berufstätigkeit ein Riesenhaufen Geld für die Pflegezwangsversicherung abgezogen wurde, werden Sie die Kosten der Pflege in Ihrer Familie selbst tragen: mit Ihrem Ersparten, Ihrem Eigentum und Ihrer Familie.
Jede Woche am Samstagmorgen erscheint im Frühschoppen unter anderem die Rubrik „Zahlen, die zählen“ mit einer Kurzanalyse und einer prägnanten Grafik. Außerdem ein Brief unseres Herausgebers Oliver Gorus, die Woche in drei Sätzen und sämtliche Artikel und Podcast-Folgen, die im Laufe der Woche im Sandwirt erschienen sind. Der Frühschoppen kommt kostenlos in Ihr Postfach. Ein Klick genügt, abbestellen können Sie jederzeit. Hier geht’s zur Anmeldung: Frühschoppen abonnieren.

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