Nicht liefern, nicht haften, nicht schämen
Das Gebaren der sogenannten Großen spiegelt sich im Gebaren der Kleinen wider. Hier ein Beispiel: Ein Händler liefert fehlerhafte Ware, nimmt sie aber nicht zurück. Nun gut, wird man sagen, fährt man hin und stellt sie dem Händler vor die Tür. Was aber, wenn die Ware groß und schwer ist, und man sie hat liefern lassen, eben genau, weil man nicht in der Lage ist, diese zu transportieren? Heuballen zum Beispiel – was tun, wenn die schimmelig sind?
Schimmelheu als Geschäftsmodell
Schimmelige Heuballen sollte man weder bezahlen noch verfüttern. Aber wie wird man die wieder los? Irgendwie ist man Opfer eines Mikrobetruges geworden. Eine gerichtliche Auseinandersetzung lohnt sich kaum, da die Gerichtskosten den Wert der Ware übersteigen.
Anscheinend gibt es nicht nur im Netz, sondern auch im realen Leben zahlreiche Leute, die so etwas zum Geschäftsmodell erklärt haben: Schrott liefern, sich vor Ersatz drücken, und das Risiko für den Kunden vorher kalkulieren . Mikro klingt dabei recht harmlos, kann aber, je nach Finanzlage des Betrogenen, durchaus Schaden zufügen.
Dabei wäre ein solches Problem ganz einfach zu lösen; der Händler liefert Ersatz, macht was er soll nach Gesetz und Anstand. Ausreden sind wohl lohnender: Ausrede eins, der Kunde hätte den Fehler direkt merken müssen, also selbst schuld, wenn man betrogen wird. Außerdem hätte man eine Lösung angeboten. Die sieht dann so aus: Man ruft einmal beim Kunden an, ist heilfroh, dass er nicht abnimmt und legt sofort wieder auf.
Wo kommen diese vermehrten dubiosen Geschäftspraktiken mit flächendeckender Verantwortungslosigkeit her, und warum kommen einem Wahlversprechen von Friedrich Merz in den Sinn?

Wahlversprechen mit Transportschaden
Vor dem 23.2.2025 hat der jetzige Kanzler einiges gewollt. Im Großen und Ganzen weniger Steuern und Bürokratie, günstigere Energie, härtere Regeln beim Bürgergeld und einen deutlich restriktiveren Kurs bei Migration und Asyl. Jetzt haben wir Juli 2026, und man sieht hohe Spritpreise, hohe Energiepreise, genau dieselbe Bürokratie wie vorher und sehr viel Ärger mit Parallelgesellschaften.
Kommen wir zu Benzin und Diesel. In einer Regierungsbefragung im Bundestag sagte er, dass der Staat nicht jede Preisentwicklung ausgleichen könnte und das Kriegsende im Iran die eigentliche Lösung sei. Genau so begründete er im Mai im Prinzip den „Tankrabatt“: „Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise in Folge des Iran-Nahost-Konflikts bereiten vielen Menschen Sorgen,“ so sagt er. Na fein.
Das Begründungsmuster hat er von der Ampel übernommen. Da war auch Krieg schuld. So sprach der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz am 19. März 2022, von einem „von Russland verschuldeten Preisanstieg“.
Unbeachtet bleiben Kraftwerksstilllegungen, Sprengungen oder die Energiesteuer, die nur zeitweise gesenkt wurde. Im Grunde beträgt sie etwa 0,65 Euro pro Liter Benzin und 0,47 Euro pro Liter Diesel. Die Stromsteuer blieb für normale Haushalte gleich, der CO2-Preis stieg von 2022 von 30 Euro pro Tonne bis 2025 auf 55 Euro pro Tonne. Für das laufende Jahr ist hier ein Korridor von 55 bis sogar 65 Euro vorgesehen.
