Ein Vater im Wechselmodell

Ich liebe meine Kinder. Ich bin gerne mit ihnen zusammen. Ich bin aber auch gern allein. – Es gibt einen Satz, mit dem man sich als Vater oder Mutter erstaunlich schnell verdächtig macht: Ich bin froh, wenn die Kinder mal nicht da sind.

Schon steht die Frage im Raum: Warum hast du dann welche bekommen? Als hätte man mit der Entscheidung für Kinder unterschrieben, künftig kein eigenständiger Mensch mehr zu sein. Als wäre das Bedürfnis nach Alleinsein ein nachträglicher Widerruf der elterlichen Liebe.

Ich habe meine Kinder gewollt. Sie sind geplante Wunschkinder. Ich wollte sie aufwachsen sehen, mit ihnen leben und Alltag teilen. Das will ich noch immer. Trotzdem freue ich mich auf eine Wohnung, in der außer mir niemand ist. Auf einen Abend ohne Abstimmung. Auf ein Wochenende, an dem ich niemandem begegne, wenn ich aus meinem Zimmer komme. Ja, manchmal auch auf eine ganze Woche. Darin liegt für mich kein Widerspruch. Die geschlossene Tür reicht eben nicht.

Wer größere Kinder hat, kennt den Einwand. Ich störe doch gar nicht. Ich bin doch nur in meinem Zimmer. Du kannst doch machen, was du willst. Nur bleibt die Wohnung trotzdem bewohnt. Rücksichtnahme findet auch dann statt, wenn niemand etwas verlangt. Man hört, dass jemand da ist, rechnet mit einer Frage, Begegnung, weiteren Menschen in der Küche. Leider oft auch mit dessen Spülbergen. Über Pubertiere im Haushalt muss man wohl nicht viel erzählen. 

Ich möchte manchmal durch meine Wohnung laufen, ohne mich auf irgendjemanden einstellen zu müssen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, ob mein Verhalten jemand anderen stört. Was ich dabei im Einzelnen mache, geht auch meine Kinder nichts an. Eltern haben ein Privatleben. Einschließlich der Teile, über die man am Esstisch besser keine ausführliche Auskunft gibt. Man muss weder einen wichtigen Termin noch einen besonders anspruchsvollen Erholungsplan vorweisen, damit der Wunsch nach Alleinsein zählt.

Natürlich verändert Elternschaft das Leben. Wer ein Kind bekommt, übernimmt Verantwortung. Man kann nicht abhauen, wenn es anstrengend wird. Ein krankes Kind braucht Versorgung, ein verängstigtes Kind Zuwendung. Auch wenn gerade etwas anderes geplant war. Daraus folgt aber nicht, dass Eltern auf Dauer keine eigenen Bedürfnisse mehr haben dürfen. Es gibt einen Unterschied zwischen Verantwortung und ständiger Anwesenheit. Wer sein Kind beim anderen Elternteil gut betreut weiß, darf die Entlastung annehmen. Ohne zu versichern, dass man die Kinder natürlich jede Sekunde vermisst.

Problematisch wird es, wenn aus jedem Wunsch nach Rückzug eine Prüfung elterlicher Liebe wird. Dann muss man erklären, beschwichtigen, Beispiele liefern und am Ende möglichst einen Grund nennen, gegen den niemand etwas einwenden kann. Krankheit gilt vielleicht. Eine Dienstreise auch. Aber einfach mal allein sein wollen? Da beginnt die Verhandlung.

Ein Bedürfnis wird nicht erst dadurch berechtigt, dass alle anderen es überzeugend finden. Dafür muss man seine intimsten Gewohnheiten auch dem anderen Elternteil nicht offenlegen. 

