Frieden ohne Bewegung?

Frieden zählt zu den wenigen politischen Zielen, die breite Zustimmung finden. Kaum jemand würde sich offen dagegen aussprechen. Doch ein Blick auf die aktuelle Friedensbewegung zeigt ein überraschend uneinheitliches Bild. 

Eine wichtige Frage drängt sich auf: Handelt es sich um eine gesellschaftlich breit getragene Bewegung oder um viele getrennte Aktivitäten, die nur lose unter dem Begriff „Frieden“ zusammengefasst werden? 

Viel Aktivität, wenig Einheit

Seit Verabschiedung des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes im Herbst 2025 kam es bundesweit zu zahlreichen Protesten gegen diese Gesetzesänderung. Auch die Ostermärsche umfassen in diesem Jahr über hundert Veranstaltungen in Großstädten, regionalen Zentren und bei Militäreinrichtungen. Anfang März beteiligten sich geschätzt 50.000 Menschen an Schülerprotesten gegen die Wiedereinführung des Wehrdienstes. In Berlin, Hamburg oder Leipzig nahmen mehrere hundert bis einige tausend Demonstranten daran teil, so Polizei und Veranstalter. Eine Friedensbewegung ist also keineswegs unsichtbar. 

Ein weiterer Indikator für die Bedeutung des Themas findet sich im Privaten. Im Zuge der Wehrdienstreform wurden etwa 400.000 bis 450.000 junge Menschen pro Jahrgang angeschrieben, um Daten für mögliche Wehrdienstmodelle zu sammeln. Laut Bayrischem Rundfunk haben bisher nur rund 25 Prozent der angeschriebenen jungen Menschen auf die Musterungsfragebögen bis Ende Februar geantwortet. Die Debatte erreicht die Menschen also auch im Privaten. Diese Resonanz sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie viel Gemeinsamkeit geteilt wird. 

Ein Thema, viele Milieus

Bei näherer Betrachtung relativiert sich der Eindruck einer geschlossenen Bewegung. Aktuelle Proteste wirken sehr heterogen. Es gibt klassische Friedensorganisationen, kirchliche Initiativen und linke Jugendverbände. Hinzu kommen viele anlassbezogene Gruppen und Initiativen. Bei Ostermärschen treten Akteure regelmäßig gemeinsam auf und bilden punktuelle Bündnisse. Doch diese Zusammenarbeit bleibt thematisch begrenzt. Beteiligte Gruppen setzen eigene Schwerpunkte und sprechen verschiedene gesellschaftliche Milieus an. Eine dauerhafte organisatorische oder kommunikative Integration ist weniger erkennbar. So entsteht eher ein Nebeneinander von Initiativen, die situativ kooperieren, aber weitgehend getrennte Strukturen und Öffentlichkeiten aufweisen. 

Auffällig ist auch, dass sich im Zuge der aktuellen Wehrpflichtdebatte neue Akteure häufig nicht in Form klar benennbarer Organisationen herausbilden. Schülerproteste wurden von lokal entstandenen Initiativen organisiert, die sich kurzfristig über soziale Medien koordinierten und unter Bezeichnungen wie „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ auftraten. Die Mobilisierung erfolgt koordiniert, sichtbar und mit erheblichem Aufwand, durch intensive Nutzung sozialer Medien oder die Vorbereitung von Demonstrationen vor Ort. Diese Strukturen bleiben jedoch eher anlassbezogen und können nach einzelnen Aktionen an Kontinuität verlieren. Organisation entsteht so situativ, nicht institutionell.

Protest im Zeitalter der Aufmerksamkeit

Diese Entwicklung lässt sich auch im weiteren gesellschaftlichen Kontext beobachten.  Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt die Gegenwart als eine „Gesellschaft der Singularitäten“, in der sich soziale Gruppen zunehmend entlang spezifischer Milieus und Lebensstile ausdifferenzieren. Solche sozialen Gruppen müssen nicht stabil bleiben. Darauf deutet auch Zygmunt Bauman hin. Er konstatiert, dass soziale Formen in der Gegenwart oft nur noch begrenzte Haltbarkeit aufweisen: „Forms of social life cannot keep their shape for long“, erklärt er in seinem Werk „Liquid Modernity“. 

Neben der organisatorischen Struktur hat sich auch die Form des Protests verändert. Während die Friedensbewegung der 1980er-Jahre durch große, eher einheitliche Mobilisierungen geprägt war, zeigt sich heute ein heterogeneres Bild. Auch damals war die Friedensbewegung durch Kooperationen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen geprägt: kirchliche Initiativen, Gewerkschaften und politische Organisationen. Der Unterschied liegt in der Qualität dieser Zusammenarbeit. Während früher breite Bündnisse entstanden, die als gemeinsame Bewegung wahrnehmbar waren, erscheint die Kooperation heute häufiger als lose Verbindung einzelner Akteure. Der Unterschied liegt weniger in der Existenz von Kooperation als in ihrer Verbindlichkeit und Dauer. An die Stelle großer Bewegungen tritt ein Nebeneinander, das punktuell zusammenfindet, jedoch selten dauerhaft zusammenwirkt. 

