Auf dem Plattenspieler: Toto
Künstler: Toto
Song: Africa – erschienen auf dem Album Toto IV, Columbia Records 1982
Wer früher im Musikstudio arbeitete, hatte meist eine klar definierte Aufgabe. Einige schrieben die Songs, andere steuerten die Leadstimme oder den Backgroundgesang bei, während abseits der Aufnahmekabine dafür gesorgt wurde, dass alles zusammenkam und den Weg nach draußen fand.
Heute ist diese Ordnung weitgehend verschwunden. Technische Entwicklungen haben Rollen vermischt und Grenzen aufgelöst: Ein Musiker kann schreiben, produzieren, aufnehmen, veröffentlichen und vermarkten – alles allein.
Die australische Künstlerin Tash Sultana führt diese Entwicklung eindrücklich vor. Alleine auf der Bühne oder in ihren Youtube-Videos spielt sie Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard und singt dabei ihre eigenen Songtexte. Mithilfe von Loop-Pedalen, Effektgeräten und digitaler Technik entsteht so live ein vollständiges, vielschichtiges Arrangement, das das Publikum beim Wachsen miterlebt. Äußerst faszinierend!
Doch so modern solche Fähigkeiten auch wirken, die Idee, dass Musiker mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen können, ist keineswegs neu – früher wurde sie einfach anders umgesetzt.
Eine der frühesten, bekanntesten und erfolgreichsten Formen dieser Vielseitigkeit war ein Musikerkollektiv, in dem David Paich, Steve Lukather, Bobby Kimball und die Brüder Jeff und Steve Porcaro ihre Talente bündelten. Später wurden sie unter dem Bandnamen Toto bekannt …
Sie spielten Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug, sangen Backgroundharmonien, arbeiteten an Produktionen und Arrangements – echte „Allrounder“ also. Mit genau diesem Können legten sie den Grundstein für eine außerordentlich erfolgreiche Karriere: internationale Hits wie „Hold the Line“, „Rosanna“ und „I Won’t Hold You Back“, ausgedehnte Welttourneen sowie zig Grammy-Auszeichnungen und Nominierungen.
Der kommerzielle Höhepunkt ihrer Arbeit wurde 1982 der Track „Africa“ – ein echter Evergreen der Popmusik. Er vereint komplexe Arrangements, eingängige Melodien und emotionalen Ausdruck in perfekter Balance und zählt bis heute zu den beliebtesten Klassikern der 1980er-Jahre; allein auf Youtube wurde er inzwischen über eine Milliarde Mal aufgerufen.
Was kaum bekannt, dafür umso interessanter ist: Diese Erfolgsgeschichte begann lange bevor Toto als Band existierten … Schon in den Siebzigerjahren waren ihre Mitglieder fest im Mainstream verankert – nicht im Rampenlicht, sondern als Studiomusiker, die im Hintergrund mit ihrer gebündelten Kraft Songs perfektionierten und so den Kern zahlreicher Klassiker bildeten.
Beim Album „Chicago 16“ etwa halfen sie der legendären Band Chicago nach einer Phase kreativer und kommerzieller Schwierigkeiten, ihren Sound zu modernisieren und erfolgreich zurückzukehren. Sie wirkten in Madonnas Anfangsphase mit, wobei sie entscheidend dazu beitrugen, den charakteristischen Pop‑Sound zu formen, der ihre frühen Hits prägte.
Den Höhepunkt ihrer Studioarbeit bildete zugleich ein Meilenstein der modernen Musikgeschichte: Das Kollektiv arbeitete tatsächlich auch an Michael Jacksons „Thriller“ mit, einem Album, das bis heute als Maßstab für Produktionsqualität, Timing und Arrangement gilt; und bis heute das meistverkaufte Album der Musikgeschichte ist!

Starproduzent Quincy Jones, Michael Jackson und Steve Porcaro bei den Arbeiten an „Thriller“.
Erst nach all diesen bemerkenswerten Erfahrungen im Studio stellten sich die Mitglieder von Toto schließlich die entscheidende Frage: Wie würden wir eigentlich als eigene Band funktionieren, wenn wir nicht mehr nur hinter anderen Künstlern stehen?
Den Bandnamen Toto leiteten sie übrigens von dem Hund aus dem Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ ab. Gleichzeitig bedeutet „toto“ auf Latein „alles“ oder „vollständig“ – ein passender Hinweis auf die Vielseitigkeit ihres musikalischen Schaffens.
