Russland: eine authentische Welt

Sie suchen nach einem Ort mit Erste-Welt-Infrastruktur, beruhigender Natur, lebendiger Stadt, mildem Klima, deutscher Prägung, hochwertiger Kulinarik, günstigen Lebensbedingungen sowie einer rein europäischen, jungen, friedlichen und harmonischen Gesellschaft? Ich habe einen solchen Ort gefunden und möchte Ihnen hier meine Erlebnisse sowie Eindrücke aus Калининград, dem früheren Königsberg schildern.

Meine Reise in den europäischen Anti-Westen

Wie plante ich meinen Ausflug in dieses vom Wertewesten als Mordor deklarierte Gebiet? Sobald ich ein Auge auf konkrete Flüge von Hamburg nach Danzig geworfen sowie eine Idee von einer möglichen Busverbindung von Danzig nach Kaliningrad hatte, von der ich in einem Reisebericht gelesen, machte ich mich daran, das Visum zu bekommen. Dieses ist online beantragbar und berechtigt zu einem 30-tägigen Aufenthalt innerhalb von 120 Tagen nach Ausstellung. Die Bearbeitungszeit des Antrags soll laut Angaben lediglich vier Tage beanspruchen. Allerdings muss man in jenem die Adress- sowie Personendaten desjenigen erklären, zu dem man reist. Also brauchte ich zunächst eine Unterkunft.

Wie ist man es gewohnt, im Westen eine Unterkunft zu buchen? Ich öffnete Airbnb und Booking.com – vergeblich, wie Sie sich denken können. Russland existiert für sämtliche westlichen Dienste nicht mehr. Wie auch schon, um Informationen zur Reiseverbindung sowie zum Visum zu erhalten, fragte ich also ChatGPT nach einer Art russischem Airbnb und bekam prompt den Hinweis auf Sutochno.ru (Суточно.ру), was glücklicherweise auch in englischer Sprache verfügbar ist. Nach einigem Suchen war ich überrascht von den im europäischen Maßstab zu dieser hohen Qualität eher günstigen Wohnungsangeboten, wählte etwas aus und wollte bezahlen – aber so einfach ist das nicht…

Keine Bank- oder Kreditkarte, die in der EU zu verorten ist, hat funktioniert! Meine Reise drohte am Buchen einer Unterkunft zu scheitern. Doch dann probierte ich meine georgische Visa-Karte der Bank of Georgia aus … und siehe da, es funktionierte! Ich konnte auf einer russischen Webseite russische Rubel mit meiner georgischen Bankkarte in georgischen Lari bezahlen. Daran sieht man, wie wichtig es ist, etwaige Standbeine außerhalb der EU zu haben. Wenn Sie sich für eine georgische Bankkarte interessieren, lesen Sie doch gerne den entsprechenden Artikel auf meiner Webseite. Jeder kann und sollte sich ein Bankkonto außerhalb der EU zulegen, um sich in diesem Bereich entsprechend zu diversifizieren. Wenn Sie meine Dienste in Anspruch nehmen möchten, haben sie schon in zwei bis vier Wochen Ihr persönliches georgisches Multiwährungskonto mitsamt Visa-Karte! Kontaktieren Sie mich bei Bedarf gerne.

Nach dem erfolgreichen Buchen der Unterkunft konnte ich nun das E-Visum beantragen und übrigens auch dieses nur mit meiner georgischen Bankkarte bezahlen! Ich hatte abermals alle EU-Bankkarten (sowohl Visa-Karten als auch Mastercards) ausprobiert – erfolglos. Im Vertrauen auf die russische Verlässlichkeit plante ich meine Einreise auch exakt nach Ablauf der vier Tage Bearbeitungszeit für die Ausstellung des Visums, hätte aber im Zweifel in Danzig auf die Erteilung warten können.

Mein doppelter Vertrauensvorschuss wurde belohnt. Sowohl erhielt ich das E-Visum rechtzeitig als auch machte ich, angekommen in Danzig, die vermeintliche Busverbindung nach Kaliningrad entsprechend dem oben erwähnten Reisebericht ausfindig, konnte den freundlichen polnischen Busfahrer bar in Euro bezahlen und fand mich alsbald an der EU-Außengrenze zu Russland wieder. Dort erfuhr ich, was eine wirkliche Grenze ist, hatte ich mich abseits von Flügen bisher doch nur im Schengen-Raum bewegt. Der Grenzübertritt dauerte bei Hin- sowie Rückreise jeweils zweieinhalb Stunden (wie auch die eigentliche Busfahrt, was eine Gesamtreisedauer von fünf Stunden zwischen Danzig und Kaliningrad per Bus ergibt).

