Wie die EU-Industriepolitik Tschechien gefährdet

Tschechien ist ein beeindruckendes Land. Von Pegnitz über Cheb betritt man, wenn man als Fortbewegungsmittel die Eisenbahn wählt, in Pilsen den wohl schönsten Bahnhof Europas. Ehrwürdige Skulpturen und modernisierte alte Gemälde machen die Ankunft in der pommerschen Metropole zu einem sakralen Moment. Während in Deutschland immer mehr Bahnhöfe zu Ruinen verkümmern, legt man in dem osteuropäischen Land noch Wert auf den ersten Eindruck. Mobilität ist ihnen wichtig, was man auch in den Zügen merkt, denn Mobilität macht ökonomischen, also gesellschaftlichen Fortschritt erst möglich.

Das sollten auch die Herrschenden hierzulande wissen, denn ebenso wie in Deutschland ist Tschechien eine Autonation. Das wichtigste Unternehmen ist Škoda. Das Unternehmen ist mehr als nur eine Automarke und viel mehr als ein Tochterunternehmen im Volkswagen-Konzern. Die Geschichte des Unternehmens reicht zurück bis ins Jahr 1895, als Václav Laurin und Václav Klement im böhmischen Mladá Boleslav mit dem Bau von Fahrrädern begannen und damit den Grundstein für eine der langlebigsten Industriegeschichten Mitteleuropas legten. Schon früh entwickelte sich Škoda zu einem Symbol tschechischer Ingenieurskunst und industrieller Selbstbehauptung, zunächst in der Habsburgermonarchie, später in der jungen Tschechoslowakei.

Der Name Škoda, der im Tschechischen ironischerweise auch „Schaden“ oder „Schande“ bedeuten kann, steht historisch jedoch für das Gegenteil: für Aufbau, Leistungsfähigkeit und ökonomische Vernunft. Über Jahrzehnte hinweg war das Unternehmen eng mit dem industriellen Selbstverständnis des Landes verbunden. Selbst die Verstaatlichung in der sozialistischen Ära konnte diese Bedeutung nicht auslöschen, sondern machte Škoda zu einem der wenigen international wettbewerbsfähigen Betriebe hinter dem Eisernen Vorhang. Nach der samtenen Revolution war es nur folgerichtig, dass gerade Škoda zum Aushängeschild der wirtschaftlichen Transformation wurde.

Luftbild des Škoda-Werkes in Mladá Boleslav.

Gesinnungsethik als Gefahr für ein Land

Mit der Übernahme durch Volkswagen Anfang der 1990er Jahre begann für Škoda eine neue Phase. Die Tschechen galten als das plastische Erfolgsmodell der Globalisierung und der freien Märkte. Tatsächlich brachte der Einstieg des deutschen Konzerns Kapital, Marktzugang und technisches Know-how, ohne das der Aufstieg zur heutigen Größe wohl nicht denkbar gewesen wäre. Gleichzeitig entstand aber auch eine strukturelle Abhängigkeit, die bis heute anhält. 

Škoda blieb formal tschechisch, operativ jedoch zunehmend in Konzernlogiken eingebettet, die nicht primär nationalen Interessen folgen. Dennoch gelang es der Marke, sich innerhalb des VW-Portfolios als eigenständige, profitable und international erfolgreiche Säule zu etablieren, was man auch an den stetig und bis heute steigenden Beschäftigungszahlen innerhalb Tschechiens ablesen kann.

Gerade diese Erfolgsgeschichte macht Škoda zu einem sensiblen Faktor für die wirtschaftliche Stabilität Tschechiens. Denn hier geht es nicht um nostalgische Industriegeschichte, sondern um reale Wertschöpfung, Arbeitsplätze, wirtschaftliche Souveränität, aber auch nationale Identität. Tschechien ist heute eine der am stärksten industrialisierten Volkswirtschaften Europas. Der Automobilsektor nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, und innerhalb dieses Sektors ist Škoda der dominante Akteur. Zehntausende Arbeitsplätze hängen direkt vom Unternehmen ab, Hunderttausende indirekt über Zulieferer, Logistik, Dienstleistungen und regionale Wertschöpfungsketten. Škoda ist einer der größten Exporteure des Landes und trägt erheblich zur Handelsbilanz bei.

