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Seit ich in Deutschland und in den Anrainerstaaten viel unterwegs bin, habe ich mir zur Aufgabe gemacht, Orte verstehen zu wollen. Das mag esoterisch klingen, aber ich glaube, dass jeder Stadt eine Art Seele innewohnt, etwas, das unausgesprochen über Jahrhunderte weitergetragen wird, mag sich auch das viel diskutierte Stadtbild ändern. So ist Frankfurt nicht nur aufgrund der gleichnamigen Schule, aber auch durch die historische Paulskirche untrennbar mit politischer Agitation verbunden. Einerseits. Andererseits prägen eben dieses Stadtbild, die Kriminalität, die Parksituation und die offen zur Schau getragene Drogenkriminalität. Mit solchen Widersprüchen müssen die Einwohner und Besucher von Städten leben.
20 Kilometer in Richtung Franken liegt Hanau, eine Stadt, deren Seele untrennbar mit der schrecklichen Tat von Tobias Rathjen im Jahr 2020 verbunden ist. Zuerst fährt Rathjen in den Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Er geht zu mehreren Orten, an denen Menschen zusammensitzen. In und vor Bars und einem Kiosk eröffnet er das Feuer. Neun Menschen werden an diesem Abend ermordet.
Ihre Namen lauten: Gökhan Gültekin. Sedat Gürbüz. Said Nesar Hashemi. Mercedes Kierpacz. Hamza Kurtović. Fatih Saraçoğlu. Ferhat Unvar. Kaloyan Velkov. Vili Viorel Păun. – Um der Opfer zu gedenken, muss man die Namen nennen.
Anschließend fährt Rathjen nach Hause, ermordet seine Mutter und bringt sich dann selbst um. Man findet wirre Schriften von ihm über UFOs und krude Verschwörungstheorien, aber auch handfeste, rassistische und judenfeindliche Pamphlete, und es liegt nahe, dass Rathjen seine Täter aufgrund rassistischer Motive ausgesucht hat. Was dann jedoch von vielen aus der Tat gemacht wurde, wird weder dem Amoklauf noch den Opfern gerecht. Man sprach unverblümt von „antimuslimischem Rassismus“.
Und hier beginnt ein kategorisches Problem.
Rassismus richtet sich gegen Menschen aufgrund einer zugeschriebenen oder tatsächlichen Herkunft, Ethnie oder Abstammung. Muslimisch zu sein beschreibt dagegen eine Religion. Man kann Muslim werden, wenn man die Shahada, das Glaubensbekenntnis, ausspricht. Dagegen: Haben Sie schon mal von einem antichristlichen Rassismus gehört? Richtig, ich auch nicht. Was daran liegt, dass es ihn nicht gibt, ebenso wenig wie antimuslimischen Rassismus.
Ein Muslim kann Deutscher sein. Ein Nicht-Muslim kann Ausländer sein. Ein Mensch kann türkische, kurdische, afghanische, rumänische, bulgarische oder sogar fränkische Wurzeln haben und Muslim sein – oder auch nicht. Und genau diese Unterscheidung wird mit dem Begriff „antimuslimischer Rassismus“ sprachlich verwischt.
Noch problematischer wird es, wenn damit der Anschlag von Hanau erklärt werden soll. Denn einige Opfer waren keine Muslime, sondern Christen oder vielleicht auch Atheisten, was auch immer. Der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ ist zum Kampfbegriff einer im links-woken Lager agierenden Gruppe von Agitateuren geworden, die den eigentlichen Grund der Diskriminierung, den Rassismus, weichmachen wollen und die Geschichte groß machen, es gäbe eine großartige Stimmung gegen Muslime. Doch das ist nicht korrekt.
In Ballungsgebieten sind Muslime längst in der Mehrheit. In Städten wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg gibt es Schulen, da sind Klassen zu über 90 Prozent mit muslimischen Kindern besetzt. Und die Mehrheit bestimmt, ob und wer diskriminiert wird. Es ist selten, dass eine Minderheit eine Mehrheit unterdrückt.
