Nicolás Gómez Dávila

Nicolás Gómez Dávila ist einer jener Denker, deren Namen selbst in den meisten intellektuellen Kreisen bis heute nahezu unbekannt geblieben sind, obwohl seine Stimme zu den schärfsten und eindrücklichsten des 20. Jahrhunderts gehört. Sein Leben war durch kein akademisches Amt, keine einflußreiche Professur und keine medialen Auftritte gekennzeichnet; und doch wurde er zum Schöpfer eines umfangreichen aphoristischen Werks, das einen der tiefsten Ausdrücke des Widerstands gegen die moderne Welt formuliert hat.

Für einen Mann, der behauptete, das Schreiben sei „der Ausdruck desjenigen, der gelernt hat, daß der Mensch zwischen Fragmenten lebt“, erscheint es fast symptomatisch, daß seine Gedanken auch nur am Rande der von ihm zutiefst verabscheuten modernen Gesellschaft zirkulieren, sozusagen in den Marginalien der Kulturgeschichte, aber nicht im Zentrum des Bewußtseins der Zeitgenossen. 

Er selbst formulierte einmal: „In einer Epoche, in der die Medien zahllose Dummheiten verbreiten, definiert sich der Gebildete nicht durch das, was er weiß, sondern durch das, was er nicht weiß.“ 

Dieser Satz ist eine ebenso schlagende wie scharfe Abrechnung mit der bodenlosen Trivialität seiner (und unserer) Epoche, gleichzeitig aber auch ein moralischer Selbstanspruch: Bildung ist nicht Anpassung an den Zeitgeist, sondern Unterscheidung zwischen dem, was sich zu wissen lohnt, und dem, was getrost ignoriert werden kann, denn manchmal besteht echtes Wissen im Mut zum Nein und zur Lücke.

Leben

Nicolás Gómez Dávila wurde am 18. Mai 1913 in Bogotá geboren und entstammte einer wohlhabenden Familie des städtischen Bürgertums. Schon früh zeigte sich seine außergewöhnliche intellektuelle Kapazität; seine Eltern zogen daher mit ihrem Sohn nach Paris, damit er dort die beste denkbare humanistische Ausbildung und somit Vorbereitung auf eine spätere glänzende Karriere erhalten konnte – eine Entscheidung, die sein Denken lebenslang prägen sollte. 

Doch das Schicksal wollte es anders: Eine schwere Lungenerkrankung führte zu einer zweijährigen Bettlägerigkeit, in der er die klassische Literatur kennenlernte und eine lebenslange Leidenschaft für Bücher entwickelte und zeitlebens behielt.

Obwohl er viele Sprachen erlernte und ein breites Spektrum an philosophischen, theologischen und literarischen Werken studierte, besuchte er doch schließlich niemals eine Universität; ein Umstand, der seinem Denken allerdings keinen Abbruch tat, ganz im Gegenteil. Sein Leben drehte sich bald fast nur noch ausschließlich um die Sammlung, das Lesen und das Kommentieren von Büchern: Seine Bibliothek umfaßte schließlich mehr als 30.000 Bände, eine Art privates Denk- und Erfahrungszentrum, das zum eigentlichen Schauplatz seines Widerstands gegen die Zeit wurde; Festung gegen den Zeitgeist und Abbild der Welt zugleich.

In den 1930er Jahren kehrte Gómez Dávila nach Kolumbien zurück, heiratete und gründete eine Familie, entschied sich aber bewußt dagegen, eine akademische Laufbahn aufzugreifen, die doch eigentlich in der Natur der Sache gelegen hätte. Auch Vorschläge, in den diplomatischen Dienst oder gar in die Politik einzutreten, lehnte er immer wieder ab und bevorzugte es, allein für einen kleinen Freundes- und Familienkreis sichtbar zu bleiben. 