Wir haben heute einen Kanzler, der sein Versprechen nicht hält, dass die Ware, in dem Fall günstigere Energie, geliefert wird. Und derselbe klingelt einmal kurz an und spricht von Entlastung, für ein paar lustige Wochen. Obwohl es vorher schon teuer war. Das alles hindert Merz aber nicht daran, seine Arbeit in den höchsten Tönen zu loben.
Mut zur Lücke
Man kann sagen, das ist schlechte Politik. Moralischer Verfall sei etwas anderes. Stimmt, passt aber zusammen, und zwar so: Neben gebrochenen Versprechen stehen konkrete Fälle, in denen Spitzenpolitiker in Grauzonen zwischen Recht und Unrecht herumwuseln, Tendenz zu Unrecht, und vor Aufklärung flüchten oder bewusst täuschen.
Ursula von der Leyen und die SMS mit dem Pfizer-Chef Albert Bourla sind dafür ein großartiges Beispiel: Es geht um die Impfstoffverträge und darum, dass die EU-Kommissionspräsidentin in einer Milliardenfrage über Kurznachrichten kommuniziert und die Institution anschließend nicht plausibel erklären kann, wo diese Nachrichten geblieben sind. Man erinnert sich: Das Gericht der Europäischen Union erklärte 2025 die Weigerung der Kommission, Zugang zu den Nachrichten zu gewähren, für rechtswidrig. Nun sind die aber weg, oder?
Jens Spahns milliardenschwere Maskenbeschaffung war geprägt von Sonderbericht, Vorwürfen von Intransparenz und Verschwendung. Masken tauchten irgendwo in Afrika auf, strafrechtliche Verfahren wurden eingestellt.
In der Cum-Ex-Affäre kam man auch nicht weit. Kein gerichtsfester Beweis, dass der vergessliche Ex-Kanzler Olaf Scholz in das Steuerverfahren der Warburg-Bank eingegriffen hat. Aber es gibt Treffen, schwer auffindbare E-Mails, ein zunächst zurückgezogenes Millionenverfahren gegen die Bank und Staatsanwälte, die entnervt das Handtuch werfen.
Ein weiters Schmankerl wäre Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, bei dem man ebenfalls nicht genau weiß, wo das Amt endet und das alte Geschäftsmodell beginnt.
Oben lügen , unten lernen
Das alles zeigt zweierlei: Wahlversprechen nicht einhalten ist einfach, schwere Verfehlungen zu begehen auch. Es entsteht der Eindruck, ab einer gewissen Position brauche niemand für sein Tun Verantwortung zu übernehmen. Der Zuschauer und Souverän wird vertröstet, ihm wird nahegelegt, zu vergessen. Wenn es eng wird, wirft man dem erzürnten Volk ein paar Groschen hin oder erklärt Dinge, die ohnehin jeder weiß oder ersinnt Maßregelungen gegen allzu renitente Kritik.
Natürlich steht man als Einzelner selten vor dem Spiegel und beschließt kriminell zu werden, weil ein Politiker gelogen hat. Dennoch färbt es ab. Die da oben, machen was sie wollen, heißt es, wir hier unten erhalten verschimmelte Heuballen. Oben „das habe ich so nie gesagt“ , unten „da hätten Sie sich eben früher melden müssen“. Das hängt nicht mechanisch zusammen, aber über Bande gespielt schon.
Sozialpsychologe Albert Bandura nennt das soziales Lernen. Menschen lernen auch aus Beobachtung, nicht nur aus Erfahrungen oder von Lehrern. Man sieht, wer sich herausredet und wer Verantwortung verschiebt und keine Folgen spürt. Politiker haben Vorbildcharakter, und zwar auch dann, wenn einem allein das Wort selbst beim Leser Magendrücken verursacht.
Wenn jemand vormacht, dass man Versprechen brechen und ungestraft verschwenden, bestechen und beim Skat andauernd mauern darf, dann verfängt das. Das verfängt auch dann, wenn das Publikum sich selbst fernab jeder moralischen Schwäche einordnet. Man muss nicht liefern, man muss sich nicht an Vorgaben und Gesetze halten. Oft reicht erklären, ein medialer Affenzirkus oder ein moralisches Diskreditieren von Kritik.
