Auf dem Plattenspieler: A Flock of Seagulls
Künstler: A Flock of Seagulls
Song: I Ran (So Far Away) – Debütsingle ihres selbstbetitelten Debütalbums, Jive Records 1982
Serendipität ist der Begriff für das Phänomen, dass sich unerwartet bedeutende Chancen oder Möglichkeiten ergeben, gerade wenn man etwas Wichtiges verändern oder erreichen will, aber noch nicht genau weiß, wie.
Sie können es sich vorstellen wie das zufällige Entdecken eines abgelegenen Pfades auf dem Weg zu Ihrem Ziel. Sie wussten nicht, dass er existiert, sondern gingen einfach in die grobe Richtung los. Erst unterwegs stoßen Sie auf diesen Pfad, der aus der Ferne gar nicht erkennbar war – und doch führt er sie genau dorthin, wo Sie hinwollten.
Entscheidend ist also weniger der Zufall, als bewusst ein Ziel zu haben, Gelegenheiten zu erkennen und vor allem aktiv zu handeln.
Ein eindrucksvolles Beispiel solcher Serendipität zeigt sich in der Geschichte eines Musikers namens Mike Score, seiner New-Wave-Band A Flock of Seagulls und ihrem Welthit „I Ran (So Far Away)“.
Ende der 1970er-Jahre lebt Mike Score in Liverpool. Sein Alltag besteht aus Scheren, Haarspray und Spiegeln: Er arbeitet als Friseur. Score liebt aber nicht nur auffällige Frisuren, sondern auch ausgefallene Outfits und eigentlich alles, was aus dem Gewöhnlichen herausragt.
Auch Musik spielt dabei schon seit Langem eine zentrale Rolle – und seine Heimat Liverpool ist zu dieser Zeit ein Schmelztiegel neuer Bands: Post-Punk, New Wave und elektronische Klänge treffen aufeinander, vieles klingt roh, unfertig und im Entstehen; ein idealer Nährboden für einen experimentierfreudigen Künstler.
Scores eigene Band ist jedoch gerade, nach nur kurzer Karriere mit wenigen Songs, bereits auseinandergegangen. Er ist nun also eigentlich nur ein Friseur mit großen musikalischen Ambitionen, doch ohne Band, ohne Plan, ohne Kontakte – seinem Ziel, der nächste große Star aus Liverpool zu werden, ferner den je.
Statt den Kopf in den Sand zu stecken, unternimmt Mike Score etwas. Etwas, das zunächst wenig vielversprechend erscheint, aber immer noch sinnvoller schien, als untätig zu bleiben: Er gründet eine neue Band, aus musikalischen Anfängern …
Er trommelt seinen Bruder Ally Score und einen Freund namens Frank Maudsley zusammen: Ally hat noch nie richtig Schlagzeug gespielt und Frank nie ernsthaft Bass. Beide sind dem Musizieren zwar nicht ganz fern und haben schon hobbymäßig ein Instrument gespielt, doch von einer echten Ausbildung kann keine Rede sein, und in dieser Besetzung sind sie alle absolute Anfänger.
Als Gitarrist und einziger Profi seines Fachs stößt Paul Reynolds zu dem Trio. Sein Spiel ist eigenwillig, mit schwebenden, verzerrten Linien, die sich deutlich von klassischen Gitarrenriffs dieser Zeit unterscheiden. Plötzlich hat die Band also einen markanten Klang, der sie von anderen Synth-Bands abhebt.
Die Gruppe nennt sich A Flock of Seagulls – auf Deutsch: ein Schwarm Möwen. Der Name wirkt entrückt, leicht irritierend, schwer zu greifen – und genau diese Eigenschaften prägen bald alles, was die Band macht: futuristisch anmutende, ungewöhnliche Frisuren etwa, werden ihr Markenzeichen. Ihre Musik greift dieses visuelle abstrakte Gefühl auf und übersetzt es in Klang.
Die Gruppe spielt fortan in kleinen Bars, übt auf dem Dach des Gebäudes, in dem Mike Score arbeitet, lässt keine Gelegenheit ungenutzt, um auf sich aufmerksam zu machen … was zunehmend funktioniert: 1981 ergattern sie schließlich einen Vertrag bei Jive Records, einer der renommiertesten Plattenfirmen ihrer Zeit!
