Begraben unter einer Tiefgarage in München

Tagesgericht: Heute vor 679 Jahren stirbt Wilhelm von Ockham

In der Oberstufe hatte ich einen Deutschlehrer, der war einer dieser Lehrer, die die Wahrheit für sich gepachtet glaubten. Ein freier Austausch war unmöglich. Wer es dennoch versuchte, riskierte eine schlechte Note. Nach einem besonders aufmüpfigen Schüler warf er schon mal ein Stück Kreide. Einmal auch nach mir. Er traf nicht. Die vier in Deutsch traf mich aber schon.

Kurz gesagt: Dieser Lehrer war mir unsympathisch. Wobei ich zugeben muss, dass er bei mir vom ersten Moment an einen schweren Stand hatte. Denn er sah aus wie ein Zwilling des Schauspielers F. Murray Abraham. Und ich hatte F. Murray Abraham nicht lange vor dem ersten Zusammentreffen mit dem Lehrer im Fernsehen in einer seiner Paraderollen gesehen: als Inquisitor Bernardo Gui. In dieser Rolle brillierte Abraham im Kloster-Krimi „Der Name der Rose“ als fieser Gegenspieler von William von Baskerville in der Gestalt von Sean Connery.

Vielleicht sorgte ja dieser zwillingshafte Zufall dafür, dass ich mich dann mehr für die Geschichte und die Gedanken hinter „Der Name der Rose“ interessierte. Unter anderem eben auch für das historische Vorbild von William von Baskerville, den vor 679 Jahren, am 9. April 1347, in München verstorbenen Wilhelm von Ockham.

Ockhams Messer

Wilhelm von Ockham wurde um 1287 im Dorf Ockham im englischen Surrey geboren und trat jung dem Bettelorden der Franziskaner bei. Seine theologische und philosophische Bildung erhielt er in Oxford. 

Er gehört zu den großen Denkern des Mittelalters. Er gilt als einer der Hauptvertreter des Nominalismus und damit als eine der wichtigsten Persönlichkeiten im langen und komplizierten und auch erbittert ausgefochtenen Universalienstreit. Für Wilhelm von Ockham hatten Allgemeinbegriffe keine eigene Existenz, sondern waren nur die Summe der gedachten Dinge. Eine solche Summe ist zum Beispiel „die Rose an sich“, das ist ein Begriff, der hat eine rein gedankliche Existenz. Real ist nur eine einzelne Rose.

Wilhelm von Ockhams erkenntnistheoretisches Hauptprinzip wurde als „Ockhams Rasiermesser“ bekannt und besagt vereinfacht: Bei der Erklärung eines Phänomens ist die einfachste Erklärung den anderen vorzuziehen. Ein Sparsamkeitsprinzip des Denkens, das William von Baskerville als mittelalterlicher Vorläufer von Sherlock Holmes in „Der Name der Rose“ durchexerziert, wenn er sich an einfachen Fakten und logischen Schlüssen orientiert. Wenn er immer wieder die komplizierten, aus Dämonenwahn, Aberglaube und inquisitorischem Fanatismus geborenen Erklärungen für die Toten im Kloster einer Vernunftkritik unterzieht.

Mit seinem „Rasiermesser“ hatte Wilhelm von Ockham ein befreiendes Werkzeug erschaffen: Kein Dogma, keine Autorität, keine Tradition kann sich auf bloße Behauptungen stützen.

Der Konflikt mit dem Papst

Papst Johannes XXII. zitierte ihn 1324 nach Avignon vor die Inquisition, weil Wilhelm von Ockham der Ketzerei beschuldigt wurde. Vier Jahre lebte Ockham unter kirchlichem Arrest, während eine päpstliche Kommission seine Schriften durchforstete. 

Am 26. Mai 1328 floh Wilhelm von Ockham aus Avignon nach Pisa. Dort hielt sich Kaiser Ludwig IV. der Bayer auf, der sich ebenfalls im Streit mit dem Papst befand. Der Papst hatte die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Ludwigs als römisch-deutscher König bestritten und ihn am 23. März 1324 exkommuniziert, worauf Ludwig den Papst der Häresie beschuldigte und ihn, nachdem er im Januar 1328 in Rom zum Kaiser gekrönt worden war, im April 1328 für abgesetzt erklärte.

Einer der Streitpunkte um die Macht war das Armutsgebot in der Nachfolge Christi. Der Papst sah es mit der Armut nicht so eng und behauptete, Christus und die Apostel hätten Eigentum besessen. Der Kaiser vertrat die entgegengesetzte Auffassung, der Papst und die Kirche sollten arm sein, nicht nach weltlicher Macht und weltlichen Besitztümern streben.

Wilhelm von Ockham schlug sich aus philosophischen und theologischen Erwägungen auf die Seite des Kaisers und griff die päpstliche Weltherrschaft fundamental an. 

Am 20. Juli 1328 wurde Wilhelm von Ockham von Papst Johannes XXII. exkommuniziert.

Tod in München

Unter dem Schutz des Kaisers lebte und wirkte Wilhelm von Ockham dann ab 1330 in München im dortigen Franziskanerkloster.

Auch nach dem Tod von Papst Johannes XXII. 1334 kam es nicht zu einer Versöhnung mit dessen Nachfolger Benedikt XII., dessen Machtanspruch und Anspruch auf geistige Vorherrschaft seinem Vorgänger in nichts nachstanden. Wilhelm von Ockham blieb exkommuniziert und standhaft. Er leistete weiter geistigen Widerstand gegen eine Kirche, die nach der weltlichen Macht greift, und gegen einen Papst, der die absolute Wahrheit für sich beansprucht.

Er, der tief gläubig war, leistete zudem Widerstand gegen einen Glauben, der die Vernunft dogmatisch in ihre Schranken weist – aber auch gegen ein menschliches Denken, das sich anmaßt, Gott mittels vernünftiger Argumente erkennen zu können. Wie die Trennung von Staat und Kirche trennte er strikt Wissen und Glauben. Gott zu erkennen ist allein eine Frage des Glaubens.

Revolutionär war in seiner Zeit seine Lehre von der absoluten Freiheit Gottes, mit der die größtmögliche menschliche Freiheit einherging. Eine Freiheit, die unter anderem bedeutet, dass Gott so frei ist, die Welt zu verändern. Die Ordnung der Welt ist also nicht fixiert und determiniert, sondern offen. Diese theologische Grundüberzeugung hat eine weitreichende politische Konsequenz: Wenn die Weltordnung nicht ein für allemal festgelegt ist, dann ist auch keine menschliche Herrschaft gottgegeben und unabänderlich. Was nicht determiniert ist, kann verändert werden. Widerstand wird möglich.

Wilhelm von Ockham starb am 9. April 1347 in München. Er wurde an der Kirche des Franziskanerklosters beigesetzt. An dieser Stelle befindet sich heute der Münchner Max-Joseph-Platz. Wenn Sie also dort in die Tiefgarage fahren, denken Sie vielleicht mal an Wilhelm von Ockham. Einen freien Geist, der die ideologische Kreide, mit der er vom Papst beworfen wurde, nicht nur zurückwarf, sondern in messerscharfen Widerstand verwandelte.

Mehr zu Religion und Widerstand im Sandwirt: 

„Die Katharer“ von David Engels

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