Auch Kolumbien sollte er nur noch einmal für eine längere Reise durch Europa verlassen. Vielleicht lag schon damals hinter dieser Entscheidung auch die Furcht, sich in ein Netz aus Kompromissen hineinziehen zu lassen, die ihn letzten Endes seinen eigenen Überzeugungen untreu werden lassen würden, denn in einem seiner bitteren Sätze heißt es: „Der Intellektuelle, der gehört werden will, wird bald nur noch sagen, was gehört werden will.“ 

Selbst sein Werk war zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Erst 1954 ließ sein Bruder eine kleine Auswahl seiner Notizen mit dem Titel Notas I drucken, und zwar in einer Auflage von nur hundert Exemplaren, die ausschließlich zur Verteilung an Freunde gedacht waren. Auch seine späteren Bücher erschienen nur in kleinen Auflagen, oft ohne Verlage, eigentlich nur für Freunde und Getreue gedacht – oder für Leser, die vielleicht erst Jahrzehnte später existieren würden.

Sein Stil entwickelte sich zum perfekten Ausdruck seiner aristokratischen und exklusiven Grundhaltung: Die „Escolios“, also „Scholien“ (Randbemerkungen), sind ein Zeichen des Widerstands gegen die vulgäre Geschwätzigkeit der Moderne; das Fragment ist also nicht nur Stilmittel, sondern auch Ablehnung einer Welt, deren moralische Verlorenheit solche Dimensionen angenommen hat, daß es keinerlei Sinn macht, überhaupt noch irgendwelche Erklärungs- oder gar Überzeugungsarbeit zu unternehmen: Dem echten Vornehmen bleibt nur noch übrig, zu warten, zu denken und zu betrachten – eine Existenz des Unzeitgemäßen, die nicht ohne Grund, wenn auch aus ganz anderen Wurzeln gespeist, an Nietzsche erinnert: „Wenn man sagt, jemand ‚gehöre seiner Zeit‘ an, sagt man lediglich, dass er mit der Mehrheit der Trottel in einem bestimmten Moment übereinstimmt.“ 

Gómez Dávila schrieb daher einmal: „Dem Aphorismus vorzuwerfen, nur Teile der Wahrheit auszudrücken, kommt der Annahme gleich, die weitschweifige Rede könne sie voll und ganz ausdrücken.“ 

Wahrheit ist also kein Objekt, das man mit Argumenten umfängt, sondern etwas, dem man sich annähert, indem man seine Ränder erspürt und suggestiv andeutet: „Der Aphorismus ist kein Gedanke, der endet, sondern einer, der beginnt.“

Der Reaktionär

Gómez Dávila bezeichnete sein eigenes Denken bewußt als „reaktionär“, und zwar nicht im Sinne einer politischen illiberalen Programmatik (auch wenn er aus seiner politischen Haltung keinerlei Hehl macht), sondern als Metaposition gegen den Zeitgeist. „Reaktionär“ sein hieß für ihn nicht, konservative Lösungen anzubieten, sondern die Einsicht zu vertreten, den Fortschrittsglauben selbst als Grundirrtum benennen zu müssen, welcher den Menschen vom Wesentlichen und Eigentlichen ablenkt. So formulierte er einmal, daß „der moderne Mensch ein Gefangener ist, der glaubt, frei zu sein, weil er es unterläßt, die Wände seines Kerkers zu berühren“.

Im Zentrum von Gómez Dávilas Denken steht unverrückbar der katholische Glaube mitsamt der sich hieraus ergebenden Vorstellung vom Menschen, die in radikalem Gegensatz zu den anthropologischen Prämissen der Moderne steht. Der Mensch erscheint ihm daher auch nicht als autonomes Projekt, das sich selbst erschafft und gewissermaßen am Schopf aus dem Sumpf zieht, sondern als widersprüchliches Geschöpf, dessen Würde aus der Annahme seiner heilsgeschichtlichen Situation erwächst und nichts mit „Selbstbestimmung“ zu tun hat: „Der Mensch ist nur wichtig, wenn Gott zu ihm spricht und während Gott zu ihm spricht.“ 

