So viel mehr Suizide?

Zahlen, die zählen #02

2025 starben in Deutschland 2.832 Menschen bei Verkehrsunfällen, die Zahl nimmt in den letzten 25 Jahren trotz steigendem Verkehrsaufkommen stetig ab. Aber viermal so viele, nämlich 11.334 Menschen, nahmen sich 2025 das Leben, so viele wie seit 1998 nicht mehr. Interessanterweise wird über die kleinere Zahl, nämlich die der Verkehrstoten jedes Jahr ausführlich berichtet, während die deutlich größere, nämlich die der Suizide, meist nur still und stumm in der Statistik des Bundesamts steht.

Die Grafik zeigt beide Reihen seit 2000. Die Zahl der Verkehrstoten fiel im letzten Vierteljahrhundert um fast zwei Drittel. Die Zahl der Suizide steigt seit 2021 steil an, um 23 Prozent in vier Jahren. Gezählt werden Fälle nach der Todesbescheinigung, Gründe stehen dort nicht.

Etwa 70 Prozent der Gestorbenen sind Männer. Und ihr Alter nimmt statistisch zu: Fast die Hälfte der Gestorbenen war 65 Jahre oder älter, im Jahr 2000 gehörten erst ein Drittel zu den Älteren. Dass Suizide im Alter häufiger werden, kann man auch an den Suizidraten pro Altersgruppen ablesen: Bei Männern über 85 liegt die Suizidrate fast zehnmal so hoch wie bei jungen Männern zwischen 20 und 25. Die Alterung der Gesellschaft erklärt den Anstieg nicht allein, denn auch die altersbereinigte Rate lag 2023 über der von 2019.

Die Lockdown-Jahre 2020 und 2021 liegen mit 9.206 und 9.215 Fällen nur knapp über dem Tiefstand von 2019, der Anstieg beginnt erst von 2021 auf 2022. Mit diesen Zahlen lassen sich die Corona-Maßnahmen nicht direkt als Ursache belegen, spätere Folgen schließen sie allerdings auch nicht aus.

Im Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Suizidhilfe für nichtig und begründete das mit dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Ein Gesetz, das Beratung und Freiwilligkeit regelt, gibt es aber bis heute nicht. 2023 fielen im Bundestag zwei Entwürfe durch, seit Anfang 2026 arbeitet eine Abgeordnetengruppe an einem neuen, der bis Ende Oktober nicht eingebracht war. 

Drei Sterbehilfeorganisationen meldeten für 2025 insgesamt 1.287 begleitete Suizide, deutlich mehr als im Jahr davor. Die Todesursachenstatistik weist aber assistierte Suizide nicht gesondert aus. 

Bei Frauen geht der Anstieg 2025 fast vollständig auf absichtliche Selbstvergiftungen mit Medikamenten zurück, und Fachleute des nationalen Suizidpräventionsprogramms halten einen Zusammenhang mit der Suizidhilfe für möglich. Klären ließe sich das nur mit einer bundesweiten Erfassung assistierter Suizide, die es bisher nicht gibt.

Auch bei der Vorbeugung geht es zäh voran. Im Juli 2023 beschloss der Bundestag fast einstimmig, die Suizidprävention zu stärken. Im Dezember 2024 brachte das Kabinett ein Suizidpräventionsgesetz auf den Weg, das aber mit der vorgezogenen Neuwahl verfiel. Seit dem 3. Juli 2026 liegt ein neuer Referentenentwurf vor, mehr nicht. Die Fachleute des Präventionsprogramms fordern erneut Hilfsangebote, die verlässlich finanziert sind.

Im Schnitt nehmen sich in Deutschland jeden Tag 31 Menschen das Leben, alle 46 Minuten einer. Nach der Aufhebung des Verbots durch das Verfassungsgericht 2020 waren die Politiker seit nun sechs Jahren nicht in der Lage, die Suizidhilfe und die Präventionsmaßnahmen vernünftig zu regeln, es gibt nicht einmal aufschlussreiche Zahlen. 

Auch dieses Beispiel zeigt, ganz ähnlich wie bei der Bildung oder der Versorgung von Notleidenden, dass der Staat mit den gesellschaftlichen Aufgaben, die er an sich gezogen hat, heillos überfordert ist. Leute davor zu bewahren, in ausweglos erscheinende Lebenssituationen sich das Leben zu nehmen, das können Politiker nicht. Da sind vor allem die Familien, Freunde, Nachbarn, die Gemeinde, die Kirchen gefragt. Und private Vereine wie die Telefonseelsorge.

Wenn Sie selbst an Suizid denken oder sich um einen Menschen sorgen: Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, unter +49 800 111 0 111 und +49 800 111 0 222.

Jede Woche am Samstagmorgen erscheint im Frühschoppen unter anderem die Rubrik „Zahlen, die zählen“ mit einer Kurzanalyse und einer prägnanten Grafik. Außerdem ein Brief unseres Herausgebers Oliver Gorus, die Woche in drei Sätzen und sämtliche Artikel und Podcast-Folgen, die im Laufe der Woche im Sandwirt erschienen sind. Der Frühschoppen kommt kostenlos in Ihr Postfach. Ein Klick genügt, abbestellen können Sie jederzeit. Hier geht’s zur Anmeldung: Frühschoppen abonnieren.

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