Zum Teufel mit der Cancel Culture: Räsoniert!

In Brasilien gewinnt – unter ungewöhnlichen Umständen – ein Sozialist die Präsidentschaftswahlen, und mitunter das Erste, wovon er spricht, ist, dass er die digitalen Plattformen regulieren will. In München schaffen es die Presseaktivisten eines Boulevardblattes, das Luxushotel „Bayerischer Hof“ dazu zu bringen, die Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Institut zu beenden, das die Lehren der Österreichischen Schule der Nationalökonomie vertieft und verbreitet. Nach den Presseaktivisten geschieht dort Ungeheuerliches: Sogar „Anarchokapitalismus“ werde durchdacht, „Ideen“ würden „verbreitet“. Die Frage nach der Gemeinnützigkeit des Vereins wird aufgeworfen und wieso das Institut „kein Beobachtungsobjekt“ des Verfassungsschutzes sei. 

Cancel Culture: Aufklärung im Rückwärtsgang

Um die Absurdität dieser Cancel Culture zu begreifen, muss man verstehen, dass dieser Aktivismus, andere zum Schweigen zu bringen, ein Rückschritt noch hinter den Stand der Aufklärung zur Zeit des preußischen Absolutismus ist. Immanuel Kant „lobte“ implizit seinen König Friedrich II. in seiner Schrift „Was ist Aufklärung“ von 1784, wenn er formulierte: „Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsoniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“ 

Die Cancel Culture möchte, dass schon das „Räsonieren“ verboten wird, also von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen, wie Kant schrieb. „Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen;“ 

Wie der Geistliche in Kants Schrift rufen die Aktivisten der Cancel Culture heute: „Räsoniert nicht, sondern glaubt!“ Glaubt den amtlichen Quellen, folgt „der Wissenschaft“, hört auf „die Experten“! 

Wenn diejenigen, die den Staat kritisieren und offizielle Narrative anzweifeln, tatsächlich zu konkreten Aktivitäten auffordern würden, um „den Staat“ abzuschaffen, bräuchte es die Aktivisten der Cancel Culture gar nicht. Gegen solche Aufforderungen oder Unternehmungen könnte der Staat selbst einschreiten; aber es wird eben zu nichts aufgefordert und nichts unternommen, und gegen das alleinige Räsonieren darf der Staat nicht einschreiten. Der „Finanzrat“, den Kant zitierte, kann heute eben nicht mehr sagen „räsoniert nicht, sondern bezahlt!“, sondern nur noch „räsoniert so viel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber bezahlt!“. Die Aktivisten der Cancel Culture versuchen also das zu tun, was der Staat nicht darf: Zensieren, canceln, das Räsonieren unterdrücken.

Public Private Partnership mit NGOs

Das Grundrecht der Meinungsäußerungsfreiheit ärgert all diejenigen, die sich im „Marsch durch die Institutionen“ die Deutungshoheit im öffentlichen Raum erobert haben, welche nun durch bessere Argumente in Kombination mit der enormen Reichweite von Social Media in sich zusammenfällt. Dass „der Finanzrat“ das Räsonieren zulassen muss, hindert ihn aber nicht daran, NGOs oder Presseaktivisten zu subventionieren, welche die Zensur für ihn übernehmen. Als ob er seine Hände deshalb in Unschuld wasche, weil er andere für etwas bezahlt, das er selbst nicht tun darf. 

Erstmals im großen Stil wurde während der Corona-Zeit gecancelt. Zahlreiche Beiträge wurden von privaten Firmen gelöscht, manche Content-Ersteller samt Kanal komplett gecancelt. Die Cancel-Aktivisten sammelten für sich wertvolle Erfahrungen. Geschah das Räsonieren zu pointiert oder frech, so kam Lawfare hinzu, also juristische Einschüchterung durch Strafanzeigen gefolgt von Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Strafbefehlen und dergleichen. Denn es gibt in Deutschland zwar das Grundrecht der Meinungsäußerungsfreiheit, aber kein „First Amendment“, das Free Speech schützen würde. „Normale“ Beleidigungen, die in den USA verfassungsrechtlich zulässig sind, sind in Deutschland Straftatbestände.

Die Bedeutsamkeit des freien und öffentlichen Gebrauchs der eigenen Vernunft folgt aus der Praxeologie: Ideen bestimmen das Handeln der Menschen, bestimmen die Ziele, die sie verfolgen, und damit auch die Mittel, die sie wählen. Die materiellen Bedingungen bilden nur den Rahmen, es sind die Ideen, mit denen die Menschen diese materiellen Bedingungen interpretieren. 

