Sie ließ Black Beauty sprechen
Tagesgericht: Heute vor 206 Jahren wird Anna Sewell geboren
Mein letzter runder Geburtstag war ein augenöffnendes Ereignis. „Wo ist nur die Zeit hin?“, dachte ich mit Grauen. „Du wolltest doch dies und jenes tun, hattest diese und jene Ziele! Und was hast du getan?“
As time goes by. Ich hatte mächtig den Blues. Plötzlich wirkte alles auf mich so sinnlos. Vertane Zeit. Und das Schlimmste: Alles fühlte sich so an, als wenn auch keine Zeit mehr bliebe, um die Dinge zu tun, die ich immer schon gerne getan hätte.
„Wie soll das erst werden, wenn ich 40 werde?“, dachte ich.
Und da hat ein Freund von mir, dem ich von meinem Blues erzählte, mir ein schönes Geschenk gemacht: Er schenkte mir den Roman „Black Beauty“ der heute vor 206 Jahren, am 30. März 1820, geborenen Autorin Anna Sewell.
Nie zu spät
„Black Beauty“ war der erste und einzige Roman, den Anna Sewell, geboren am 30. März 1820, gestorben am 25. April 1878, veröffentlichte. Der Roman wurde zu einem der bekanntesten Jugendbücher im 20. Jahrhundert.

Mein Freund hatte mir das Buch allerdings nicht wegen der Pferdegeschichte geschenkt. Wobei ich die Idee von Frau Sewell, ihr Buch aus Sicht des Pferdes zu schreiben, als „Autobiografie eines Pferdes, übersetzt aus der Pferdesprache“ spannend fand (Originaltitel: „Black Beauty: The Autobiography of a Horse“).
Er schenkte mir das Buch, weil sich die Autorin erst im Alter von 50 Jahren dazu entschloss, ihr erstes Buch zu schreiben. Ein Geschenk so nach dem Motto: „Es ist noch nicht zu spät, loszulegen!“
Das Buch in meinem Regal sollte mich daran erinnern, dass es für mich noch viel zu früh war, um die Flinte ins Korn zu werfen. „Mensch Felix, entspann dich!“
Er wollte mich so von meinem Zeitfrust befreien. Das hat aber nur bedingt gewirkt bzw. anders, als er es vermutlich im Sinn hatte …
Sie hatte eine Mission
Denn Anna Sewells Leben war von Krankheit geprägt. Nach einem Unfall in ihrer Jugend war sie lange Zeit körperlich eingeschränkt und oft auf Kutschen angewiesen, auf genau jene Fahrzeuge also, die von Pferden gezogen wurden. Sie erlebte täglich, wie diese Tiere behandelt wurden: manchmal mit Fürsorge, oft jedoch mit Härte.
Sewell wollte dagegen anschreiben. Ihr Buch sollte Pferdehalter, Kutscher und Stallbesitzer erreichen. Sie hatte kein Kinderbuch vor Augen, sondern wollte Pferdehalter und -nutzer über tierquälerische Haltungsbedingungen und Grausamkeiten aufklären.
Kurz gesagt: Sie hatte eine Mission. Und diese Mission gab ihr Kraft, sich gegen die Zeit zu stemmen, die für sie ablief.
So schaffte sie es, trotz der schweren Erkrankung, ihr Buch zu vollenden. Am 24. November 1877 wurde es ein halbes Jahr vor ihrem Tod veröffentlicht. Die Bezahlung war gering.
Dass sich „Black Beauty“ zum Bestseller entwickelte, erlebte sie nicht mehr. „Black Beauty“ gehört mit 50 Millionen Exemplaren zu den meistverkauften Büchern überhaupt. Zudem war ihre Geschichte im Kino und Fernsehen sehr erfolgreich. Das Buch wurde mehrfach verfilmt: Erstmals als Stummfilm im Jahr 1921, dann als Tonfilm 1933, 1946, 1971 (mit Uschi Glas) und 1994. In den Siebzigerjahren bannte die britische Fernsehserie „Black Beauty“ (mit Judi Bowker in der Rolle der Vicky Gordon, neben dem Pferd die Heldin der Geschichte) vor allem jugendliche Zuschauer vor dem Fernseher.
Von der Zeit befreien
„Mensch Felix, entspann dich!“, so meinte mein Freund, als er mir das Buch schenkte, „Du hast doch noch Zeit, deine Ideen umzusetzen!“ Aber genau diesen Schluss zog ich aus der Geschichte von Anna Sewell eben nicht.
Klar, ist es gut zu entspannen, sich nicht vom Älterwerden und der Zeit, die vergeht, ins Bockshorn jagen zu lassen. Doch Sewell machte mir bewusst, dass – egal wie alt man ist – die Zeit immer abläuft.
Höchstwahrscheinlich habe ich noch mehr Zeit zur Verfügung als Anna Sewell damals, die schwer krank war. Aber ob mir noch 40 Jahre oder 50 oder 60 Jahre bleiben, das ist mit Blick auf Dinge, die man tun möchte, nicht von Bedeutung.
Von Bedeutung ist allein, ob man in seinem Leben eine Aufgabe hat. Den Takt des Lebens gibt dann nicht mehr die ablaufende Zeit an, die wir meist sogar vergessen. Sondern eben unsere Aufgabe, etwas, das uns von innen heraus antreibt. Etwas, das uns so dermaßen einnimmt, dass sich die Frage, ob wir dem nachgehen oder nicht, überhaupt nicht stellt. Wir tun es einfach.
Von der ablaufenden Zeit befreien wir uns nicht dadurch, dass wir sie ignorieren, mit Beschäftigungen und Ablenkungen totschlagen, sondern indem indem wir einer Mission folgen – und dadurch aus der Zeit herausfallen. Die Mission hält uns im Jetzt. Wir sind auf sie konzentriert. Wir sind von ihr ganz erfüllt. So stelle ich es mir vor, wie es Anna Sewell mit 50 schwerkrank geschafft hat, ihr Buch zu schreiben.
Die Frage, die ich mir also jetzt angesichts von „Black Beauty“ jedes Mal, wenn ich am Regal vorbeikomme und mein Blick auf das Buch trifft, stelle, ist: „Was ist eigentlich meine Mission?“
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