Auf dem Plattenspieler: Ignacy Jan Paderewski

Künstler: Ignacy Jan Paderewski

Komposition: „Polonia“ – uraufgeführt 1909 in Boston, USA

28. Juni 1919: Im Spiegelsaal von Versailles wird der Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg unterzeichnet. Auch Vertreter Polens sind dabei. Nach 123 Jahren, in denen sein Gebiet zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt war, hat das Land 1918 seine staatliche Unabhängigkeit wiedererlangt.

Einer der Männer, die für dieses wiedererstandene Polen den Friedensvertrag unterzeichnen, ist selbst eine historische Besonderheit: Ignacy Jan Paderewski. Denn obwohl er als Ministerpräsident dort sitzt, führte ihn kein politischer Werdegang dorthin. 

Eigentlich ist Paderewski ein weltberühmter Pianist und Komponist. Für sein Land setzte er sich mit Noten ein: Mit seiner 1909 uraufgeführten Sinfonie „Polonia“ etwa verlieh er dem Schicksal seiner verlorenen Heimat eine musikalische Stimme.

Doch wie gelangt ausgerechnet ein Berufsmusiker in das Amt des Ministerpräsidenten – und schließlich an einen der bedeutendsten Verhandlungstische des 20. Jahrhunderts?

Die Geschichte beginnt 1860: Ignacy Jan Paderewski wird in Kuryłówka, Podolien, geboren, einem Gebiet, das bei den Teilungen Polen-Litauens Ende des 18. Jahrhunderts an das Russische Reich fiel. Die russischen Machthaber unterdrückten die polnische Sprache und Kultur damals bereits seit Jahrzehnten.

Paderewskis Familie hält dennoch an diesem Erbe fest. Sein Vater unterstützt 1863 den Januaraufstand und wird dafür verhaftet. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wächst Paderewski bei seiner ebenso patriotisch gesinnten Tante auf. In diesem familiären Umfeld entwickelt er früh eine starke Bindung an Polen.

Genauso jung interessiert sich Paderewski aber auch schon für Musik und beginnt, Klavier zu spielen. Seine Tante erkennt sein Talent und schickt ihn im Alter von zwölf Jahren an das Musikinstitut Warschaus.

Nach seiner Ausbildung arbeitet er zunächst als Klavierlehrer und widmet sich zunehmend auch der Komposition. 1884 wird die berühmte polnische Schauspielerin Helena Modrzejewska auf ihn aufmerksam. Ein gemeinsamer Auftritt in Krakau wird zum Wendepunkt: Der Erlös ermöglicht ihm, nach Wien zu reisen und bei dem renommierten Klavierpädagogen Theodor Leschetizky zu studieren. Dieser hilft ihm, seine Fähigkeiten entscheidend weiterzuentwickeln.

Ende der 1880er-Jahre gelingt Paderewski der internationale Durchbruch. Sein umjubeltes Debüt in Paris 1888 macht ihn schlagartig berühmt. Es folgen Konzertreisen durch Europa, 1891 erstmals auch durch die USA. Paderewski steigt zu einem der gefeiertsten Pianisten seiner Zeit auf.

Schon in diesen Jahren nutzt er seine Bekanntheit, um die Unabhängigkeit Polens zu fördern. Ab 1903 arbeitet er an einem Stück, das dieses Engagement mit seiner Musik verbinden und zugleich sein bedeutendstes Orchesterwerk werden soll: der Sinfonie „Polonia“. 

In drei Sätzen zeichnet Paderewski darin den Weg Polens von seiner einstigen Größe über den Niedergang bis hin zur Hoffnung auf eine Wiedergeburt nach. Majestätische Blechbläser, wuchtige Orchesterschläge, klagende Streicher und weit ausschwingende Melodien prägen den Klang, der sich im Finale zu einem kraftvollen Höhepunkt steigert. Dort greift Paderewski auch ein Motiv der polnischen Nationalhymne auf.

