Lasst die Katze raus!
Wer des Öfteren den TV anschaltet und sich durch die Privatsender zappt, wird den Ausdruck „Die Katze“ mit Daniela Katzenberger verbinden. Aber so unwahrscheinlich sie einem auch manchmal vorkommen mag, nicht auf Deutschlands vielleicht bekannteste Wasserstoffblondine spiele ich mit dem Titel meines Artikels an, sondern auf ein Gedankenexperiment des vor 139 Jahren geborenen Erwin Schrödinger: auf „Schrödingers Katze“. Das vielleicht bekannteste Gedankenexperiment der Wissenschaftsgeschichte. Ein Gedankenexperiment, das heute allgemein als Sinnbild der Quantenphysik gilt. Dabei war „die Katze“ als Kritik gemeint.
Eine Katze als Widerspruch
Erwin Schrödinger wird am 12. August 1887 in Wien geboren. Er wächst in einer bildungsbürgerlichen Familie auf, studiert Physik und gehört bald zu jener Generation von Wissenschaftlern, die das Weltbild der klassischen Physik grundlegend erschüttern.
Seit Newton schien die Welt berechenbar zu sein. Wer alle Kräfte kennt, kennt auch die Zukunft. Ursache und Wirkung bilden eine geschlossene Kette.
Dann kam die Quantenphysik. Plötzlich gelten Wahrscheinlichkeiten statt Gewissheiten. Teilchen verhalten sich wie Wellen. Elektronen scheinen mehrere Möglichkeiten gleichzeitig zu besitzen. Die Natur ist nicht mehr so eindeutig, wie sie Jahrhunderte lang erschienen war.
Schrödinger selbst trägt entscheidend dazu bei. Seine berühmte Wellengleichung gehört bis heute zu den Fundamenten der modernen Physik.
Allerdings hatte er Schwierigkeiten mit der radikalen Deutung seiner eigenen Theorie. Skeptisch war er gegenüber der heute noch vorherrschenden Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik, die grob besagt: Ein Quantenteilchen befindet sich in einer Überlagerung mehrerer Zustände, bis eine Messung es auf einen einzigen festlegt. Danach besitzt ein Quantensystem vor der Messung tatsächlich keine eindeutige Eigenschaft. Erst die Beobachtung bringt eine konkrete Realität hervor. Die Welt ist dieser Lesart zufolge, bevor wir hinschauen, nicht bloß unbekannt, sondern schlicht noch nicht entschieden. Wirklichkeit entsteht demnach nicht durch Entdecken, sondern durch Beobachten selbst.
Mit dieser Lesart war Schrödinger nicht einverstanden. So war „seine Katze“, er veröffentlichte das Gedankenexperiment 1935 in einem Aufsatz, nicht als Bekenntnis zur Quantenmechanik gemeint, sondern als eine Provokation:
„Man kann auch ganz burleske Fälle konstruieren. Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muß): in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, daß im Laufe einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert […]“– und so die Katze tötet. Oder eben: ebenso wahrscheinlich nicht.
Der Clou dabei: Solange niemand nachschaut, ist die Katze der reinen Theorie zufolge gleichzeitig lebendig und tot. Das erscheint aber absurd, widerspricht allem, was wir von der Welt zu wissen glauben.
Schrödinger wollte zeigen, wie kritisch es ist, die statistische Logik der subatomaren Welt unbesehen auf die Welt der Alltagsgegenstände zu übertragen. Eine Katze könne schließlich nicht gleichzeitig lebendig und tot sein. Die Regeln der Quantenphysik ungefiltert auf die makroskopische Welt zu übertragen, ist problematisch.

Gegen den Strom
Mit seiner Skepsis stellte sich Schrödinger, übrigens gemeinsam mit seinem Freund Albert Einstein, gegen die überwältigende Mehrheit seiner Fachkollegen, die sich längst auf die Kopenhagener Deutung geeinigt hatten.
