Auf dem Plattenspieler: The Animals

Künstler: The Animals

Song: The House of the Rising Sun – erschienen auf dem selbstbetitelten Debütalbum, MGM Records 1964

Oh, mother, tell your children

Not to do what I have done

To spend your lives in sin and misery

In the house of the rising sun

Kaum ein Popklassiker erzählt von so düsteren und eindringlichen Gedanken wie „The House of the Rising Sun“ der britischen Band The Animals. 

Und ausgerechnet dieser Song, voller Fatalismus und verlorener Hoffnung, wurde zu einem der größten Hits der frühen 1960er-Jahre: einer Zeit, die musikalisch eher für Aufbruch, Optimismus und eingängige Melodien stand. Zeitweise verdrängte das Stück sogar die Beatles von der Chartspitze – wohlgemerkt in der Ära, in der sie die Popmusik beispiellos dominierten!

Zu dieser besonderen Faszination trug auch die vielschichtige Entstehungsgeschichte bei. Denn lange bevor The Animals den Song weltberühmt machten, wurde „The House of the Rising Sun“ über Jahrzehnte mündlich überliefert und dabei immer wieder neu interpretiert, verändert und ergänzt.

Der Track wirkt damit beinahe wie eine alte Weisheit, eine Warnung, die von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Er erzählt von Freiheit, Verantwortung und den Folgen falscher Entscheidungen – nicht nur in seinem Text, sondern bemerkenswerterweise auch in seiner eigenen Geschichte. Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick …

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Der Songtext schildert die Reue eines Menschen, der den Kampf um die Kontrolle über das eigene Leben verloren hat. Seine Figur scheitert daran, sich aus einem zerstörerischen Kreislauf zu befreien. Niemand rettet sie, niemand greift ein oder nimmt ihr die Verantwortung ab, und die Einsicht über das eigene Scheitern kommt erst, als bereits alles aus den Fugen geraten ist.

Das titelgebende „House of the Rising Sun“ ist dabei bewusst rätselhaft. In den zahllosen Interpretationen erscheint es mal als Bordell, mal als Glücksspielhölle und mal als heruntergekommene Bar. Das „House“ steht also nicht für einen bestimmten Ort, sondern schlicht für die Mechanismen, die Menschen vereinnahmen: Verführung, Abhängigkeit, falsche Entscheidungen.

Entstanden ist das Lied vermutlich bereits Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts im Süden der USA: Viele Musikhistoriker vermuten seine Wurzeln in der der Appalachenregion, die als eine der wichtigsten Ursprungsstätten amerikanischer Folk- und Countrymusik gilt.

Die ersten bekannten Aufnahmen erfolgten jedoch erst in den 1930er-Jahren, unter anderem durch Tom Clarence Ashley und Gwen Foster, später durch Georgia Turner und schließlich auch durch Lead Belly; einem der bedeutendsten Bewahrer und Vermittler traditioneller amerikanischer Volkslieder. In diesen frühen Formen war die Nummer stilistisch noch deutlich vom damaligen Blues-Klang geprägt.

In das öffentliche Bewusstsein stieg „The House of the Rising Sun“ erstmals, als Bob Dylan 1962 eine akustische Interpretation des Stücks aufnahm. Ruhig und wehmütig, lediglich von einer sanften Gitarrenmelodie begleitet, erzählt er darin aus der Perspektive einer Frau, die in einem zerstörerischen Umfeld zugrunde geht.

Im Jahr 1963, zu Beginn ihrer Karriere, entdeckten schließlich auch The Animals Nummer für sich. Während einer Tour als Vorgruppe von Chuck Berry entwickelten die Tiere ihre Version und probierten sie direkt bei den Live-Auftritten aus. Die Reaktionen des Publikums waren ausgesprochen positiv: Das Lied wurde sogar nach den Konzerten noch weitergesungen!

Das Besondere an ihrer Interpretation liegt im bewusst aufgebauten Spannungsbogen: Im Gegensatz zu den früheren eher zurückhaltenden Fassungen entwickelte die Gruppe eine Version mit langsam steigender Intensität. Die prägnante Orgel und die eindringliche Stimme von Eric Burdon verliehen dem Stück eine völlig eigenständige Wirkung.

The Animals selbst stammen aus dem industriell geprägten Newcastle der Nachkriegszeit, was sich generell deutlich in ihrem Klangbild widerspiegelte: rau, direkt und ungeschönt. Während viele Bands der 1960er-Jahre auf Leichtigkeit, Charme und Optimismus setzten, wirkten sie deutlich härter und bodenständiger.

