Der Odysseus in uns

Der politpsychologische Frühstückssmoothie #54

Noch nie besaßen Männer so viele Freiheiten wie heute – und zugleich so wenig Orientierung. Der moderne Mann leidet unter so vielen Zweifeln und Selbstwertproblemen. Er kann seine Identität nahezu beliebig ausformen, im Pass Frau werden, sexuelle Orientierungen ausleben, Familienmodelle neu gestalten, hemmungslos Gefühle zeigen, alleinerziehender Vater sein oder bewusst auf all dies verzichten und als Single leben.

Alte Muster haben ihre Selbstverständlichkeit verloren. Doch Freiheit ohne Verantwortung und Sinn bleibt hohl. Erziehung und Schule liefern kaum noch Orientierung. Jeder muss sie sich selbst erarbeiten. Hier kommt Odysseus ins Spiel: ein zwiespältiger Held, dessen Weg Männern heutzutage vieles sagen kann.

Wer jungen Männern zuhört, hört selten von männlichen Vorbildern. Stattdessen Selbstzweifel, Unsicherheit – und bei manchen Radikalisierung. Was bedeutet es heute, ein guter Mann zu sein? Welche Eigenschaften verdienen Bewunderung? Diese Fragen sind psychologisch notwendig. Identität entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Spannungsfeld von Umwelterwartungen und kulturellen Erzählungen über ein gelingendes Leben.

Viele Jungen lernen kaum noch an Vätern oder Lehrern. In diesem Vakuum können alte Figuren helfen, die unsere Kultur seit Jahrhunderten begleiten. Die Odyssee bietet genau das, was in Sinnkrisen fehlt: Resilienz und Weisheit. Mythen sind das psychologische Gedächtnis einer Kultur. Jerome Bruner hat betont, dass Menschen ihr Leben in Geschichten verstehen. Viktor Frankl formulierte es existenziell: Der Mensch lebt nicht vom Glück, sondern vom Sinn – und Sinn entsteht, wo das eigene Leben Teil einer größeren Erzählung wird.

Die öffentliche Debatte über Männlichkeit kreist seit Jahren um Gewalt, Machtmissbrauch und emotionale Unzugänglichkeit. Positive Entwicklungsziele für Jungen bleiben randständig. Richard Reeves zeigt in „Of Boys and Men“, dass vielen ein erkennbarer Weg zum gelingenden Mannsein fehlt. Bildungsnachteile wachsen: schlechtere Abschlüsse, häufigerer Schulabbruch, höhere soziale Randlagen. Männer haben deutlich höhere Suizidraten, leben im Schnitt viereinhalb Jahre kürzer und nehmen seltener psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. John Barry spricht von einer „blinden Stelle“ der Geschlechterpolitik: Während Benachteiligungen von Frauen intensiv erforscht werden, bleiben die spezifischen Probleme von Jungen und Männern oft unbemerkt.

Diese Befunde dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Fortschritte der Gleichberechtigung gehören zu den großen Errungenschaften. Doch wenn sich Erzählungen über Frauen verändern, verändern sich auch jene über Männer – und das darf nicht in pauschale Abwertung münden. Die Aufgabe lautet, Mannsein wieder attraktiv und lebenswert zu machen, ohne auf dysfunktionale alte Rollen zurückzugreifen. Hier hilft der Archetypus Odysseus.

Die Wiederkehr des Odysseus

Vor fast drei Jahrtausenden erzählte Homer in über 12.000 Versen von einer Figur, die bis heute fasziniert. Christopher Nolan bringt sie 2026 auf die Leinwand, Raimund Schulz widmete ihr eine große Biographie. Keine Gestalt der europäischen Literatur erfährt derzeit vergleichbare Aufmerksamkeit.