Der Beginn ihrer Karriere verlief erwartungsgemäß erfolgreich: Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erschien 1978 und katapultierte sie sofort unter die erfolgreichsten Bands ihrer Zeit. Sogar die erste Grammy-Nominierung, als „Best New Artist“, konnte die Band verzeichnen!
Mit ihren beiden nächsten Alben entfernte sich die Gruppe stilistisch vom Mainstream und experimentierte mit härteren Rock-Sounds. Dies jedoch war ein Schritt, der von den Hörern unmissverständlich abgestraft wurde: Diese Platten konnten nicht annähernd an den Erfolg des Debüts anknüpfen.
Anfang der 1980er-Jahre standen Toto daher trotz ihres Könnens unter Druck. Das nächste Album musste ein Erfolg werden, Columbia Records, ihre Plattenfirma, drohte damit, die Band sonst fallen zu lassen. Es ging also um weit mehr als neue Songs: Es war eine Entscheidung über ihre gesamte Zukunft.
Über zwei Jahre arbeiteten Toto intensiv an dieser Platte – und während die Öffentlichkeit glaubte, die Band stehe am Abgrund, entstanden im Studio Tracks, die schon bald die globale Musikszene erobern sollten …
Schon die erste Single, „Rosanna“, brachte Toto zurück auf die Karte: Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sie sich zum weltweiten Hit und ebnete dem neuen Album „Toto IV“ den Weg zurück zum internationalen Erfolg. Doch es gab noch eine andere Single – eine, die sich zunächst langsamer verbreitete, dafür aber langfristig noch viel entscheidender war: „Africa“ …
Geschrieben wurde der Track von David Paich. Und das Erstaunliche: Er ließ sich nicht etwa von eigenen Reisen oder familiären Geschichten inspirieren, sondern tatsächlich allein von Bildern aus dem Fernsehen und einer langjährigen Faszination für Afrika!
„Africa“ ist damit zugleich ein Liebeslied und eine Hommage an den Kontinent: Es fängt Sehnsucht, Faszination und Emotionen ein, selbst wenn die Orte und Szenen nur in Paichs Vorstellung existieren – und wird so zu einem Lied, das sofort spürbar und emotional greifbar ist.
Innerhalb der Band stieß dieses Konzept zunächst auf große Skepsis. Der Text sprach in Bildern und Szenen und ließ viel Raum für Interpretation:
I stopped an old man along the way
Hopin‘ to find some old forgotten words or ancient melodies
He turned to me as if to say
„Hurry, boy, it’s waiting there for you“
Für Musiker, die gewohnt waren, jedes Detail zu kontrollieren, war das ungewohnt – und vor allem unverständlich: Wie sollten diese fünf Amerikaner glaubhaft für Afrika stehen?
Trotzdem wurde der Song beibehalten, sorgfältig produziert und nahtlos in „Toto IV“ integriert. David Paich beharrte auf der Nummer. Und wie wir heute wissen, zahlte sich seine Beharrlichkeit eindeutig aus: Mit diesem Track wurde „Toto IV“ endgültig ihr größtes Album, mit mehreren Chart-Hits, sechs Grammys und über zwölf Millionen verkauften Exemplaren.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte „Africa“ ein Eigenleben, das Toto bis heute bekannt bleiben lassen sollte. Die Nummer wurde immer wieder neu entdeckt: durch Filme, Serien und Werbespots, durch Cover unzähliger Bands und Sänger sowie jahrzehntelange Platzierungen in Radio und Musikfernsehen.
Bis heute schafft es das Lied, Generationen zu verbinden, die den Song unabhängig von seinem ursprünglichen Kontext erst kennenlernen, wenn sie ihm in Popkultur-Referenzen begegnen.
Aus einem Track, der einst als sperrig, unlogisch und als ungewöhnlich galt, wurde also ein kulturelles Phänomen mit extremer Langlebigkeit …
Toto entstand in einer Zeit, in der die Musikindustrie klare, festgelegte Rollen vorsah. Die Band überschritt bewusst diese Grenzen und zeigte, lange vor technischen Neuerungen, dass Musiker all diese Funktionen zugleich übernehmen können. „Africa“ spiegelt Totos Geschichte wider und ist ein typisches Ergebnis ihrer außergewöhnlichen Vielseitigkeit: ein Song voller Experimentierfreude, Mut und Freiheit.
Und genau dafür stehen die fünf Musiker: Sie erinnern mit ihrem Werk daran, sich nicht einschränken zu lassen. Wer die Fähigkeiten besitzt, mehr zu leisten, sollte sie nutzen, statt sich auf eine einzige Rolle oder Vorgehensweise festlegen zu lassen …