Im Vergleich zu anderen Marken des Volkswagen-Konzerns ist Škoda nicht nur besonders profitabel, sondern auch produktionsseitig tief in Tschechien verankert. Während andere Marken stärker international fragmentiert sind, bleibt Škoda ein industrielles Schwergewicht mit klarer territorialer Bindung. Obwohl das Unternehmen im VW-Konzern eingebettet ist, ist sich jeder bewusst, dass Škoda ein tschechisches Unternehmen ist. Genau darin liegt seine volkswirtschaftliche Bedeutung – und zugleich seine Verwundbarkeit.

Diese Verwundbarkeit wird durch die derzeitige industriepolitische Entwicklung in der Europäischen Union verschärft. Die politisch forcierte und zunehmend irrationale, weil gesinnungsethisch gesteuerte Elektromobilität ist eben kein ergebnisoffener Innovationsprozess, wie es in einer Marktwirtschaft eigentlich üblich ist, sondern ein regulatorisch „von oben herab“ durchgesetzter Umbau, der Gewinner und Verlierer vorab festlegt. 

Subventionen, Flottengrenzwerte und Verbrennerverbote ersetzen marktwirtschaftliche Signale durch politische Zielvorgaben. Der Volkswagen-Konzern trägt diese Strategie nicht nur mit, sondern gehört zu ihren aktivsten Befürwortern. Für einen global agierenden Konzern mag das rational erscheinen, für ein Land wie Tschechien ist es riskant. Denn wenn der größte Arbeitgeber und Exporteur des Landes in eine technologisch und ökonomisch unsichere Richtung gedrängt wird, dann betrifft das nicht nur Unternehmensbilanzen, sondern ganze Regionen.

Schleichende Entmündigung von Nationen

Die Gefahr liegt weniger im Elektromotor an sich als in der toxischen Monokultur, die ihn begleitet. Elektromobilität wird zur alternativlosen Zukunft erklärt, obwohl Kostenstrukturen, Infrastruktur und Konsumentennachfrage vielerorts nicht mithalten. Für Škoda bedeutet das massive Investitionen, steigende Produktionskosten und eine stärkere Abhängigkeit von globalen Lieferketten, insbesondere bei Batterien. Für Tschechien bedeutet es, dass zentrale industriepolitische Entscheidungen faktisch außerhalb des Landes getroffen werden – in Konzernzentralen und EU-Gremien. Sollte diese Transformation scheitern oder sich als wirtschaftlich nicht tragfähig erweisen, träfe es nicht zuerst Brüssel oder Wolfsburg, sondern Mladá Boleslav, Kvasiny und die tschechischen Arbeitnehmer.

Aus freiheitlicher Sicht ist diese Entwicklung denknotwendig problematisch. Sie ersetzt Wettbewerb durch Planung, Innovation durch Vorgaben und Verantwortung durch politische vermeintliche Absicherung. Staaten wie Tschechien, deren Wohlstand auf industrieller Leistungsfähigkeit beruht, werden so zu Mitspielern in einem Experiment, dessen Regeln sie kaum beeinflussen können. Škoda steht damit exemplarisch für ein größeres Problem: die schleichende Entmündigung von Märkten und Nationen zugunsten einer technokratischen Industriepolitik. 

Wer das Unternehmen verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Produktionszahlen und Modellpaletten schauen, sondern auf die politische Ökonomie dahinter. Denn was hier auf dem Spiel steht, ist weniger die Frage nach dem Antrieb der Zukunft als die nach wirtschaftlicher Selbstbestimmung im Herzen Europas.

Insofern droht der Hauptbahnhof in Pilsen aus der Zeit zu fallen. Man darf nur hoffen, dass die sakral wirkende Halle der Stadt in Pommern nicht zum Museum eines Landes wird, das die EU samt ihren diktatorischen Regularien irgendwann in den Abgrund reißt.

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