Auf dem Plattenspieler: Lil Peep

Künstler: Lil Peep

Song: Fingers – erschienen auf dem Album „Come Over When You’re Sober, Pt. II“, Columbia Records 2018

Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist ein psychologisches Modell, das die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen beschreibt und sie hierarchisch ordnet. Sie unterscheidet fünf Ebenen.

Die Basis bilden physiologische Grundbedürfnisse wie Nahrung und Wasser. Darauf folgen Sicherheitsbedürfnisse wie eine Wohnung und ein Arbeitsplatz, soziale Bedürfnisse wie Beziehungen und Zugehörigkeit sowie Individualbedürfnisse wie Anerkennung und Wertschätzung. Die oberste Stufe bildet schließlich das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Entscheidend ist, dass die Befriedigung höherer Bedürfnisse erst dann dauerhaft trägt, wenn die darunterliegenden bereits erfüllt sind. Genau darin liegt auch ein möglicher Erklärungsansatz dafür, warum manche Menschen trotz großen Erfolgs in selbstzerstörerische Verhaltensmuster geraten: Der äußere Aufstieg geht nicht zwangsläufig mit innerer Stabilität einher.

Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist der Musiker Gustav Åhr, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lil Peep.

Er gilt nicht nur als früher Vertreter einer neuen Künstlergeneration, die ihren Erfolg weitgehend unabhängig von den klassischen Strukturen der Musikindustrie aufbaute, sondern auch als einer der ersten Musiker, die die Grenzen zwischen Rap, Punk und Grunge aufbrachen. Dieser ungewöhnliche Ansatz machte ihn innerhalb weniger Jahre zu einem international beachteten Künstler mit einer millionenstarken Hörerschaft.

Wie diese Erfolgsgeschichte innerhalb weniger Monate eine dramatische Wendung nahm, verdeutlichen zwei Daten …

15. August 2017: „Come Over When You’re Sober, Pt. I“ erscheint, sein erstes Studioalbum. Ein professionell produziertes Musikvideo ist bereits veröffentlicht, eine internationale Tour läuft und erste Interviews mit großen Medienhäusern erscheinen. Alles deutet darauf hin, dass seine bisherigen Errungenschaften erst der Anfang einer noch größeren Entwicklung sind.

15. November 2017: Lil Peep ist tot. Im Alter von nur 21 Jahren wird er vor einem Auftritt in Tucson, Arizona, regungslos in seinem Tourbus gefunden. Als der Notarzt eintrifft, kann nur noch sein Tod festgestellt werden. Die Todesursache: eine Überdosis.

Zwischen diesen beiden Daten liegen auf den Tag genau drei Monate. Drei Monate, in denen sich in seinem Leben nahezu alles verändert – außer den grundlegenden Voraussetzungen, die einen solchen Erfolg dauerhaft tragen können.

Um Peeps Geschichte zu verstehen, reicht ein Blick auf seine Musik allein nicht aus. Sie bietet jedoch einen entscheidenden Zugang.

Lil Peep war weder klassischer Sänger noch klassischer Rapper. Wer traditionellen Gesang gewohnt ist, dürfte schnell stimmliche Dynamik und klassische Gesangstechniken vermissen. Wer traditionellen Rap gewohnt ist, vermisst hingegen ausgefeilte Flows und komplexe Reimstrukturen.

Für seine Zielgruppe lag jedoch genau darin der Reiz. Peep wurde nicht als „unerreichbarer Ausnahmekünstler“ gefeiert, sondern als „einer von uns“: Es wirkte beinahe so, als hätte auch jeder seiner Fans an seiner Stelle stehen können. Gerade diese Nahbarkeit machte ihn für viele letztlich ansprechender als technisch begabtere Musiker dieser Zeit.

Verstärkt wurde diese Identifikation durch seine Songtexte. Gedanken, mit denen andere in ihren dunkelsten Stunden kämpfen und die sie oft zu verbergen versuchen, brachte der junge Musiker ungefiltert zum Ausdruck. Damit wurde er für viele Jugendliche zum Sprachrohr von Gefühlen wie Isolation, Verzweiflung und innerer Unsicherheit.