Ob eine Einreise per Auto schneller ist, bezweifle ich, da jedes Fahrzeug komplett ausgeräumt, das gesamte Gepäck durchsucht und die Personen einer genauen Kontrolle unterzogen wurden. Unser Reisebus fuhr derweil an den Autoschlangen vorbei. Nach einiger Zeit des Wartens wurde uns dann ein Kontrolltrupp zugewiesen, der uns alle rasch abfertigte. Zu meiner Überraschung gab es bei der Passkontrolle, der eigentlichen Einreise, keinerlei Probleme, Hinderlichkeiten oder umständliche Fragen. Es genügte, auf Englisch zu bestätigen, dass ich als Tourist einreisen und drei Wochen in Kaliningrad verbringen wollte. Den Russen wurde die Ausreise aus der EU an der polnischen Grenze meiner Beobachtung nach wesentlich schwieriger gemacht als mir die Einreise als EU-Bürger nach Russland.

Ich kam also abends in Kaliningrad an und sogleich erfuhr ich verschiedenste Probleme, Überraschungen, Wunderlichkeiten und Schönheiten im europäischen Anti-Westen.

Hausgemachte und eingedrungene Probleme

Zunächst erfuhr ich einen Schock und eine Lehre für die Zukunft. Bei Einreise nach Russland werden die mitgeführten westlichen elektronischen Geräte mit einer 24-stündigen Internetsperre versehen. Glücklicherweise halfen mir einige Russland-Deutsche, die mit mir zusammen im Bus saßen, bei allem Möglichen weiter – ich machte durchweg positive Erfahrungen. Also rief jemand meine Gastgeberin an und benachrichtigte sie über unsere verspätete Ankunft.

Im Unwissen über die Gerätesperre verbrachten wir den nächsten Tag mit völlig nutzlosen Versuchen, mir eine Internetverbindung zu beschaffen, unterdessen ich schon über eine vorzeitige Abreise nachdenken musste, hatte ich doch keinen Zugriff auf irgendetwas. Doch nach ungefährem Ablauf der 24 Stunden seit Grenzübertritt durften sich meine Geräte nunmehr mit dem Internet verbinden. Allerdings blieb hinsichtlich der Internetverbindung ein fader Beigeschmack, gab es doch immer wieder Störungen und Ausfälle entweder im mobilen Internet Russlands selbst oder bei den VPN-Anbietern, die unverzichtbar sind, möchte man aus Russland auf westliche Internetadressen zugreifen.

Ebenfalls wurde ich von den größtenteils mangelnden Englischkenntnissen der Russen überrascht. Man lernt mit andauerndem Verweilen in Russland, dass dieses Land in jederlei Hinsicht Anspruch auf eine eigene – vor allem kulturelle – Souveränität erhebt. Doch auch Russland kann sich dem Übergreifen postmodern-westlicher Auswüchse nicht verwehren. So sind beispielweise die Filialen von „Вкусно — и точка“ (übersetzt: „Lecker – und Punkt“ – ehemals McDonalds) allerorts mit Kindern und Jugendlichen überflutet. Oder aber begegnen einem in Russland doch auch einige junge Mädchen, die sichtlich von der Woke-Krankheit ergriffen sind, sich entweder die Haare bunt färben, ritzen oder in dem depressiven Goth-/Emo-Stil verkleidet herumirren, der in Russland „Вайперы“ und seine Anhänger „Нефоры“ genannt werden. Zudem finden sich auch in Russland Vapes, die als „Рак общества“ („Der Krebs der Gesellschaft“) verrufen sind. Es wird sich zeigen, ob die russische Gesellschaft sich gegenüber den postmodernen Symptomen des Zivilisationsunterganges als widerstandsfähig zu behaupten weiß.

Eine russische Seele und ein deutscher Geist

Nun zu den überraschenden Entdeckungen. In Kaliningrad habe ich eine russische Bevölkerung erlebt, die mit ihrer Umgebung, der dortigen Natur, sich und der eigenen sowie der städtischen Vergangenheit im Reinen ist. Ein beeindruckendes Resultat für eine Bevölkerung, die sich vor rund 80 Jahren heimatlos auf diesem kulturfremden Boden ausgesetzt wiederfand, als sie das Erbe der aus Königsberg vertriebenen deutschen Bevölkerung antrat. Wurde unter Stalin zunächst noch alles schöne Deutsche im kommunistischen Zerstörungswahn durch sowjetische Graublockklötze verschandelt, kehrte sich dieser Trend wohl mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion um.