Nach einer Trennung bleibt die Frage, wie Familie unter veränderten Bedingungen leben kann. Dafür gibt es unterschiedliche Antworten. Keine nimmt allen Beteiligten Verluste ab. Für mich hat das Wechselmodell einen entscheidenden Vorteil: Beide Eltern bleiben am Leben ihrer Kinder beteiligt. Man erlebt Schule, Pubertät, schlechte Laune, volle Wäschekörbe, Besuch von Freunden und die Fragen, wer das Handtuch immer auf den Boden wirft oder leere Verpackungen in den Kühlschrank stellt. Man fährt nicht nur zu Ausflügen, sondern ist am unspektakulären Dienstag da. – Genau das wollte ich. Ich wollte Vater im Alltag bleiben. Ich wollte kein Wochenendpapa sein. 

Nur ist auch ein guter Kompromiss anstrengend. Vor allem dann, wenn man vergisst, dass die Kinder ihn anders erleben als die Erwachsenen. Denn die Eltern bleiben meistens in ihren Wohnungen. Die Kinder wechseln. Sie müssen überlegen, wo ihre Sachen sind, wann sie Freunde treffen und welches Ladekabel schon wieder am falschen Ort steckt. Sie wechseln zwischen Regeln, Stimmungen und Gewohnheiten, die nicht unbedingt zusammenpassen. Das verdient Anerkennung, ohne dass man ihnen anschließend eine Dankesrede für die Vorzüge des Modells abverlangt.

Ein Kind darf sagen: Das nervt mich. Auch wenn die Eltern ihre Lösung für vernünftig halten. Und ein Elternteil darf sagen: Ich brauche die vereinbarte Zeit für mich. Auch wenn das Kind diese Zeit lieber anders verteilen würde.

Sind Eltern im Wechselmodell in der Praxis Elternkollegen oder Elterngegner? – Die Trennung macht aus zwei Menschen noch lange kein eingespieltes Betreuungsteam. Wenn man schon in der Beziehung bei wichtigen Fragen nicht an einem Strang gezogen hat, wird das nach ihrem Ende nicht leichter. Die gemeinsame Verantwortung bleibt. Die gemeinsame Verständigung ist eher noch schwieriger. Ich habe dafür irgendwann das Wort Elternkollegen gefunden. Die Paarbeziehung ist vorbei, aber es gibt weiterhin eine gemeinsame Aufgabe. Man muss sich dafür nicht besonders mögen. Man muss jedoch Informationen weitergeben, Zuständigkeiten respektieren und Vereinbarungen ernst nehmen.

Leider fühlt es sich manchmal eher nach Elterngegnern an. Grenzen werden oft überschritten. Manches als übergriffig empfunden. Eine eigene Entscheidung gilt als Angriff. Statt gemeinsam zu klären, was gebraucht wird, beginnt die nächste Runde darüber, wer der bessere Elternteil ist.

Auch der schöne Satz vom gemeinsamen Strang hilft nur begrenzt, wenn beide daran in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Und mit der viel beschworenen Mitte ist es ebenfalls so eine Sache. Wenn die Positionen bei eins und neun liegen, wäre fünf ein naheliegender Treffpunkt. Wer die eigene Neun bereits für die Mitte hält, versteht unter Kompromiss allerdings etwas anderes. Eltern müssen mit ihren Unterschieden umgehen, ohne die Kinder zu Schiedsrichtern zu machen. Kinder sollten weder Nachrichten übermitteln noch entscheiden müssen, wessen Bedürfnis nach Ruhe glaubwürdiger ist.

Beim Wechselmodell gehört zur gemeinsamen Organisation auch die Zeit, in der die Kinder beim anderen Elternteil sind. Diese Tage sind planbar. Jedenfalls sollten sie es sein. Nun verschiebt sich der Wechsel gelegentlich von Montag auf Dienstag. Verständlich. Am Mittwoch kommt jemand kurz vorbei. Auch kein Drama. Donnerstag wird doch wieder hier geschlafen, weil es gerade praktischer ist. Dann beginnt schon die nächste reguläre Woche. Und irgendwann stellt man fest: Von der Zeit allein ist genau ein Abend geblieben.