Währenddessen dekoriert sich Deutschland mit gratismutigen Gesten wie den sogenannten Schulen mit Courage, um vermeintliche Diskriminierungen zu bekämpfen. Engagiert sich ein Rektor dahingehend, diesen Titel zu erwerben, muss er lediglich ein paar Workshops gegen rechts anbieten. Sodann kommt ein Mitarbeiter des Bundesbildungsministeriums und überreicht der Schule die Plakette, die die meisten sicher kennen. Diese hängt dann sichtbar neben dem Eingang, und das Glück ist vollbracht: Denn in einer staatlich zertifizierten Courage-Schule kann ja unmöglich diskriminiert werden.
Auch in Hanau gibt es staatlich legitimierte Courage-Schulen, wie die Hohe Landesschule zum Beispiel, auf der der Attentäter von 2020 sein Abitur gemacht hat. Zum damaligen Zeitpunkt war die Schule noch nicht von Amts wegen couragiert, dennoch darf bezweifelt werden, ob ihn das abgehalten hätte.
Echte Courage existiert nur dann, wenn man, wie es Nassim Nicholas Taleb so treffend formuliert hat, „skin in the game“ hat. Nur wer für sein eigenes Verhalten Verantwortung für die Konsequenzen übernimmt, also etwas riskiert, der kann moralisch korrekt handeln. Eine staatliche Courage-Schule riskiert gar nichts.

Ganz im Gegensatz zu Vili Viorel Păun. Er war gerade einmal 22 Jahre alt, rumänischer Herkunft und orthodoxer Christ. Und er ist, wie eingangs erwähnt, eines der neun Opfer des Anschlags von Hanau. Aber Vili war in dieser Nacht nicht einfach nur ein Opfer. Er hat gehandelt. Er war wirklich couragiert. Er hatte „skin in the game“.
Nachdem er die Schüsse mitbekommen hatte, bemerkte er, dass der Täter mit seinem Auto unterwegs war. Vili folgte ihm bis zum zweiten Tatort. Währenddessen versuchte er mehrfach, die Polizei unter der Nummer 110 zu erreichen. Doch seine Anrufe wurden nicht angenommen. Ich dachte, so etwas gibt es nur im Film oder in Berlin. Schließlich schoss der Täter auf sein Auto und ermordete ihn.
Geht man am Kurt-Schumacher-Platz in der Hanauer Kesselstadt aus dem Lidl, dem Ort, an dem die Tat endete, erblickt man ein Kreuz, Fotos, Blumen und Kerzen, die Farben Rumäniens und den Namen Vili Viorel Păun, des 22-Jährigen, der durch seine Courage weitere Tote verhindern wollte und dies mit seinem Leben bezahlte. Dieser Ort ist der beste und gleichzeitig der schrecklichste Beweis, dass es sich bei dem Anschlag denklogisch nicht um einen sogenannten antimuslimischen Rassismus handeln kann.
War die Tat rassistisch motiviert? Ganz bestimmt. Eignet sich die Tat, um eine Rechtsradikalisierung in Deutschland zu beschreiben? Ganz bestimmt nicht. Der Täter war offenkundig psychisch krank, was spätestens dann klar wurde, als er diesen Mittwochabend mit einem erweiterten Suizid beendete. Dies soll das Leid der Opfer oder die Tat selbst in keinem Fall schmälern. Es hilft jedoch bei der korrekten Einschätzung.
Am Heumarkt in Hanau erinnert neben einem Gedenkplatz der Verein #saytheirnames an die Opfer. Hier spielt eine Politisierung keine Rolle, hier geht es darum, sechs Jahre nach dieser Wahnsinnstat irgendwie weiterzumachen. Eines der rührendsten Gedenken, das noch über Jahre anhalten dürfte, erreicht ausgerechnet der Schauspieler Edin Hasanović. Als der neue Frankfurter Tatortkommissar seinen Job antrat, fragte er den Vater des beim Anschlag ermordeten Hamza Kurtović, ob er sich in der Rolle denn „Hamza“ nennen dürfe. Seitdem ermittelt in der Mainmetropole neben Maryam Azadi ein gewisser Hamza Kulina. Welch eine rührende Geste.
Und so ist Hanaus Seele zwar intakt, aber immer noch in einer merkbaren Trauer, was sich wahrscheinlich lange nicht ändern wird.
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