Odysseus, König von Ithaka und Veteran des Trojanischen Krieges, ist zwanzig Jahre von der Heimat getrennt – zehn davon auf Irrfahrt. Seine Suche steht für Prüfungen, Fehler und Verirrungen, aber vor allem für Resilienz und die Fähigkeit, Orientierung wiederzufinden. Er ist klug, listig und beharrlich – und dennoch muss er nach dem Sieg über Troja erst zu sich selbst kommen. Homer interessiert sich nicht mehr für den äußeren Triumph. Es geht um das Leben danach: Wie bleibt Odysseus sich treu? Wie widersteht er Versuchungen? Wie bewahrt er seine Menschlichkeit? Und wie findet er den Weg nach Hause – zur eigenen Identität?

Der moderne Mann kämpft nicht gegen Zyklopen oder Trojaner. Seine Gegner heißen Leistungsdruck, digitale Dauerablenkung, Sucht, Einsamkeit, Scheitern und das schleichende Gefühl, den inneren Kompass verloren zu haben. Fast alle Heldengeschichten erzählen, wie ein Mensch die Welt verändert. Die Odyssee erzählt, wie die Welt einen Menschen verändert. Resilienz bedeutet hier nicht Unverwundbarkeit, sondern den Weg zu sich selbst trotz aller Tiefschläge nicht zu verlieren.

Viele erleben die schwersten Krisen nicht im Kampf, sondern danach: Soldaten nach der Rückkehr, Führungskräfte nach Erfolgen, Sportler nach großen Siegen. Frankl nannte das „existentielles Vakuum“ – äußere Ziele erreicht, innere Orientierung verloren. Homer beschrieb dieselbe Erfahrung drei Jahrtausende früher.

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Tugenden und Charakter

Warum berührt uns diese Geschichte noch immer? Weil sie eine anthropologische Konstante erzählt: Der Mensch muss seinen Weg finden, um sein Selbst zu finden. Für Männer trägt diese Aufgabe eine besondere Prägung. Über Jahrtausende waren sie diejenigen, die aufbrachen, kämpften, versorgten und sich immer wieder bewähren mussten – oft mit hohem persönlichen Preis. Die moderne Gesellschaft hat diese Rollen aus guten Gründen verändert. Die psychologischen Grundfragen bleiben: Wofür lohnt es sich zu leben? Wofür trage ich Verantwortung? Wie finde ich Sinn?

Die Odyssee antwortet nicht mit Erfolg oder Macht, sondern mit Reifung: Geduld, Klarheit, Entschlossenheit. Die zentralen Tugenden sind dieselben wie vor 3.000 Jahren – Klugheit, Mut, Gerechtigkeit, Weisheit. Die antike Philosophie verstand darunter keine moralische Strenge, sondern die Einübung guter Charaktereigenschaften. 

Aristoteles sprach von areté: Mut entsteht durch mutiges Handeln, Besonnenheit durch besonnene Entscheidungen. Charakter ist kein Besitz, sondern lebenslange Übung. 

Odysseus ist bemerkenswert, weil jede Prüfung seinen Charakter formt – aus Niederlagen folgt Besonnenheit, aus Versuchungen Selbstbeherrschung, aus Verlusten Demut.

Odysseus und die Frauen

Die Frauen spielen in der Odyssee eine herausragende Rolle. Das Werk ist nicht misogyn. Raimund Schulz nennt Odysseus den ersten großen Frauenversteher der Literaturgeschichte. Circe, Kalypso, Nausikaa und vor allem Penelope prägen seinen Weg. Die göttliche Athene bleibt ihm treu und spiegelt in ihm ihre eigene Klugheit. 

Diese weiblichen Anteile machen ihn mental reich. Ohne sie wäre er nur ein Haudegen wie Achilles. Mit ihnen reift er zum Mann mit Tiefe, Selbstkontrolle und Klarheit.

Das Geheimnis von Odysseus und Penelope heißt Gleichgesinntheit: gleiche Ziele und Werte über Jahre und Jahrzehnte hinweg, auch in Abwesenheit. So erlangt nicht nur der Einzelne, sondern der ganze Oikos – das damalige Familienmodell – seine Bestimmung. Neben dem „Weg des wahren Mannes“ (David Deida) bleibt die Familie für Menschen einzigartig wichtig.

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