Bandura nannte einen zweiten Mechanismus moralischer Entkopplung: Man wird kein Betrüger, man diskutiert in sich selbst die Verantwortung weg. Tröstende Worte sind: Der Kunde hätte es merken müssen, wir haben ja angerufen. Man sei nicht zuständig, Umstände, Kriege, Bürokratie, Lieferkette, das fehlende Katzenstreu oder das schreiende Kind sind schuld an der Misere. Heraus kommt, ich war‘s nicht, ich habe keinen Bock auf Verantwortung, und ich fühle mich völlig schuldlos.
Anstand im Restpostenformat
Soziologe Robert K. Merton beschrieb mit dem Begriff Anomie, was passiert, wenn die offiziell verkündeten Werte einer Gesellschaft und ihre tatsächliche Praxis auseinanderdriften. Propagiert werden Vielfalt, Inklusion, Fairness, unsere Demokratie und was auch immer.
Aber: Worthülsen alleine reichen. Wer lang genug redet oder medial reden lässt, kommt besser davon als der, der einfach liefert oder sich tatsächlich schuldig bekennt. Andauernd wird Moral gepredigt, das betrifft Plastikstrohhalme, Klimaanlagen, Autos, dass man niemanden frage, wo er denn herkäme, dass man Abstand zu seiner Nation wahre, sie gleichzeitig aber mit dem Leben verteidigen soll.
Politische und mediale Funktionäre, die die jeweiligen Spielregeln, die sie predigen, selbst nicht einhalten, sondern Anderen, nötigenfalls mit Druck, diese auf die Nase binden möchten, produzieren Zynismus und Ablehnung. Das ist Vorbereitung für den eigenen Regelbruch. Auch der Regelbruch der Funktionäre selbst in den jeweiligen Apparaten wird so vorbereitet.
Der Soziologe Siegwart Lindenberg hat gemeinsam mit Kees Keizer und Linda Steg in Experimenten zur sogenannten „spreading of disorder“-These gezeigt, dass sichtbare Regelverletzungen weitere Regelverletzungen wahrscheinlicher machen. Es sinkt die Hemmschwelle, Grenzen zu überschreiten, wenn Regelbruch und Unordnung das neue Normal werden. So wird mit der Zeit aus Fehlverhalten und Verantwortungslosigkeit eine Art recht erfolgreiches Geschäftsmodell. Das reicht von Heuballen bis zu Habeck, Scholz, oder der Tatsache, dass Rentengelder faktisch für politische Sozialleistungen genutzt werden.
Die letzte Sau im Dorf
Medien könnten auf Verantwortung verweisen, könnten aufdecken. Stattdessen gibt es vielfach künstlich erzeugte Skandale, Empörung, eine weitere Sau wird durchs Dorf getrieben. Nebenbei sendet man belehrende und erzieherische Elemente für das Volk. Dann gibt es Ministerpräsidenten, die sagen, dass sie Ministerpräsident sind, aber als Privatperson anwesend. Hinterfragt wird das nicht. Anstelle von Aufklärung treten Schlagzeilen und Klickzahlen. Der Zuschauer ist erschöpft. Er erkennt, dass Regeln für Dumme sind.
Man redet und denkt sich eine anomische, meist leicht zynische egoistische Realität zusammen. Am Ende bleibt dasselbe Muster in unterschiedlichen Kostümen: oben der Funktionär mit Pressekonferenz, in der Mitte der Medienapparat mit Moralpredigt, unten der Händler mit Ausrede. Der Unterschied hier liegt also nicht im Prinzip, sondern in der Höhe der Rechnung oder Qualität und Quantität der Ausreden. Dazwischen das Volk, das lernen muss, dass Regeln offenbar nur noch für die gelten, die dumm genug sind, sich daran zu halten.



