Auf dem Plattenspieler: Diana Ross
Künstler: Diana Ross
Song: „Eaten Alive“ – erschienen auf dem gleichnamigen Album, 1985 RCA Records
Diana Ross, die Bee Gees und Michael Jackson auf einem Song: Viel mehr Popstar-Prominenz ließ sich 1985 kaum in einem Studio versammeln. „Eaten Alive“ schaffte genau das.
Barry und Maurice Gibb von den Bee Gees hatten die erste Fassung geschrieben. Michael Jackson überarbeitete sie, steuerte Backgroundvocals bei und unterstützte sogar beim Mix. Diana Ross war Stimme und Gesicht des Projekts. Der Nummer blieb also kaum etwas anderes übrig, als ein Selbstläufer zu werden … sollte man meinen.
Tatsächlich schaffte es die Single in den USA lediglich auf Platz 77 der Billboard Hot 100: Die Verkaufszahlen blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Heute erinnert sich überhaupt kaum noch jemand an diese Zusammenarbeit. Was war also schiefgelaufen?
Die Antwort führt zunächst in die 1960er-Jahre. Mit der Girlgroup The Supremes landete Ross damals stolze zwölf Nummer-eins-Hits, feierte auch solo riesige Erfolge und prägte die Dekade. Für ihre damalige Plattenfirma Motown Records wurde sie zum Aushängeschild, für viele Nachwuchskünstler eine Ikone: so auch für den jungen Michael.
Nachdem Motown 1969 die Jackson 5 unter Vertrag genommen hatte, setzte Gründer Berry Gordy auf ihre Strahlkraft. Diana Ross sollte die Gruppe bei einer Show in Los Angeles vorstellen. Kurz darauf traten die Jackson 5 zudem als Vorgruppe der Supremes auf.
Bald wurde Michaels Verbindung zu Diana Ross sogar noch persönlicher: Als die jungen Jacksons für Motown nach Los Angeles kamen, war die Familie noch nicht vollständig umgezogen und sie wurden zunächst bei verschiedenen Bekannten untergebracht. Der damals elfjährige Michael wohnte deshalb einige Wochen bei Diana Ross und erlebte sein großes Vorbild aus nächster Nähe. Dabei lernte er von ihr auch handwerklich viel, was ihn nachhaltig beeinflussen sollte.
Aus dem Jungen, der zu ihr aufblickte, wurde im Laufe der Siebziger selbst ein Weltstar. Zunächst feierte er mit den Jackson 5 weltweit Erfolge, mit dem Album „Off the Wall“ etablierte er sich schließlich auch als eigenständiger Künstler. Und genau dann, Anfang der 1980er-Jahre, fanden ihre Wege erneut zusammen. Diesmal hatten sich die Rollen jedoch gedreht: Der Schüler wurde nun zum Lehrer.
Während eines Fluges kam Michael die Idee zu dem Lied „Muscles“. Schon beim Schreiben dachte er an Diana Ross, der Track schien wie gemacht für sie: Er hatte den modernen Sound, den Michael selbst prägte, wirkte dabei aber wie eine direkte Weiterentwicklung ihres bisherigen Stils.
Ross nahm die Nummer auf – und landete damit prompt einen weiteren Hit: „Muscles“ erreichte international hohe Chartplatzierungen, wurde in den USA mit Gold ausgezeichnet und sollte auch den musikalischen Kurs ihrer nächsten Projekte beeinflussen.
Zwei Jahre später verband eines dieser Projekte die Künstlerin schließlich mit Barry Gibb. Neben seiner Karriere mit den Bee Gees hatte sich dieser auch einen Namen als Songwriter und Produzent gemacht. 1984 engagierte ihn Ross für ihre Platte „Swept Away“. Mit knapp zwei Millionen verkauften Einheiten war diese Entscheidung auch goldrichtig.
1985 sollte ihre Zusammenarbeit im Zuge des nächsten Albums weitergehen, diesmal mit Barrys Bruder und Bee-Gees-Mitglied Maurice. In diesen Studiosessions entstand auch die erste Version von „Eaten Alive“: Das Demo war aufgenommen, Ross sollte es zeitnah einsingen.
Doch dann landete das Demo bei Michael Jackson.
Als er die Nummer bei einem Besuch im Studio hörte, hatte er sofort eigene Ideen. Und wer wollte den King of Pop schon bei der kreativen Arbeit bremsen? Jackson nahm sich den Refrain und Teile des Songtextes vor. Wenige Tage später stand seine überarbeitete Fassung, wurde von Ross aufgenommen, von Jackson und den beiden Bee Gees um Backgroundvocals ergänzt – und alle Beteiligten waren begeistert. Michael selbst ganz besonders: Er begleitete das Lied bis zu seiner finalen Version. Noch monatelang feilten sie weiter an dem potenziellen Mega-Hit.
Im September 1985 war es dann endlich soweit: „Eaten Alive“ erschien. Und damit kam schnell die Ernüchterung: Die Kritiken waren vernichtend.
Die Produktion wirkte dicht, beinahe überladen. Ross’ Stimme konnte sich teils kaum gegen die Backgroundvocals der Gibbs und Jackson behaupten. Pop, Soul, Disco, elektronische Einflüsse: „Eaten Alive“ versuchte vieles und war doch „nichts“ – nichts Altes, nichts Angesagtes und nichts Gewagtes.
Drei außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten hatten ihre jeweiligen Stile zusammengebracht, doch daraus entstand kein geschlossenes Ganzes. Und je länger an den Details gefeilt wurde, desto weniger fiel offenbar auf, dass das eigentliche Problem grundsätzlicher Natur war.

Für Diana Ross sollte sich darin bereits ihre weitere Karriere abzeichnen: Die Musikszene veränderte sich immer schneller. Mit jedem großen neuen Trend versuchte sie mitzuhalten – doch auf der Jagd nach dem Zeitgeist schien sie diesen immer knapp zu verfehlen. Ihre große Popkarriere verlor so schleichend an Bedeutung.
Genau hier liegt die Pointe. Sich an dem zu orientieren, was funktioniert, Bewährtes zu wiederholen und bloß kein Risiko einzugehen: Das erinnert nicht nur an „Eaten Alive“. Wo möglichst jeder übernimmt, was sich bereits bewährt hat, und nur das sagt, was gerade gehört werden will, geht auf Dauer die Eigenständigkeit verloren. Und was eine solche Supergroup scheitern lässt und einer Künstlerin wie Diana Ross letztlich ihre große Karriere kostet, kann im größeren Maßstab noch weitreichendere Folgen haben.
Eine Gesellschaft braucht nicht möglichst viele Menschen, die denselben Ton treffen. Sie braucht Menschen, die ihren eigenen Ton finden und ihn auch dann vertreten, wenn er zunächst niemandem gefällt.