Mit „Polonia“ widmet der Musiker seiner Heimat also nicht nur eines seiner bedeutendsten Werke. Er schafft auch ein musikalisches Symbol, in dem sich seine Landsleute wiederfinden können, und trägt die polnische Sache auf die internationale Konzertbühne.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erhält Paderewskis Einsatz eine neue politische Dimension: Er wird zu einem wichtigen Fürsprecher der polnischen Unabhängigkeitsbewegung in den USA und vertritt ab 1917 das Polnische Nationalkomitee. Durch seine Kontakte gelingt es ihm sogar, auf das Umfeld von US-Präsident Woodrow Wilson einzuwirken. 

Anfang 1918 nimmt Wilson schließlich die Forderung nach einem unabhängigen polnischen Staat in seine Vierzehn Punkte auf, mit denen er eine Friedensordnung für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entwirft. Dies erweist sich als entscheidender diplomatischer Schritt auf dem Weg zur tatsächlichen Wiedergründung des Staates im November 1918.

Nach der Wiedergründung Polens erschweren politische Machtkämpfe die Regierungsbildung. Gesucht wird ein Kandidat, der über die Lagergrenzen hinweg Vertrauen genießt. Paderewski bringt dafür entscheidende Voraussetzungen mit: Er ist im Volk beliebt, keinem der innerpolnischen Lager eindeutig zuzurechnen, durch seine Musik international bekannt und bei den Alliierten angesehen. So wird er am 16. Januar 1919 tatsächlich Ministerpräsident – und übernimmt zugleich das Amt des Außenministers.

In seiner Amtszeit konzentriert sich der politisch unerfahrene Paderewski vor allem auf diplomatische Arbeit. Die innenpolitischen Aufgaben überlässt er weitgehend seinen Mitarbeitern. Doch seine Regierung findet keine überzeugenden Antworten auf die politischen Konflikte und wirtschaftlichen Probleme des jungen Staates. Die anfängliche Unterstützung für Paderewski schwindet schnell, bereits im Dezember 1919 tritt er zurück. Damit endet seine aktive politische Laufbahn nach nur wenigen Monaten.

Stattdessen widmet sich Paderewski wieder verstärkt der Musik. 1922 nimmt er seine internationale Konzerttätigkeit wieder auf und kehrt auf die großen Bühnen zurück. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten bleibt sein Ansehen sowohl in Polen als auch im Ausland ungebrochen.

Als Polen 1939 von Nazideutschland angegriffen wird und seine staatliche Unabhängigkeit erneut verliert, engagiert sich Paderewski noch einmal politisch: Er übernimmt den Vorsitz des Polnischen Nationalrats im Exil in England, wirbt um internationale Unterstützung für seine besetzte Heimat und sammelt mit Benefizkonzerten Spenden für polnische Kriegsopfer. 1940 kehrt er mit selbigem Ziel in die USA zurück.

Doch am 29. Juni 1941 stirbt Paderewski in New York an den Folgen einer schweren Lungenentzündung – ohne die Befreiung seiner Heimat noch zu erleben. Zunächst wird er auf dem Nationalfriedhof Arlington beigesetzt. 1992, nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen, werden seine sterblichen Überreste schließlich in seine Heimat überführt und in der Warschauer Johanneskathedrale beigesetzt.

Ignacy Jan Paderewski gilt bis heute als polnischer Nationalheld. Doch seine Geschichte zeigt weit mehr als seinen Einsatz für die Wiedergründung Polens: Wer etwas verändern will, braucht weder einen fertigen Plan noch muss der gesamte Weg bereits feststehen. Entscheidend ist, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen und anzufangen.

Paderewski kämpfte mit Musiknoten für die Wiedergeburt Polens. Andere brachten ihre eigenen Fähigkeiten, Berufe und Überzeugungen ein. So entstand aus den Beiträgen Einzelner etwas, das keiner von ihnen allein hätte erreichen können.

Darin liegt kein Kollektivismus. Freie Menschen müssen weder dasselbe tun noch dieselben Gründe haben, um gemeinsam etwas zu bewegen. Wenn sie aus eigener Überzeugung auf dasselbe Ziel hinarbeiten, ist selbst etwas möglich, was über Generationen unerreichbar schien: die Wiedergründung eines Staates, der mehr als ein Jahrhundert lang verloren geglaubt war …

Hören Sie hier „Polonia“ von Ignacy Jan Paderewski.

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