So sind zu Sowjetzeiten an die Stelle des einstigen Königsberger Schlosses wohl Plattenbauten-Bauruinen als Schandmal gestellt worden … Doch wurde der Königsberger Dom in den 1990er-Jahren als Symbolprojekt deutsch-russischer Freundschaft in gegenseitiger Unterstützung wiederaufgebaut. Die „Kant-Insel“, auf der der Dom steht, ist eine Art kulturelles Zentrum der Stadt, die ihre deutsche Vergangenheit heute durchaus mit Stolz präsentiert. So finden sich auf dieser innerstädtischen, von Wasser umgebenen Idylle, die nicht nur Touristenspot, sondern auch Treffpunkt der heimischen Jugend ist, Denkmäler von Julius Rupp (preußischer Theologe und liberaler Publizist), Leonhard Euler (preußischer Mathematiker), Herzog Albrecht von Preußen (Gründer der Königsberger Universität) sowie natürlich das Grabmal Immanuel Kants, dem Königsberger Philosophen, dem nachgesagt wird, Königsberg nie verlassen zu haben. Übrigens kann man im Domturm dem „Kant-Museum“ einen sehr lohnenswerten Besuch abstatten.

Geht man durch Kaliningrad spazieren, kommen einem allerorts kleine Erinnerungsgegenstände an die Historie der Stadt entgegen – etwa weitere Kant-Statuen, deutsche Inschriften auf alten Kirchen oder Bilder und Fotografien aus dem einstigen Königsberg. Der verbundene Umgang mit dem Vergangenen prägt die russische Gesellschaft wesentlich – sie versteht sich in einer fortgeschriebenen Tradition mit ihrer gesamten kulturellen Entwicklungsgeschichte und hat daher ein gesundes Identitätsbewusstsein. Den Deutschen entgegen kann man ja eher ein Abgetrennt-Sein von der eigenen kulturellen Entwicklung attestieren, das ja schon mit der Verpreußung der deutschen Lande 1871 seinen Lauf nahm. Zurück nach Russland ist es also nicht verwunderlich, ab und an nach wie vor rote Flaggen mit Hammer, Sichel und Stern vorzufinden. Das Band zwischen den Russen und ihren Vorfahren wurde nicht zertrennt, sondern ermöglicht der Gesellschaft bis heute eine Identifizierung mit allem Vorangegangenen, das sie nicht ächten, sondern achten, sich dabei aber nicht in ihm verlieren, sondern sich stets neu besinnen, reflektieren und weiterentwickeln.

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Ein authentisches Leben

Kommen wir zu den wundersamen und schönen Erlebnissen. Das Leben in Kaliningrad ist friedlich, harmonisch und gespickt mit gesellschaftlicher Leichtigkeit, an der es in Deutschland recht misslich mangelt. Meine Wohnung lag in einem hochmodernen Neubaukomplex, der unnötigerweise sogar eingezäunt und in dessen Mitte ein Tartan-Soccer-Käfig sowie eine Spielplatzanlage für Kinder platziert worden war und der sich im südlichen Teil der Stadt befand, wo es zahlreiche See- und Parkanlagen gab. Dort konnte ich täglich Jungs im Kinder- und Jugendalter dabei beobachten, wie sie sich mit Angelausrüstung auf den Weg zum Wasser machten, ohne dabei von einem Erwachsenen beaufsichtigt werden zu müssen; Mädchen, die zusammen auf Picknickdecken saßen, etwas spielten und lachten; Senioren, die entweder spazieren gingen oder sich nicht selten an einer der vielen Freiluftkraftsportparkanlagen körperlich betätigten … kurzum: die Menschen dort leben wirklich unbeschwert!

Und sie leben im Einklang mit der Natur. An einem der Seen nahm ich eine erfrischende Symbiose wahr. Waren doch alle Gehwege gereinigt und gepflegt, die Beete gejätet, der Rasen gemäht, hatte man einen in den See umgestürzten Baum nicht blind vor Ordnung entfernt und ersetzt, sondern sorgsam mit einem aus kleinen Ästen gewebten Holzzaun eingehegt und so inmitten der kultivierten Seeanlage ein kleines unberührtes Naturreservoir für die Tierwelt geschaffen. Wie viel Schönes und Klares doch aus diesem Verhältnis zwischen Menschen und Natur entspringt. In Deutschland wäre entweder alles so penibel sauber gehalten, dass kein Tier sich im Gehölz der Seeufer verirren könnte, da nichts als rasierter Rasen vorzufinden wäre, oder man könnte im ökologischen Wahn des Ungezieferschutzes den See vor emporwilderndem Unkraut gar nicht erblicken. Das sind die Symptome einer kranken Gesellschaft, die keinen gesunden Umgang mit sich und ihrer Umwelt kennt. Russland scheint hier ganz anders zu sein.