Immer wieder kehrt er daher auch zur Lehre von der Erbsünde zurück, die er ganz nüchtern als unhintergehbare Evidenz betrachtet, denn der Mensch ist nicht etwa „schlecht“, sondern gebrochen und daher weniger zur Freiheit als vielmehr zur Verantwortung bestimmt. In einem seiner Aphorismen heißt es daher ebenso lapidar wie tiefsinnig und letztlich selbstkritisch: „Der Christ ist kein Optimist. Er weiß, warum.“

Daher ist für Gómez Dávila der Optimismus der Neuzeit letztlich nur ein Indiz für deren Oberflächlichkeit und Verblendung, so daß die gesamte moderne Zivilisation nicht als Ausdruck echten Fortschritts erscheint, sondern als selbstverschuldete Abweichung von der eigentlichen menschlichen Bestimmung: „Der größte Irrtum der Moderne ist nicht, den Tod Gottes zu verkünden, sondern zu glauben, der Teufel sei gestorben.“ 

Dementsprechend sind auch alle modernen Probleme letztlich subalterner Art, denn: „Außer Gott gibt es nichts, worüber klugerweise ernsthaft gesprochen werden muß.“ 

Trotzdem findet sich jene Abkehr von Gott in der ganzen Menschheitsgeschichte immer wiederholt, und zwar mit desaströsen Konsequenzen für jede Zivilisation, die das Wesentliche, also die Transzendenz, aus den Augen verliert: „Die Kulturen verdorren, wenn ihre religiösen Bestandteile sich in nichts auflösen.“

Ein wie auch immer gearteter kirchlicher Aktivismus mußte ihm daher auch zutiefst fremd sein, denn sein Glaube war nicht missionarisch, politisch oder pastoral, sondern kontemplativ, aristokratisch und ganz auf Distanz bedacht: Wer Gott ernst nimmt, kann weder der Geschichte noch der Politik noch dem Menschen selbst eine Heilsfunktion zuschreiben, während die Moderne davon lebt, genau dies zu tun.

Rezeption

Erst nach seinem Tod im Jahr 1994 begann sich langsam abzuzeichnen, welche Tiefe sein Werk besaß, und er wurde schrittweise von einer ganzen Reihe von Philosophen, Theologen und natürlich kulturkritischen Denkern entdeckt, allen voran in Deutschland, wo seine Bücher bereits recht früh übersetzt vorlagen. Dabei blieb sein Werk stets gefährdet, mißverstanden zu werden: Manche wollten seine auch politisch deutlich reaktionären Texte zur Legitimation konkreter Programme machen, andere mißdeuteten seine Lebenswahl als exzentrische „Performanz“. 

Beides greift natürlich zu kurz: Gómez Dávila war nie Parteigänger oder gar Traditionalist im politisch-soziologischen Sinn; denn sein unzeitgemäßer Widerstand gegen die Moderne richtete sich in erster Linie immer wieder auf die Bewahrung geistiger Gesundheit: „Der Reaktionär“, schrieb er daher, „will nicht zurück. Er weigert sich lediglich, weiterzugehen.“

„Der Mensch kann die Geschichte nicht erlösen. Aber er kann verhindern, daß sie ihn erlöst.“ – dieser Satz zeigt wie kaum ein zweiter, daß sich der von Gómez Dávila verkörperte Widerstand vor allem in der Ablehnung der modernen Welt äußert und in der Schaffung einer eigenen inneren Welt, die nur den Gesetzen von Glauben, Natur und Tradition folgt, nicht aber dem Zeitgeist – eine heutzutage geradezu anstößig wirkende und daher umso fruchtbarere Haltung. Denn sie erinnert uns daran, daß Widerstand sich zunächst am Maßstab der Treue zum eigenen inneren Ideal mißt, während das Streben nach einem wie auch immer gearteten äußeren „Erfolg“ gerade in der heutigen gefallenen Welt immer wieder Gefahr läuft, durch einen weitläufigen Verrat der eigentlich angestrebten Reinheit erkauft werden zu müssen und sich daher ad absurdum zu führen. 

Dawid Engels - Widerstand und EhreDer Autor dieses Artikels hat in der Edition Sandwirt das Buch „Widerstand und Ehre – 12 neue Lebensbilder der Freiheit veröffentlicht.

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