Ein weiterer Unterschied zu den 1980er-Jahren liegt in der Rolle der Kommunikation. Mobilisierung erfolgt heute oft über soziale Medien, wodurch Aktionen kurzfristiger, zugespitzter und stärker auf Sichtbarkeit ausgerichtet sein müssen. Parolen verbreiten sich nicht mehr nur auf Demonstrationen selbst, sondern auch über Plattformen wie Instagram oder TikTok, wo sie eigene Dynamiken entwickeln. Damit einhergehend werden Inhalte von Slogans vermehrt bewusst provokativ und nehmen emotionalisierte Formen an. Ein Beispiel ist der Slogan von Schülerdemos: „Merz, leck meine Eier.“ 

Solche Verschiebung lässt sich weniger aus Inhalten erklären als aus den medialen Bedingungen, unter denen sie entstehen. Diese Logik folgt dabei nicht nur inhaltlichen Entscheidungen, sondern auch strukturellen Bedingungen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat darauf hingewiesen, dass in modernen Medienumgebungen vor allem dasjenige wirksam wird, was Aufmerksamkeit erzeugt. Übertragen auf den politischen Protest bedeutet dies: Die Form folgt zunehmend den Prinzipien der medialen Verbreitung. Damit werden die Grenzen zwischen politischer Positionierung und öffentlicher Inszenierung fließender. Mehr denn je wird Protest auch ein performativer Akt. 

Im Vergleich zu den 1980er-Jahren wirkt die Bewegung dadurch eher als ein Zusammenspiel unterschiedlicher Ausdrucksformen, von traditioneller Friedensarbeit bis hin zu digitalen, oft spontanen Protestformaten. 

Mit dieser strukturellen Ausdifferenzierung geht auch eine Verschiebung in der Kommunikation einher. Wo sich Bewegungen stärker entlang unterschiedlicher Milieus organisieren, richtet sich auch die Ansprache zunehmend nach diesen Kontexten. Kommunikation wird damit nicht nur zum Mittel der Mobilisierung, sondern auch zum Instrument der Abgrenzung. 

Wer spricht mit wem und warum? 

Wie sich solche Dynamiken konkret auswirken, zeigt sich exemplarisch im Umgang mit Interviewanfragen für den Sandwirt. So wurde eine Anfrage an Thomas Carl Schwoerer, Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, nicht mit Verweis auf inhaltliche Differenzen oder fehlende Zeit abgelehnt, sondern mit einer anderen Begründung. 

In seiner Antwort erklärte Schwoerer, er wolle nicht mit einem Medium in Verbindung gebracht werden, dem „begründet nachgesagt wird, Querfront-Ideen zu verbreiten“. Er verwies dabei auf einen entsprechenden Presseartikel aus dem Jahr 2024. Diese Einordnung wurde dabei nicht von ihm selbst vorgenommen, sondern beruht auf einem Beitrag in der linken Tageszeitung taz. Dort werden im Zusammenhang mit dem „Bürgergipfel 2024“ entsprechende Tendenzen diskutiert. Das geschah nicht auf Grundlage konkreter Inhalte der Veranstaltung, sondern anhand der beteiligten Redner und ihrer Einordnung, bei teils noch offenem Programm. Bemerkenswert ist dabei weniger die konkrete Zuschreibung als deren Funktion im Gesprächskontext. Der Verweis auf externe Bewertungen ersetzt an dieser Stelle die inhaltliche Auseinandersetzung. Nicht Positionen oder Argumente stehen im Vordergrund, sondern die Frage nach vermuteter Beurteilung durch das eigene Milieu, in welchem Umfeld sie geäußert werden. Solche Formen selektiver Kommunikation sind kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer breiteren Entwicklung. 

Dies verstärkt bestehende ideologische Grenzen. Anstatt unterschiedliche Perspektiven in einen gemeinsamen Diskurs zu überführen, bilden sich parallele Öffentlichkeiten, die jeweils ihre eigenen Deutungsrahmen stabilisieren. Der Austausch über Differenzen hinweg wird nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber erschwert. So verliert dadurch eine politische Bewegung an gesellschaftlicher Breite, ohne dass dies in sinkenden Aktivitäten sichtbar werden muss. 

Ein Gegenentwurf: Offene Foren

Historisch lebten Friedensbewegungen davon, unterschiedliche Gruppen zusammenzuführen und gemeinsame Anliegen über politische Lager hinweg sichtbar zu machen. Bereits frühe Impulse der internationalen Friedensbewegung im Umfeld von Bertha von Suttner und Alfred Nobel zielten auf eine solche Verständigung. 

Wo diese verbindende Funktion nachlässt, verändert sich auch der Charakter der Bewegung selbst. Die Beobachtung selektiver Gesprächsbereitschaft, die zunehmende Bedeutung von Zuschreibungen und die Herausbildung paralleler Öffentlichkeiten verweisen auf eine Entwicklung, die über einzelne Fälle hinausweist. Sie legt nahe, dass der Diskurs über Frieden weniger als offener Raum gestaltet ist, sondern zunehmend entlang sozialer und politischer Linien strukturiert wird. 

Ein Gegenentwurf läge weniger in Ausweitung einzelner Kampagnen als in der Schaffung offener, plattformartiger Formate. Solche, die unterschiedliche Positionen nebeneinander bestehen lassen und in einen fortlaufenden Austausch bringen. 

Diese Formen bürgerlichen Engagements sind möglich. So verstand sich etwa das Neue Forum im Jahr 1989 in der DDR bewusst nicht als Organisation oder Partei, sondern als offene Bürgerbewegung, die Menschen mit unterschiedlichen Positionen zusammenführen wollte. Im Mittelpunkt stand weniger eine einheitliche Programmatik als die Möglichkeit, gesellschaftliche Probleme gemeinsam zur Sprache zu bringen. 

Unter anderem ging aus diesem Neuen Forum schließlich eine politische Dynamik hervor, die das Land tiefgreifend veränderte. Ein solcher Ansatz würde nicht voraussetzen, dass Einigkeit besteht, sondern dass Gespräch überhaupt stattfindet. Eine Bewegung, die für Dialog steht, wird sich letztlich daran messen lassen müssen, mit wem sie bereit ist zu sprechen und mit wem nicht.

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