Auf dem Plattenspieler: Kansas

Künstler: Kansas

Song: Dust in the Wind  – erschienen auf dem Album „Point of Know Return“, 1977 Kirshner Records (CBS Records)

Seit jeher versuchen Menschen, etwas Großes zu schaffen. Herrscher errichten Imperien, schaffen Ordnungen und formen ganze Gesellschaften nach ihren Vorstellungen. Doch je größer der Einfluss eines Menschen wird, desto unausweichlicher stellt sich die Frage: Was bleibt von all dem tatsächlich bestehen?

Diese Frage ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Schon im 2. Jahrhundert nach Christus setzten sich Stoiker wie Marcus Aurelius mit ihr auseinander. Er hielt sich etwa vor Augen, dass Alexander der Große und ein einfacher Maultiertreiber am Ende dasselbe Schicksal teilen: Im Tod verlieren die Unterschiede zwischen Herrscher und Untergebenem ihre Bedeutung.

Bereits Jahrhunderte zuvor findet sich dieser Gedanke im biblischen Buch Prediger noch eindringlicher. Dort zieht ein König nach einem Leben voller Reichtum, Macht und Besitz eine ernüchternde Bilanz und kommt zu dem Schluss, dass all das letztlich nur ein „Haschen nach Wind“ ist.

Über zwei Jahrtausende später griff die amerikanische Band Kansas diese Bildsprache in „Dust in the Wind“ auf, einem der bekanntesten Rocksongs der 1970er-Jahre:

Same old song, just a drop of water in an endless sea

All we do Crumbles to the ground though we refuse to see

Dust in the Wind, all we are is dust in the wind

Entstanden ist der Track jedoch nicht aus einer bloßen Übertragung dieser alten Gedanken. Vielmehr war er das Ergebnis einer ungewöhnlichen Entwicklung innerhalb der Band – und stellte einen deutlichen musikalischen Bruch mit ihrem bisherigen Stil dar …

Kansas gründete sich Anfang der 1970er-Jahre im gleichnamigen US-Bundesstaat aus den Bands White Clover und Proto-Kaw. Schon die ungewöhnlich große achtköpfige Besetzung deutete an, dass die Bandgeschichte von Veränderungen geprägt sein würde: Musiker kamen und gingen, kehrten später zurück oder wurden durch neue Mitglieder ersetzt. 

Dennoch konnte die Band eine unverwechselbare musikalische Identität entwickeln. Und nicht nur das: Die klassische Formation wurde zu einem der bedeutendsten Vertreter des Progressive Rock der Siebzigerjahre.

Ihr Sound verband harte Rockelemente mit markanten Gitarrenriffs, komplexen Arrangements, langen Instrumentalpassagen, wechselnden Taktarten und kreativ eingebauten Einflüssen aus der klassischen Musik. 

Besonders die Violine von Robby Steinhardt verlieh der Band eine eigene Klangfarbe, die sie von anderen Progrock-Gruppen unterschied. Kerry Livgren, Gitarrist und Hauptsongwriter der Band, brachte mit seiner philosophischen Ader zudem eine besondere Tiefgründigkeit in die Texte ein und prägte damit einen weiteren wesentlichen Bestandteil ihres charakteristischen Stils.

Mit „Carry On Wayward Son“ erreichten Kansas 1976 ihren großen Durchbruch. Der Song über die Suche nach dem eigenen Weg und inneren Frieden wurde zu einem ihrer bekanntesten Titel, im Laufe der Jahre wurde er sogar zum meistgespielten Stück im amerikanischen Classic Rock Radio.

Statt jedoch das Erfolgsrezept einfach zu wiederholen, suchte die Band nach neuen Ausdrucksformen. Diese Suche mündete schließlich in „Dust in the Wind“ – einem Lied, das musikalisch kaum weiter von ihrem bisherigen Sound entfernt sein konnte.

Den Anstoß dazu gab tatsächlich ein Zufall. Kerry Livgren experimentierte zu Hause mit dem „Travis Picking“, einer Fingerpicking-Technik, und spielte die entstandene Melodie seiner Frau vor. Sie war von der Komposition so angetan, dass sie ihn dazu ermutigte, daraus einen vollständigen Song zu kreieren.

Gemeinsam mit der Band entwickelte er daraus diese bewusst schlicht gehaltene Ballade, die lediglich von einer Akustikgitarre, Steinhardts Violine und einem einfühlsamen Text getragen wird.

Inhaltlich wurde Livgren von einem Buch über die Poesie nordamerikanischer Ureinwohner inspiriert, in dem er auf die prägende Zeile „All we are is dust in the wind“ stieß. Zugleich griff er auf den bereits erwähnten „Prediger“ zurück. Wie schon dort werden auch in „Dust in the Wind“ die beständigen Kreisläufe der Natur der begrenzten Existenz des Menschen gegenübergestellt:

Don’t hang on, nothing lasts forever but the earth and sky

It slips away, and all your money won’t another minute buy

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Als die Single 1977 erschien, war die Band natürlich gespannt, wie der Stilwechsel aufgenommen werden würde. Dass ausgerechnet diese Nummer zum größten Erfolg ihrer Karriere werden sollte, hätte damals wohl keiner von ihnen erwartet. Internationale Chartplatzierungen, hohe Airplay-Zahlen im Radio sowie mehrere Gold- und Platinauszeichnungen sprachen aber eine deutliche Sprache: Bis heute zählt „Dust in the Wind“ zu den bekanntesten Rocksongs der 1970er-Jahre.

Die Stoiker hielten sich ihre Vergänglichkeit bewusst vor Augen. Die Erinnerung an die Endlichkeit sollte helfen, zwischen dem zu unterscheiden, was der Mensch selbst gestalten kann, und dem, was seinem Einfluss entzogen bleibt. Dadurch rückten äußere Güter in den Hintergrund, während die Verantwortung für das eigene Handeln an Bedeutung gewann.

Diese Erkenntnis verleiht auch „Dust in the Wind“ seine zeitlose Stärke. Der Song erinnert daran, dass menschliche Errungenschaften vergänglich sind und ihre Bedeutung verlieren können, wenn sie zum alleinigen Maßstab des Lebens werden. Er stellt nicht das menschliche Streben an sich infrage, sondern dessen Selbstüberschätzung.

Erfolg, Reichtum und Ansehen können vergehen – entscheidend bleibt, wie ein Mensch mit den Möglichkeiten umgeht, die ihm gegeben sind.

Hören Sie hier das großartige „Dust in the Wind“ von Kansas.

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