In der Corona-Zeit lernte man, dass man es nicht zulassen darf, dass zentrale Narrative zur Legitimierung staatlichen Handelns angegriffen werden. Denn Propaganda fliegt auf, wenn sie als unwahr oder unsozial entlarvt wird, das wusste schon der Vordenker der modernen Propaganda, Edward Bernays. Will man die Menschen auch bei so abenteuerlichen staatlichen Interventionen wie Lockdowns, Impfzwang, Deindustrialisierung, Kriegstüchtigkeit oder Masseneinwanderung auf Kurs halten, müssen die „Ideen“, die hinter diesen Interventionen stehen, vor Kritik geschützt werden.

Ein „faustischer Pakt“

Die Neo-Sozialisten in den Parteien, Rundfunkanstalten, Universitäten, Behörden und dergleichen, die sich heute nicht mehr Sozialisten nennen, wollen ihre Deutungshoheit, was die „richtigen Ideen“ sind, bewahren. Und diejenigen, die mit diesen „Kulturmarxisten“ Geschäfte machen, insbesondere im Finanzsektor sowie in der Militär- und Pharmaindustrie, wollen ihren wichtigsten Geschäftspartner nicht verlieren: den hypertrophen Staat. 

Die Staatsverschuldung ist die Quelle für die „leistungslosen“ Einkommen derjenigen Teile der Finanzindustrie, die die „risikolosen“ Staatsanleihen kaufen, ebenso wie die Quelle für die Umsätze der Rüstungsindustrie, die ja nur einen Abnehmer hat: den Staat. All diejenigen, die am Staat verdienen, verbindet sozusagen ein „faustischer Pakt“: So viel Staat wie möglich, damit viel zu holen ist und die Kulturmarxisten ihre Apparatschiks unterbringen können, und nur so viel Marktwirtschaft wie unbedingt nötig, damit im „Public Private Partnership“ ordentlich Profite gemacht werden können.

Und es stimmt: Das Räsonieren, der öffentliche Gebrauch der eigenen Vernunft ist eine große Gefahr für die Kulturmarxisten und ihre superreichen „Geschäftspartner“. Denn wird darüber aufgeklärt, dass offizielle Narrative unwahr sind, dass mit dem historisch gewachsenen Staatsapparat auf unsoziale Weise Profite gemacht werden und dass die vorgespielte moralische Überlegenheit Heuchelei ist, dann weckt dies den Missmut derjenigen, die darunter leiden und dafür bezahlen müssen. 

Dieser in aller Kürze skizzierte „faustische Pakt“ ist mit der Aufklärung und der Meinungsäußerungsfreiheit schlicht nicht kompatibel. Die Österreichische Schule der Nationalökonomie hingegen ist kompatibel und hat die Irrlehren der Sozialisten, auf die sich viele heute noch berufen, wissenschaftlich „entzaubert“. Mises‘ Schüler George Reisman schrieb:

„Als Mises auftauchte, gab es […] praktisch keine systematische intellektuelle Opposition gegen den Sozialismus oder eine Verteidigung des Kapitalismus. Die intellektuellen Schutzwälle der Zivilisation waren im wahrsten Sinne des Wortes unverteidigt. Was Mises unternahm, und das macht den Wesensgehalt seiner herausragenden Bedeutung aus, war der Aufbau einer intellektuellen Verteidigung des Kapitalismus und damit der Zivilisation.“ 

Fazit

Es stimmt, dass die Lehren der Austrians intellektuell gefährlich sind für die Feinde der Freiheit, die Aktivisten der Cancel Culture, weil sie deren Irrlehren als unwahr und unsozial entlarven. Es stimmt, dass dieses Räsonieren von der freiheitlich demokratischen Grundordnung gedeckt ist und im Geiste der westlichen Aufklärung nicht nur zulässig sein muss, sondern sogar wünschenswert ist. Diejenigen, die behaupten, dass sie durch ihr Canceln die freiheitlich demokratische Grundordnung schützen wollen, lügen. Sie wollen schon das bloße Räsonieren, den öffentlichen Gebrauch der eigenen Vernunft und den intellektuellen Widerspruch in das Licht von konkreten staatsfeindlichen Aufforderungen rücken. 

Aus der Praxeologie wissen wir, dass die Menschen ihre Ziele entsprechend ihren Ideen wählen, ihr Handeln an ihren Überzeugungen ausrichten. Ändern sich ihre Überzeugungen, ihre Ideen, dann ändert sich auch die Gesellschaft. Was die Feinde der Freiheit eint, ist, die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die ihr „Geschäftsmodell“ als unsozial kritisieren und ihre Narrative als unwahr entlarven. Was die Freunde der Freiheit dem entgegenhalten können, ist, standhaft zu bleiben und weiterzumachen. 

Zum Teufel mit der Cancel Culture: Räsoniert!

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