Der rasende Reporter startet ins Leben
Tagesgericht: Heute vor 141 Jahren wird Egon Erwin Kisch geboren
Bei uns daheim war immer Blätterwald. Denn meine Eltern informierten sich gerne ganz traditionell in gedruckten Zeitungen. Wann immer möglich, lasen Vater und Mutter die lokale Tageszeitung, die sie abonniert hatten, schon zum Frühstück. Sie tauschten dann zu Kaffee und Stulle die Druckbögen. Vater begann immer mit dem Lokalteil, Mutter mit der Titelseite und den politischen Meldungen auf den nachfolgenden Seiten.
Von einem Nachbarn erhielten sie zudem einmal in der Woche „Die Zeit“. Der Nachbar erhielt im Gegenzug am Abend immer die Tageszeitung von meinen Eltern. Dazu kam dann am Wochenende die „Bild am Sonntag“, die Vater zusammen mit den Sonntagsbrötchen beim Bäcker um die Ecke kaufte.
Sie waren schon gerne informiert, meine Eltern, auch aus unterschiedlichen Perspektiven.
Ich fand das lange übertrieben. Gedruckte Tageszeitungen fand ich zudem sehr umständlich in der Handhabung.
Doch als ich auf einer meiner ersten Demonstrationen war und in der örtlichen Tageszeitung einen Bericht las, der so einseitig war und in keiner Weise mit dem übereinstimmte, was ich erlebt hatte – und als ich dann in einem alternativen Stadtmagazin einen korrigierenden Artikel fand, der allerdings auf seine Weise ebenfalls einseitig war –, da wurde mir klar, wie wichtig eben diese unterschiedlichen Perspektiven in der Presselandschaft sind, um selbst zu einem Urteil kommen zu können.
Ich verdingte mich sowohl bei der Tageszeitung als auch bei dem Stadtmagazin als Gelegenheitsautor für Konzertberichte – ein Job, dem meine Eltern wesentlich mehr Anerkennung zollten als meiner Arbeit in der Gastronomie: „Felix ist jetzt unter die rasenden Reporter gegangen!“, sagte meine Mama einmal mit stolzem Unterton zu einer Nachbarin – in Anspielung auf den legendären, vor 141 Jahren geborenen Journalisten Egon Erwin Kisch.

Egon Erwin Kisch
Egon Erwin Kisch wurde am 29. April 1885 als zweiter von fünf Söhnen eines jüdischen Tuchhändlers in Prag geboren. Schon als Schüler begann er, die Welt um sich herum in Worte zu fassen. Mit zwanzig erschien, finanziert von seiner Mutter Ernestine, sein erstes Buch, ein Gedichtband mit dem blumigen Titel „Vom Blütenzweig der Jugend“.
Unter den Schriftstellern, die er damals in Prag kennenlernte, waren Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Kafka und Jaroslav Hašek, der Autor der „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“. Kisch war häufiger Gast in der Gaststätte „Zum Weißen Hasen“, dem Treffpunkt der Prager Boheme, und im Nachtcafé „Montmartre“.
Nach dem Militärdienst in der österreichisch-ungarischen Monarchie besuchte er in Berlin eine Journalistenschule und begann anschließend für die Prager Tageszeitung Bohemia zu schreiben, Reportagen aus dem Alltag der Stadt.
Als Journalist wurde Kisch zum Chronisten des Lebens, wie es wirklich ist: laut, schmutzig, faszinierend. Er schrieb über Flößer auf der Moldau, durchtanzte die Nacht mit Prostituierten, besuchte Armenküchen und Irrenanstalten – und hielt alles fest, was er sah, roch und schmeckte.
Sein Leben liest sich wie ein Abenteuerroman: vom Lokalreporter in Prag zum Kommunisten in Wien, vom Weltbummler der 1920er Jahre zum Verfolgten nach dem Reichstagsbrand. 1934 zog es ihn nach Australien, 1935 kehrte er zurück nach Europa, wo er sich in Paris für verfolgte Schriftsteller engagierte. Als der Spanische Bürgerkrieg tobte, war er vor Ort. 1939 floh er nach Mexiko, gründete dort den Verlag „El Libro Libre“ und engagierte sich im Heinrich-Heine-Klub.
Erst 1946 kehrte er nach Prag zurück. Dort stirbt er zwei Jahre später, am 31. März 1948, an einem Herzschlag.
Der rasende Reporter
Er ist bis heute einer der bekanntesten deutschsprachigen Journalisten – sprachlich brillant und politisch engagiert. Nach dem Titel eines seiner Reportage-Bände ist er als „der rasende Reporter“ bekannt.
Kisch wurde damit sprichwörtlich. Zumindest bis zur Generation meiner Eltern galt der „rasende Reporter“ noch etwas. Seine Verdienste für den Journalismus spiegelten sich auch darin wider, dass der von Henri Nannen gestiftete Egon-Erwin-Kisch-Preis zwischen 1977 und 2004 an Kischs Geburtstag verliehen wurde. Als Auszeichnung für die beste journalistische Arbeit des jeweiligen Jahres.
Es gab aber auch Kritik an seiner persönlich gefärbten Art, eine Reportage zu schreiben: dass er Fakten nicht streng objektiv darstelle und offen als politischer Propagandist auftrete. Kurt Tucholsky schrieb 1925 in seinem Beitrag „Der rasende Reporter“ in „Die Weltbühne“:
„Es gibt keinen Menschen, der nicht einen Standpunkt hätte. Auch Kisch hat einen. Manchmal – leider – den des Schriftstellers, dann ist das, was er schreibt, nicht immer gut. Sehr oft den des Mannes, der einfach berichtet: dann ist er ganz ausgezeichnet, sauber, interessant – wenngleich nicht sehr exakt, nicht sachlich genug. […] Reportage ist eine sehr ernste, sehr schwierige, ungemein anstrengende Arbeit, die einen ganzen Kerl erfordert. Kisch ist so einer. Er hat Talent, was gleichgültig ist, und er hat Witterung, Energie, Menschenkenntnis und Findigkeit, die unerläßlich sind. […] Aber wie ,sachlich’ man auch oder wie weit weg vom Thema man auch schreiben mag: es hilft alles nichts. Jeder Bericht, jeder noch so unpersönliche Bericht enthüllt immer zunächst den Schreiber, und in Tropennächten, Schiffskabinen, Pariser Tandelmärkten und Londoner Elendsquartieren, die man alle durch tausend Brillen sehen kann – auch wenn man keine aufhat –, schreibt man ja immer nur sich selbst.“
Ich glaube nicht, dass meine Eltern diese Einschätzung von Tucholsky gelesen haben. Aber ich denke, ein ähnlicher Gedanke könnte den Blätterwald bei uns daheim verursacht haben: die Welt durch unterschiedliche Brillen zu sehen, um zu einem eigenen Urteil zu kommen.
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„Meinungs- und Pressefreiheit“, Maike Gosch zu Gast im freien Gespräch bei David Engels.