Bei einer der Sessions zu ihrem erstem Album entsteht unter anderem ihr Welthit „I Ran (So Far Away)“.
Score hörte zuvor in einem Club eine andere Band mit einem Songtitel, der ihm im Kopf blieb: „Run“. Am nächsten Tag sah er in einem Plattenladen ein altes Film-Poster: Menschen, die vor einem UFO davonlaufen. Diese zwei Momente verbinden sich in ihm während jener Session zu einem bestimmten Gefühl des Ausbruchs, das er in diesem Lied festhält.
Der Song erzählt keine konkrete Geschichte und liefert keine Erklärungen. Dem Hörer steht es frei, eigene Situationen hineinzuinterpretieren, doch der Text bleibt surreal, beinahe traumartig:
The cloud is moving nearer still
Aurora borealis comes in view
… And I ran, I ran so far away
I just ran, I ran all night and day
I couldn’t get away
Die musikalische Untermalung ist kühl, synthetisch, futuristisch – ein Sound, der später stark mit den 1980er-Jahren verbunden sein wird.
Als die Nummer 1982 veröffentlicht wird, wird sie in Australien und Neuseeland zum Nummer-Eins-Hit, erreicht in den USA die Top Ten und chartet in unzähligen weiteren Ländern. Musikfernsehen spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg, das Video verstärkt nämlich die Wirkung des Songs: Spiegel, verwirrende Räume, futuristische Bilder, die Frisuren, die Kleidung, die Atmosphäre – alles greift ineinander.

Einzig in ihrer Heimat Großbritannien bleibt der Erfolg vergleichsweise verhalten, doch international sind A Flock of Seagulls in der „Oberliga“ angekommen.
In den folgenden Jahren veröffentlicht die Band weitere Alben, feiert mit Songs wie „Space Age Love Song“ und „Wishing (If I Had a Photograph of You)“ auch weitere internationale Erfolge und wird zu einem festen Bestandteil des New-Wave-Kanons der frühen 1980er-Jahre.
Doch interne Spannungen, Besetzungswechsel und der rasche Wandel der Musikszene setzen der Gruppe bereits nach wenigen Jahren zu … Mitte der Achtzigerjahre verliert die Band bereits spürbar an Sichtbarkeit, löst sich schließlich auf und kehrt erst Jahre später (in wechselnden Formationen) zurück.
A Flock of Seagulls bleibt damit weniger eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte als ein prägnanter Moment der Popgeschichte – fest verankert in einem Sound, einem Bild und einem Song, der bis heute nachhallt.
Der riesige Erfolg von „I Ran (So Far Away)“ hatte jedoch auch eine Schattenseite: Der Song wurde so groß, dass er alle weiteren ihrer Stücke überstrahlte. Bei jeglichen Konzerten, unabhängig von Besetzung oder Zeitraum, wollte das Publikum immer wieder genau diesen einen Song hören; alle anderen blieben für die Band durchweg spürbar unbeachtet.
Nichtsdestotrotz hat Mike Score mit den Flock of Seagulls ein unglaubliches Momentum geschaffen, von dem er noch, durch die Gagen zahlloser Live-Auftritte, bis weit in die 2000er-Jahre ein gutes Leben führen konnte: also so, wie er es sich immer gewünscht hat.
Rückblickend wirkt seine Geschichte fast geschlossen, in sich stimmig, fast logisch. Doch am Anfang stand nichts weiter als ein Friseur, dessen erste Band sich aufgelöst hatte, der keine greifbaren Perspektiven sah … und der trotzdem weitermachte. Er handelte, nutzte Gelegenheiten und lebte in Serendipität: Aus kleinen, scheinbar nebensächlichen Entscheidungen in die richtige Richtung, entstanden große Möglichkeiten, die er nicht hätte planen können – und diese Möglichkeiten veränderten sein Leben nachhaltig …
Hören und sehen Sie hier das Musikvideo zu „I Ran (So Far Away)“ von A Flock of Seagulls.



1 Kommentar. Leave new
a flock of seagulls waren, bis auf die kleidung und frisuren😀, klasse.
noch besser war dann „listen“, ihr zweites album, das ich noch heute sehr gerne höre, meisterwerk!