Es war intellektueller Widerstand im besten Sinne: das Beharren darauf, eine für gesichert erklärte Lehrmeinung noch einmal selbst zu Ende zu denken, komme, was wolle – auf die Gefahr hin, als Außenseiter zu gelten oder auch falsch zu liegen.
Diese Haltung des Nicht-Mitschwimmens zeigte sich bei Schrödinger nicht nur in der Physik. Bereits 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung, verlässt er, der aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus nie einen Hehl gemacht hatte, seine angesehene Stelle in Berlin und geht ins Exil nach Oxford – ein bemerkenswerter Schritt für einen Wissenschaftler auf dem Höhepunkt seines Ansehens, der seine akademische Zukunft und persönliche Sicherheit der eigenen Überzeugung unterordnete. 1936 kehrt er nach Graz zurück, muss aber nach dem Anschluss Österreichs 1938 erneut fliehen: Nach Hausdurchsuchung und Verhören verlässt er zusammen mit seiner Frau das Land mit nur einem Koffer, getarnt als Urlaubsreisende. Über Italien und die Schweiz gelangt er zurück nach Oxford, bevor er schließlich am neu gegründeten Institute for Advanced Studies in Dublin eine dauerhafte wissenschaftliche Heimat findet, wo er bis 1956 bleibt.
Auch sein Privatleben folgte selten den Konventionen seiner Zeit: In einer offenen Ehe mit Annemarie Bertel lebte er über Jahrzehnte mit wechselnden Partnerinnen, ohne dass dies – anders als von der bürgerlichen Moral seiner Zeit vorgesehen – seine langjährige Beziehung zerstörte.
Ein Leben und ein Denken, das sich vorgefertigten und fertigen Systemen verweigerte und sich, ob physikalische Lehrmeinung, politisches Regime oder bürgerliche Moral, der Norm nicht unterwarf.
Die Katze lebt weiter
Die Ironie der Geschichte ist, dass „Schrödingers Katze“, ursprünglich ja als Einwand gegen eine Theorie gedacht, heute als bekanntester Ausdruck der Quantenmechanik gilt – fast so, als hätte sich das herrschende System, gegen das sie gerichtet war, ihr Bild einfach einverleibt.
Was als Frage gedacht war, ist heute Antwort. Was ein Anstoß war, noch einmal genauer hinzuschauen, nicht zu schnell Schlüsse zu ziehen, ist nun konkrete Realität, Gewissheit. So und so ist das! Ach, das Kätzchen …
Aber ich denke, das passt zu unserer Zeit, immer noch. Möglichst schnell zu Gewissheiten gelangen. Ein Für und Wider nicht aushalten können. Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt, nicht aushalten können. Wer eine Frage stellt, steht schnell unter Verdacht, Antworten verhindern zu wollen. Wer Zweifel äußert, gilt manchen bereits als Gegner.
Für mich persönlich steckt diese Quintessenz in der Geschichte rund um Schrödingers Gedankenexperiment: Lieber zweimal hinschauen, als das Offensichtliche zu schnell für wahr zu halten. Aber auch: Nicht vergessen, dass auch das Unwahrscheinliche, das, was den eigenen unmittelbaren Anschauungen, Erwartungen, auch Emotionen zuwiderläuft und einem einen Knoten ins Hirn macht, nicht falsch sein muss.
Geistige Freiheit beginnt genau dort: wo wir den Mut haben, den Deckel der Kiste noch einmal zu öffnen, auch wenn wir nicht sicher sind, was wir darin finden werden. Eine Katze, die tot ist oder lebendig aus der Kiste springt.
Womit wir doch wieder bei Daniela Katzenberger sind: Der Schein kann, aber er muss nicht trügen. Nichts muss so sein, wie es scheint. Oder um es mit einem ihrer Sätze zu sagen: „Außen Barbie, innen Einstein“.
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