Was war mir noch auffällig beim Durch-die-Gegend-Wandeln? Man sieht sehr viele junge Mütter! Die Stadt wirkt ziemlich ruhig. Die meisten Autos erfüllen wahrscheinlich nicht die Euro-6-Norm. Einige Brücken und Straßen wirken doch sehr ermüdet. Zwischen den alten herzlosen Sowjetbunkern erheben sich allerorts freundliche Neubauten. Auf der Kant-Insel lädt versteckt zwischen Bäumen klassische Musik nebst Holzliegen zum Tagträumen ein. Täglich überfliegen Kampfjets die Stadt, wovon keiner der Einheimischen mehr Notiz zu nehmen scheint. Und nun seien sie stark: Der Liter Benzin (E5) kostete Stand Ende Mai umgerechnet 0,75 Euro. Um ihnen auch einen ordentlichen Eindruck des russischen Stadtbildes zu vermitteln: In drei Wochen habe ich höchstens ein Dutzend Nicht-Weißer gesehen. Und meine glücklichste Entdeckung? „Königsbäcker“ ist, exakt so geschrieben, die vorherrschende Bäckereikette in Kaliningrad und kommt erstaunlich nah an den Reichtum deutscher Bäckereien, der mir doch bisher als weltweit einzigartig erschien, heran.

Eine verlorene Welt, die doch existiert

Es ist Ende Mai, ein angenehmer Frühsommertag mit lauem Wind, der sachte über die Wasserstraßen des Stadtzentrums zieht. Die Domturmuhr präsentiert den werktäglichen Mittag unter blankem Gewölbe und blickt um sich her auf unbeschwertes Treiben. Auf Wiesen liegen Mädchen verlacht beisammen und unter Bäumen sitzen Jungs vergnügt beieinander. Durch alle Straßen der allzu weitläufigen Stadt treibt ein Wind der Frohsamkeit die Schulkinder jeden Alters in das stets belebte Zentrum, sammelt ihre ausgelassene Freude über den Brücken zur Kant-Insel ein und verteilt sie gleichsam ansteckend an alle bedingten sowie unbedingten Zuseher dieses eigentümlichen Geschehens. Heute ist „Последний звонок“ – „Das letzte Klingeln“.

Die Schulkinder feiern das Ende des Schuljahres und tragen dazu gemeinsam festliche Kleidung. Die Jungs zeigen sich in Anzugshosen und Hemden, die Mädchen zumeist in dunklen Röcken und weißen Blusen, nicht selten auch in nostalgischen sowjetischen Schuluniformen und allesamt häufig umhangen mit „выпускные ленты“ – Abschlussbänder in allen Farben, die die Absolventen ihrer Schulklasse wie Schärpen um die Schulter tragen.

Heute gehört die Stadt ihnen. Ihre Eltern haben sie ihnen vertraut überlassen und die wenigen asiatischen oder europäischen Touristen laufen einmal erstaunt durch das Gewimmel, bevor sie sich demütig zurückziehen, um der heimischen Jugend kein Störfaktor in ihrer freien Lebendigkeit zu sein …

Als ich diesen besonderen Tag in Kaliningrad zufällig erleben durfte, musste ich einmal mehr schmerzlich erkennen, was uns in Deutschland geraubt worden ist. Doch ich möchte an dieser andächtigen Stelle keine Worte zu den beklagenswerten Zuständen in England, Frankreich oder Deutschland verlieren. Jedenfalls ist es eine für uns verlorene Welt, deren Existenz ich dort in Kaliningrad bezeugen durfte … Eine gesamte Stadtjugend, die unbedarft ihrer Laune folgen konnte, inmitten des Stadtzentrums, bis spät in den Abend hinein, ohne auch nur eine einzige Unannehmlichkeit dabei fürchten zu müssen. Kaliningrad hat etwa 500.000 Einwohner … Würden Sie Ihre sommerlich festlich gekleidete junge Tochter spät am Abend alleine im Stadtzentrum von Mannheim, Duisburg oder Hannover umherziehen lassen? Ja, wir haben eine ganze Welt verloren – vielleicht unwiederbringlich.

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Der nächste Gang …

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