Auch musikalisch entzog sich Peep klassischen Kategorien. Das posthum erschienene „Fingers“ ist dafür ein Paradebeispiel: Verträumte, mit Effekten überlagerte Grunge-Gitarren treffen auf einen druckvollen 808-Bass im Trap-Stil, während atmosphärische Streicher dem Song stellenweise einen rockballadenartigen Charakter verleihen. Darüber legt Peep seinen melancholischen Sprechgesang. Inhaltlich bewegt sich die Nummer zwischen einem Liebeslied, Selbstzweifeln, Gedanken an den eigenen Tod und fragmentarischen Reflexionen.

Diese Verbindung unterschiedlicher musikalischer Einflüsse und einer ungewöhnlich persönlichen Bildsprache wurde zu einem prägenden Merkmal des Subgenres, das später als Emo-Rap bezeichnet wurde. Künstler wie Lil Peep, XXXTentacion und Juice WRLD prägten damit innerhalb weniger Jahre eine neue Jugendkultur.

Ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung war die DIY-Kultur, die durch die Möglichkeiten des Internets verstärkt wurde: Viele Musiker dieser Bewegung veröffentlichten ihre Lieder direkt über Plattformen wie Soundcloud und bauten sich so unabhängig von klassischen Strukturen ein Publikum auf.

Auch Peeps frühe Aufnahmen entstanden mit einfachstem Equipment und gemeinsam mit Freunden, die sich selbst als Produzenten ausprobierten. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich daraus eine enorme Reichweite: Noch vor der Veröffentlichung seines Debütalbums lief bereits seine internationale Tour durch Amerika, Europa und Russland an.

Peeps Wirkung reichte jedoch über die Musik hinaus: Die Verbindung aus Punk-Ästhetik und Streetwear machte ihn auch für die Modewelt interessant. So trat er unter anderem bei Shows großer Marken wie Balmain oder Moncler auf und wurde zunehmend zu einer Figur, die Musik, Mode und Internetkultur miteinander verband.

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Diese öffentliche Erfolgsgeschichte stand jedoch im Kontrast zu einer von frühen Belastungen geprägten Lebensgeschichte. Ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater, eine instabile Beziehung mit seiner ersten großen Liebe und das Gefühl, nirgends dazuzugehören, begleiteten Gustav Åhr bereits lange vor seinem Durchbruch. Auch mit wachsender Anerkennung verschwanden diese inneren Konflikte nicht.

Während er solche Erfahrungen künstlerisch verarbeitete, entwickelte sich Drogenmissbrauch zunehmend zu einem Bewältigungsversuch. Die daraus entstehende Negativspirale ist durch zahlreiche Videos seiner Tournee nahezu dokumentarisch festgehalten. Mit fortschreitender Tour wirkte er zunehmend beeinträchtigt und erschöpft, die Folgen seines Konsums wurden in einem erschreckenden Tempo immer sichtbarer.

Am 15. November 2017 endete diese Entwicklung auf tragische Weise. Xanax-Tabletten, die ohne sein Wissen mit Fentanyl versetzt worden waren, wurden ihm zum Verhängnis: Das hochpotente Opioid kann bereits in geringsten Mengen tödlich wirken, die enthaltene Menge überschritt die tödliche Dosis deutlich. Nur zwei Wochen nach seinem 21. Geburtstag verlor Gustav Åhr sein Leben.

Moderne Erfolgserzählungen richten den Blick häufig auf Aufstieg, Anerkennung und die Verwirklichung persönlicher Ziele. Lil Peeps Geschichte lenkt den Blick auf eine andere Seite des Erfolgs: auf die Voraussetzungen, die darüber entscheiden, ob Selbstverwirklichung dauerhaft Bestand haben kann.

Die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen und die eigenen Fähigkeiten auszuschöpfen, gehört zu den größten Errungenschaften einer freien Gesellschaft. Sie ermöglichte auch eine Entwicklung wie die von Lil Peep: den Aufbau einer internationalen Karriere außerhalb klassischer Strukturen der Musikindustrie. Doch mit dieser Freiheit geht auch Eigenverantwortung einher – die Verantwortung, die Grundlagen eines gelingenden Lebens selbst zu schaffen und zu bewahren.

Niemand kann dem Einzelnen die Verantwortung für das eigene Leben abnehmen …

Hören Sie hier „Fingers“, das im Artikel erwähnte Paradebeispiel für Lil Peeps Stil.

Den etwas rockigeren Song „When I Lie“ finden Sie hier.

Und eine deutlich düsterere Facette seines Stils zeigt „Problems“ – hier zu hören.

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Der nächste Gang …

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