Warum der starke Staat keinen Frieden bringt
In Zeiten globaler Krisen und zerfallender Ordnungen wächst die Sehnsucht nach einer starken Hand. Selbst besonnene Analytiker flüchten sich in der Stunde der Not oft in ein altes philosophisches Argument: Nur ein mächtiger Staat, ein „Leviathan“, könne den „Krieg jeder gegen jeden“ verhindern. Jüngst hat dies Prof. Stefan Homburg in seinem Video „Krieg in Nahost“ vom 9. März 2026 am Beispiel der aktuellen Konflikte dargelegt. Die Logik dahinter ist bestechend simpel: Lieber ein harter Diktator, der für Ruhe sorgt, als das blutige Chaos eines gescheiterten Staates.
Doch diese vermeintliche Realpolitik übersieht eine fundamentale Wahrheit der Geschichte und der Logik. Der Staat ist nicht der Retter vor der Gewalt, sondern ihre gefährlichste Steigerung. Wer den Leviathan ruft, um den Wolf im Menschen zu bändigen, setzt einen Drachen ein, gegen den es keine Verteidigung mehr gibt.

Das logische Versagen: Macht ohne Haftung
Die Idee des Staates beruht auf einem Denkfehler. Man geht davon aus, dass Menschen ohne Aufseher übereinander herfallen würden. Um dies zu verhindern, überträgt man einer einzigen Instanz das absolute Monopol auf Gewalt und Rechtsprechung.
In der ökonomischen Theorie wissen wir jedoch: Qualität entsteht dort, wo Wissen und Haftung zusammenfallen. Wahre Sicherheit entsteht nicht durch zentrale Planung, sondern durch die Internalisierung von Verantwortung. Ein zeitloses Modell hierfür liefert das biblische Buch Nehemia beim Wiederaufbau der Stadtmauer Jerusalems. Anstatt eine zentrale Baubehörde zu gründen, setzte Nehemia auf das Prinzip der Hausnähe.
In Nehemia 3 wird minutiös beschrieben, wie die Verantwortung dort verankert wurde, wo die Betroffenheit am größten war: „Nach ihnen besserten Benjamin und Haschub aus, gegenüber ihrem Haus“ (Neh 3,23) oder „Oberhalb des Rosstores besserten die Priester aus, ein jeder gegenüber seinem Haus“ (Neh 3,28).
Wer unmittelbar vor seiner eigenen Tür baut, braucht keinen staatlichen Kontrolleur. Schlamperei würde hier nicht ein abstraktes Kollektiv gefährden, sondern die eigene Familie. Der Staat hingegen trennt Haftung und Nutzen systematisch: Er baut Mauern mit dem Geld Fremder für Zwecke, die selten die der Bewohner sind.
Die blutige Bilanz der „Ordnung“
Das Schreckgespenst des „gescheiterten Staates“ dient oft als Totschlagargument für die Notwendigkeit starker Regime. Doch ein Blick in die Statistik der Gewalt entlarvt diesen Mythos. Die sogenannte Demozid-Forschung hat untersucht, wie viele Menschen im 20. Jahrhundert durch staatliche Gewalt umgekommen sind – außerhalb regulärer Kriege.
Die Zahlen sind niederschmetternd: Weit über 200 Millionen Menschen wurden von ihren eigenen Regierungen ermordet oder durch planwirtschaftliche Hungerkatastrophen vernichtet. Das ist ein Vielfaches der Opfer, die private Kriminelle jemals hätten fordern können. Ein Nachbar mag gefährlich sein, aber nur ein Staat hat die logistische Macht, Millionen von Menschen systematisch zu erfassen und zu liquidieren. Ein Diktator garantiert keine „Ruhe“, sondern lediglich eine Atempause zwischen den Säuberungen.
Wie das Geldsystem den Krieg füttert
Ein entscheidender Grund, warum moderne Staaten so unermesslich zerstörerisch wirken können, liegt in ihrem Geldbeutel. In einer freien Gesellschaft wäre ein großer, jahrelanger Krieg schlicht unbezahlbar. Müssten Regierungen jeden Panzer und jede Rakete durch direkte Steuern finanzieren, würde das Volk sehr schnell den Gehorsam verweigern.
Der moderne Staat hat dieses Problem gelöst, indem er das Geldwesen monopolisiert hat. Durch unser heutiges System des „Fiat-Geldes“ – Geld, das aus dem Nichts geschaffen wird – kann der Staat Kriege führen, für die er gar kein reales Vermögen besitzt. Er druckt sich die Mittel einfach selbst oder macht Schulden, die durch die Entwertung des Geldes (Inflation) von der Allgemeinheit abbezahlt werden. Ohne diese „Druckerpresse der Gewalt“ wären die endlosen militärischen Interventionen der letzten Jahrzehnte nach wenigen Wochen mangels Masse in sich zusammengebrochen.
Die Architektur der Verantwortung: Wehrhaftigkeit von unten
Die wahre Alternative zum Leviathan ist nicht das Chaos, sondern eine polyzentrische Ordnung. Wahre Stabilität erwächst aus der Eigenständigkeit kleiner, organischer Einheiten – seien es Familien, Zünfte oder Gemeinden.
In einem solchen System wird Führung nicht als absolute Befehlsgewalt verstanden, sondern als Koordination (ein sogenannter Rector). Nehemia agierte nicht als absolutistischer Planer, sondern er nutzte vorhandene Strukturen wie Goldschmiede, Kaufleute oder lokale Distriktvorsteher. Diese Einheiten blieben autonom und wehrhaft. Wenn Schutz und Verteidigung nicht an anonyme Spezialisten delegiert, sondern als Teil der eigenen Haushaltsverantwortung begriffen werden, entsteht eine „Antifragilität“, die kein Zentralstaat kopieren kann: „… mit der einen Hand taten sie die Arbeit, und mit der anderen hielten sie die Waffe. Und jeder von den Bauleuten hatte sein Schwert an seine Lenden gegürtet und baute so“ (Neh 4,11-12).
Ein System, in dem jeder für sein unmittelbares Erbe kämpft, ist gegen Angriffe immun, die darauf abzielen, eine zentrale Schaltstelle zu lähmen.
Freiheit als Sicherheitsgarant
Die Behauptung, wir bräuchten den Staat als Schutzwall gegen das Chaos, ist eine der erfolgreichsten Propagandalügen der Geschichte. Der Staat ist nicht das Ende des „Krieges jeder gegen jeden“; er ist dessen am besten organisierte Form. Er zerstört die natürliche Verbindung von Wissen, Haftung und Betroffenheit.
Wahre Ordnung ist die Synthese aus Selbstverantwortung und der Achtung des privaten Eigentums. Der Weg zum Frieden führt nicht über mehr staatliche Macht, sondern über deren konsequente Dezentralisierung. Nur wenn kein Akteur mächtig genug ist, um das Recht ungestraft zu brechen, sind wir wirklich sicher.



