Die Debatte um die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht in Deutschland wirft ähnliche Fragen auf wie in den USA der 1960er-Jahre. Das neue Wehrdienst-Modernisierungsgesetz von 2025 sieht zwar zunächst einen freiwilligen Dienst vor, bindet junge Männer jedoch durch einen verpflichtenden Fragebogen zur Bereitschaftserklärung und eine obligatorische Musterung ab 2027 ein. Dazu behält sich der Staat die Option einer Bedarfswehrpflicht per Losverfahren vor, falls zu wenige Freiwillige kommen.
Fairness per Los – ein altes Versprechen
Dieses Losverfahren hat historische Vorbilder. Als sich die USA in den 1960er-Jahren immer tiefer in den Vietnamkrieg verstrickten, stützte sich das Militär nicht nur auf Freiwillige, sondern auf Hunderttausende Wehrpflichtige. Um die Auswahl gerechter erscheinen zu lassen, führte die Regierung im Dezember 1969 ein öffentliches Losverfahren ein.
Gerade diese erste „Draft Lottery“ geriet rasch in die Kritik: Die Lose waren unzureichend durchmischt, sodass Männer mit Geburtstagen im Herbst und Winter statistisch deutlich häufiger niedrige, einberufungsrelevante Nummern erhielten. Hinweise auf gezielte politische Manipulation fanden sich zwar nicht, doch der organisatorische Fehler untergrub das Vertrauen in die Fairness des Systems.
Wer kämpfte – und wer entkam
Besonders stark betroffen waren junge Männer aus unteren sozialen Schichten und ethnischen Minderheiten: Afroamerikaner stellten Mitte der 1960er-Jahre rund elf Prozent der US-Bevölkerung, machten jedoch zeitweise über 20 Prozent der amerikanischen Kampftoten in Vietnam aus. Auch Arbeiter- und Unterschichtsangehörige waren überrepräsentiert, da sie seltener Zugang zu College-Aufschüben, medizinischen Ausmusterungen oder einflussreichen Netzwerken hatten. Wohlhabendere, meist weiße Familien konnten den Dienst dagegen häufig vermeiden oder zumindest entschärfen, etwa durch Studienaufschübe oder den Eintritt in die Nationalgarde, deren Einheiten kaum nach Vietnam entsandt wurden. Ein prominentes Beispiel ist der spätere Präsident George W. Bush, der 1968 der Texas Air National Guard beitrat.
Arme kämpfen, Privilegierte entziehen sich
Die soziale und rassische Schieflage der Wehrpflicht rief scharfe Kritik hervor. Der Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. verurteilte den Vietnamkrieg 1967 als einen Konflikt, in dem die „Söhne der Armen und Schwarzen“ unverhältnismäßig häufig an die Front geschickt würden, während Privilegierte sich entziehen könnten. Der Boxer Muhammad Ali, der den Kriegsdienst verweigerte und dafür seine Titel verlor, brachte den Protest mit dem Satz auf den Punkt: „Kein Vietcong hat mich je Nigger genannt.“
Auch aus der Politik kam Widerspruch. Der demokratische Senator J. William Fulbright, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des US-Senats und ursprünglich ein Unterstützer des amerikanischen Vietnam-Engagements, entwickelte sich zu einem der profiliertesten Kritiker des Krieges. In den von ihm geleiteten Anhörungen von 1966 stellte er die moralische und strategische Legitimität des Einsatzes öffentlich infrage und warnte vor einer gefährlichen Selbstüberschätzung der USA, die er später als Ausdruck der „arrogance of power“ bezeichnete.
Staat trifft auf Gewissen
Zusammengenommen machten fehlerhafte Auslosung, soziale Ungleichheit und prominente Kritik aus Bürgerrechtsbewegung, Kultur und Politik die Wehrpflicht zu einem Symbol struktureller Ungerechtigkeit und staatlicher Übergriffigkeit. Das trug entscheidend zur wachsenden Ablehnung des Vietnamkriegs in der Gesellschaft bei. Die Ungleichheiten machten den Draft nicht nur zu einem militärischen, sondern zu einem gesellschaftlichen Problem, ein Muster, das in der aktuellen deutschen Debatte widerhallt.