Es geht dabei nicht darum, mit der Stoppuhr an der Wohnungstür zu stehen. Aber wer dauerhaft zusätzlich verfügbar ist, obwohl etwas anderes abgesprochen wurde, verliert die Möglichkeit, sich auf die eigene Zeit zu verlassen. Ein spontanes Ja ist dann irgendwann keine Ausnahme mehr, sondern die stillschweigende Erwartung.

Natürlich haben Kinder gute Gründe für ihre Vorlieben. In einer Wohnung steht der bessere Computer. Dort läuft das Internet schneller. Hier sind Freunde in der Nähe, dort gelten angenehmere Regeln. Manchmal hat man als Elternteil selbst einiges dazu beigetragen, dass die eigene Wohnung besonders attraktiv ist.

Ich selbst bin leider ein Erlaubepapa. Viel zu weich. Ich hasse Erziehung.Verliere zu oft beim konsequent sein. Weil ich eigentlich gar nicht erziehen kann oder will. Aber es ist nunmal meine Aufgabe. Den Schuh ziehe ich mir an. Man muss sich auch an die eigene Nase fassen. Großzügigkeit schafft Gewohnheiten. Wer lange fast alles ermöglicht hat, kann nicht erwarten, dass eine neue Grenze sofort Begeisterung auslöst. Er darf sie trotzdem setzen und künftig verlässlich vertreten. Flexibilität braucht die Möglichkeit, Nein zu sagen. Sonst bedeutet sie nur, dass immer dieselbe Person nachgibt.

Bei aller Elternsicht. Auch Kinder brauchen Me-Time. Kinder und Jugendliche brauchen ebenfalls Zeit, über die sie selbst bestimmen können. Ohne Familienprogramm, ohne ständige Fragen, ohne die Erwartung, sich jederzeit mitzuteilen. Gerade darin kann eine faire Gegenseitigkeit liegen. Ich respektiere, dass du manchmal für dich sein möchtest. Du respektierst, dass es mir genauso geht. Das macht uns nicht zu gleichberechtigten Mitbewohnern in jeder Frage. Die Verantwortung bleibt bei den Erwachsenen. Aber gegenseitige Rücksicht ist auch zwischen Eltern und Kindern möglich.

Für Kinder kommt noch mehr hinzu. Sie brauchen die Gewissheit, dazuzugehören. Eine Wohnung kann ihr Zuhause sein, auch wenn sie dort nicht jederzeit unangekündigt übernachten können. Diese Unterscheidung muss man allerdings erklären und im eigenen Verhalten glaubwürdig machen. Wer nur „Mama-Woche“ sagt, wenn ein Kind Nähe sucht, wird damit wenig Sicherheit vermitteln.

Man muss also zuhören, worum es konkret geht. Ein Besuch zum Zocken ist etwas anderes als eine ernste Notlage. Ein Wunsch nach Gesellschaft verdient eine andere Antwort als eine akute Krise. Nicht jedes Nein ist Zurückweisung. Nicht jede Bitte ist Grenzüberschreitung. Genau deshalb helfen klare Absprachen mehr als pauschale Vorwürfe.

Alleinsein muss auch ohne Liebesprüfung möglich sein. Ich wünsche mir, dass Eltern ihr Bedürfnis nach Freiraum aussprechen können, ohne sofort ihre Entscheidung für Kinder verteidigen zu müssen. Und ich wünsche mir, dass Kinder sagen dürfen, was ihnen an der Aufteilung schwerfällt, ohne als undankbar zu gelten. Beides braucht ein Gegenüber, das zuhört. Und eine Grenze, die auch dann Bestand haben kann, wenn sie dem anderen gerade nicht gefällt.

Für mich bedeutet Elternschaft, Verantwortung zu tragen und verlässlich zu sein. Dazu gehören Zusagen gegenüber meinen Kindern. Dazu gehören aber auch Absprachen zwischen den Erwachsenen, auf die ich mich verlassen können möchte.

Ich liebe meine Kinder. Ich teile gern meinen Alltag mit ihnen. Und manchmal möchte ich meine Wohnung für mich allein haben. Diesen Satz möchte ich sagen können, ohne mich dafür schuldig fühlen zu müssen.

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