Vor diesem Hintergrund fügte sich „The House of the Rising Sun“ besonders stimmig in das sich entwickelnde Repertoire der Band ein. Ihre Interpretation gab dem alten Lied eine authenthische neue Schwere und löste es deutlich von seinen folkigen Ursprüngen.

1964 nahmen The Animals den Song schließlich im Studio auf und veröffentlichten ihn als ihre Debütsingle. Doch der Start verlief zunächst verhaltener als sie es erwartet hatten.

Der mit über vier Minuten ungewöhnlich lange Titel passte kaum in die damaligen Radioregeln und wurde anfangs nur zögerlich ins Programm genommen. Die inhaltliche Schwere, die im starken Kontrast zu den eher „harmlosen“ Popproduktionen jener Zeit stand, machte es natürlich für ein Mainstream-Publikum auch nicht gerade zugänglicher.

Den entscheidenden Schub bekam der Titel schließlich durch Auftritte der Band in Fernsehsendungen wie „Ready Steady Go!“. Dort entfaltete der Track seine volle Wirkung – weil man die Band nicht nur hörte, sondern auch sah: ihre Präsenz, ihre Haltung und die direkte Art ihres Auftritts. Erst dadurch wurde das Stück für viele so greifbar, wie es zuvor bereits bei den Konzerten erlebt worden war.

Von da an nahm die Entwicklung spürbar Fahrt auf, die Nachfrage stieg und der Track setzte sich Schritt für Schritt durch. Schließlich fand er auch international großen Anklang und erreichte in mehreren Ländern, darunter den USA, Spitzenpositionen in den Charts.

Für die Gruppe brachte dieser Welterfolg jedoch erhebliche interne Spannungen mit sich. Der extrem schnelle Wechsel vom lokalen Club-Act zur international erfolgreichen Chartband ließ kaum Zeit, sich als stabile Einheit zu festigen, der aufkommende Tourstress und hohe Erwartungen seitens Publikum und Plattenfirma verschärften die Situation zusätzlich.

Zentral wurde jedoch der Streit um die Verteilung der Einnahmen. Denn da „The House of the Rising Sun“ keinen eindeutig zuzuordnenden Urheber im klassischen Sinne hatte, stellte sich die Frage, in welchem Umfang die Interpretation als eigenständige schöpferische Leistung zu werten sei. 

Zwar war die Intepretation gemeinsam erarbeitet worden, doch die Verlagsrechte wurden letztlich ausschließlich Alan Price, dem Keyboarder, zugeschrieben, da seine Orgelmelodie als das einzige prägende Arrangement-Element anerkannt wurde. In der Folge erhielt nur er die entsprechenden Tantiemen, während die übrigen Bandmitglieder finanziell tatsächlich kaum beteiligt wurden.

In dieser Kombination aus finanziellen Spannungen und Überforderung verließ Price die Band bereits etwa ein Jahr später. Und 1966, nach nur zwei Jahren im Rampenlicht, zerfiel die Gruppe dann auch vollständig.

Der Kreis zwischen Song und Geschichte schließt sich damit auf fast schon konsequente Weise. Was als Warnung vor Kontrollverlust und Scheitern begann, wurde im Verlauf der Bandgeschichte selbst zur Erfahrung: Der Track, der über Generationen hinweg weitergegeben wurde und die Animals zu großem Erfolg führte, brachte sie zugleich in eine Situation, die den Themen des Liedes erstaunlich nahekommt.

Umso eindringlicher bleibt die Warnung von „The House of the Rising Sun“ bis heute. Denn weder im Lied noch in der Geschichte der Band geschieht der Verlust von Kontrolle plötzlich. Er entwickelt sich schrittweise – durch einzelne Entscheidungen, wachsende Abhängigkeiten und Dynamiken, die oft erst sichtbar werden, wenn sie längst begonnen haben, den eigenen Weg zu bestimmen. 

Und vielleicht zeigt sich hier am deutlichsten, dass Freiheit und Verantwortung nie getrennt voneinander stehen, sondern sich gegenseitig bedingen …

Hören Sie hier „The House of the Rising Sun“ von The Animals.

Zum Vergleich:
Hier, wie der Track bei Bob Dylan klang.

Und hier finden Sie die früheste bekannte Interpretation von Tom Clarence Ashley & Gwen Foster aus dem Jahr 1933.

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Der nächste Gang …

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