Eine der provokantesten Protestformen gegen den Vietnamkrieg war die öffentliche Verbrennung von Musterungs- und Einberufungsunterlagen, die ab 1965 zunehmend Aufmerksamkeit erregte. Besonders bekannt wurde der Fall des jungen US-Amerikaners David Paul O’Brien, der 1966 auf den Stufen eines Gerichtsgebäudes in Massachusetts seine Draft Card verbrannte, dies bewusst vor Zuschauern und Medien. O’Brien erklärte später, die Karte sei für ihn „ein Symbol meiner Opposition gegen den Krieg“ gewesen und seine Handlung ein Akt moralischen Protests.
Das war kein Einzelfall. Zwischen 1965 und 1971 zerstörten mehrere zehntausend Wehrpflichtige öffentlich und demonstrativ ihre Registrierungskarten. Die Bilder brennender Draft Cards polarisierten die Gesellschaft: Kriegsgegner sahen darin zivilen Ungehorsam, Kritiker werteten sie als illoyal gegenüber den Soldaten. Der Staat reagierte mit strafrechtlicher Verfolgung; O’Brien wurde verurteilt, und der Supreme Court bestätigte 1968 im Fall United States v. O’Brien das Verbot solcher Protesthandlungen.

Hier beispielhaft ein Bild der „Milwaukee 14“: 14 Männer, die aus Protest gegen den Vietnamkrieg ihre Einberufungskarten öffentlich verbrannten.
Erfolgreicher Protest gegen Krieg und Wehrpflicht
Die Proteste gegen den Vietnamkrieg, das Urteil im Fall United States v. O’Brien und die fehlerhafte Wehrpflichtlotterie wirkten am Ende nicht stabilisierend, sondern delegitimierend. Die öffentliche Auslosung der Wehrpflicht am 1. Dezember 1969, gedacht als Akt der Fairness, entlarvte die sozialen und rassischen Ungleichheiten. 1973 schaffte die US-Regierung die Wehrpflicht ab, nicht aus pazifistischer Einsicht, sondern weil sie innenpolitisch nicht mehr durchsetzbar war.
Die Proteste waren für die Kriegsgegner erfolgreich. Trotz staatlicher Repression hatten vergleichsweise wenige Männer die Konsequenzen ihrer Verweigerung juristisch zu tragen. Während des Vietnamkriegszeitraums (1964–1973) stuften die US-Behörden rund 570.000 Männer als „draft offenders“ ein. Etwa 210.000 von ihnen wurden strafrechtlich angeklagt, rund 8.750 verurteilt, etwa 3.250 kamen ins Gefängnis. Die öffentliche Verbrennung der Draft Card machte nur einen kleinen Teil dieser Fälle aus, war jedoch wegen ihrer medialen Wirkung besonders einflussreich.
Wehrpflicht ist politischer Zwang
Auch ohne Wehrpflicht führten die Vereinigten Staaten in den folgenden Jahrzehnten Kriege oder beteiligten sich militärisch an bewaffneten Konflikten in nahezu allen Teilen der Welt. Die Abschaffung der Wehrpflicht bedeutete keinen Abschied vom Krieg, sondern eine Neuorganisation seiner gesellschaftlichen Kosten, weg von der gesamten männlichen Bevölkerung, hin zu einer freiwilligen, sozial klarer abgegrenzten Armee.
Diese historische Erfahrung bildet den Hintergrund, vor dem sich die aktuelle deutsche Debatte abbilden lässt. Während der Bundestag das neue Modell als „attraktiv und freiwillig“ beschreibt, setzt es faktisch auf Zwang, durch Drohung, dass es schlimmer wird, wenn freiwillig nichts geht: verpflichtende Erfassung, verpflichtende Musterung und die offen formulierte Möglichkeit eines Losverfahrens.
Die steigenden Zahlen von Kriegsdienstverweigerungen (ca. 2.900 im Jahr 2024, vom 1. Januar bis Oktober 2025 weitere 3.000 ) und die wachsende Mobilisierung junger Menschen zeigen, dass Wehrpflicht nicht als neutrale Verwaltungshandlung wahrgenommen wird, sondern als Eingriff in die persönliche Lebensplanung und in letzter Konsequenz als Angriff auf Leib und Leben.
Für Deutschland bedeutet das: Wehrpflicht ist kein technisches Rekrutierungsinstrument, das sich modernisieren oder effizienter gestalten lässt. Sie ist politischer Zwang.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Wehrpflicht organisatorisch machbar ist, sondern wie viel demokratische Legitimität ein Staat bereit ist zu verspielen, um sie durchzusetzen.




