Hilfe zur Selbsthilfe – Erziehung in Freiheit

Renesse, Domburg, Zandvoort, das waren die Lieblingsorte meiner Eltern an der niederländischen Küste, um auszuspannen. Schnell von Zuhause zu erreichen, damals auch noch nicht so teuer. Und tolle Sandstrände, an denen wir Kinder Sandburgen bauten, staunend um bunte Quallen herumstanden und uns im flachen Wasser in den Wellen tummelten.

Einen Ort in der Nähe habe ich jetzt für mich entdeckt. Ich hatte die KI mit einer Suche nach Surfschulen an Küstenabschnitten gefüttert, die mich als Anfänger auf dem Brett nicht überfordern würden. Und so fand ich ein spannendes Arrangement in Noordwijk aan Zee. Eine Unterkunft direkt am Strand in der Nähe der Surfschule und genügend Einzelstunden, um diesen Sport besser zu verstehen und zu erlernen.

So fand ich auch Lektüre, die zu meinem Urlaubsdomizil passte: eine Biografie des Malers Max Liebermann, bekannt für seine Kunst und auch den Satz: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“ Den sprach er, als der Fackelzug der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung an seiner Wohnung in Berlin vorbeimarschierte. Liebermann hatte über Jahre immer wieder in Noordwijk gelebt. Insgesamt zeigen über 120 seiner Ölgemälde Orte in Noordwijk und Umgebung.

Und ein Buch über die vor 156 Jahren geborene Maria Montessori, die ihre letzten Lebensjahre in Noordwijk verbrachte und dort auch begraben liegt. Eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit, deren pädagogische Idee mich beeindruckte – als Gegenentwurf zu vielem, was mir aus meiner eigenen Schulzeit an Belehrung von oben in Erinnerung war.

Eine Frau, die sich ihren Weg selbst erkämpfte

Maria Montessori wird am 31. August 1870 im italienischen Chiaravalle bei Ancona geboren, als einziges Kind eines konservativen Finanzbeamten und einer für ihre Zeit ungewöhnlich gebildeten Mutter. Schon als Schülerin setzt sie sich gegen den Widerstand ihres Vaters durch und besucht eine technisch-naturwissenschaftliche Schule, die eigentlich Jungen vorbehalten war. Als sie anschließend Medizin studieren will, wird ihr die Zulassung zunächst verweigert – der Arztberuf gilt in Italien als Männerdomäne. Sie lässt sich davon nicht abhalten, studiert zunächst Naturwissenschaften und erkämpft sich schließlich doch den Zugang zum Medizinstudium. 1896 promoviert sie und wird eine der ersten Ärztinnen Italiens.

Aus ihrer Arbeit mit Kindern mit geistigen Behinderungen in der Kinderpsychiatrie der römischen Universitätsklinik entwickelt sie die Überzeugung, dass Kinder nicht vor allem durch äußere Belehrung lernen, sondern durch eigene Tätigkeit. Sie beobachtet, wie viel sie sich aneignen können, wenn ihre Umgebung so gestaltet ist, dass sie selbstständig tätig werden können.

1907 eröffnet sie in einem Armenviertel Roms das erste „Kinderhaus“, die Casa dei Bambini. Es wird zum Ausgangspunkt einer pädagogischen Bewegung, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte über die ganze Welt verbreitet. Kern ihrer Methode ist die „Autoerziehung“: Kinder sollen sich, ausgestattet mit sorgfältig entwickelten und teilweise selbstkorrigierenden Materialien, Erkenntnisse selbst erarbeiten, statt sie vorgesetzt zu bekommen.

Würde und Selbstständigkeit entstehen dabei nicht durch das bloße Fehlen von Regeln. Im Gegenteil: Montessori entwickelt eine Umgebung mit klarer Ordnung, in der das Kind innerhalb bestimmter Grenzen frei wählen und handeln kann. Die Aufgabe des Erwachsenen besteht nicht darin, ständig anzuleiten, sondern zu beobachten, die Umgebung vorzubereiten, Materialien zu zeigen und sich dann so weit zurückzunehmen, dass das Kind selbst aktiv werden kann.

Die Stille als Methode

Ich kannte Montessori lange nur als Namen einer Grundschule, zu der ich einmal eine Freundin begleitete, die sich ein Bild für die Einschulung ihres Kindes machen wollte. Ich weiß noch, wie mich die Stille dort überraschte. Keine Lehrerin und kein Lehrer, die Anweisungen gaben, sondern Kinder, die sich einzeln oder in kleinen Gruppen über niedrige Regale beugten, Perlen sortierten, Buchstaben aus Sandpapier nachfuhren, ganz in ihre eigene, selbstgewählte Beschäftigung vertieft. An der Wand hing, in schlichter Schrift, jener Satz, der heute zum inoffiziellen Motto der Montessori-Pädagogik geworden ist: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Obwohl dieser Satz Montessori häufig zugeschrieben wird, lässt er sich ihr nicht zuverlässig als wörtliches Zitat zuordnen. Er fasst ihre pädagogische Idee allerdings treffend zusammen.

Die Stille, die ich damals wahrnahm, war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Umgebung, die auf die selbstständige Tätigkeit der Kinder ausgerichtet ist. Die sogenannte „vorbereitete Umgebung“ soll ihnen ermöglichen, sich eine Tätigkeit selbst auszusuchen, sie konzentriert auszuführen und ihre Fehler möglichst eigenständig zu erkennen.

Die Materialien sind dabei nicht einfach Spielzeug. Der berühmte Rosa Turm etwa ordnet Würfel nach ihrer Größe, die Sandpapierbuchstaben verbinden die Wahrnehmung der Form mit der Bewegung der Hand, und die mathematischen Materialien machen Mengen, Zahlen und Dezimalbeziehungen begreifbar. Was von außen wie Spielen aussieht, ist bei Montessori eine Form konzentrierten Lernens.

Und genau darin liegt die eigentliche Umkehrung des klassischen Lehrer-Schüler-Verhältnisses: Nicht der Erwachsene steht im Mittelpunkt des Lernprozesses, sondern das Kind. Der Erwachsene muss deshalb nicht nichts tun, sondern etwas Schwierigeres: Er muss wissen, wann er etwas tun muss – und wann nicht.

Die Freiheit und ihre Grenzen

Montessori war allerdings keine so makellose Widerstandskämpferin, als die sie in mancher Veröffentlichung erscheint. Jahre profitiert sie von der Anerkennung durch den „Duce“ Mussolini, der die Ehrenpräsidentschaft der italienischen Montessori-Gesellschaft übernimmt und ihr ermöglicht, in ganz Italien Schulen und ein Lehrerinnen-Ausbildungsinstitut zu eröffnen. Eine Anerkennung, die ihr in ihrer Heimat zuvor jahrelang verwehrt geblieben war, obwohl sie im Ausland längst gefeiert wurde.

Der Bruch kommt erst 1931, als Mussolini von ihren Lehrerinnen verlangt, einen Treueeid auf den Faschismus zu leisten. Montessori weigert sich – und Mussolini reagiert mit der vollständigen Schließung aller Montessori-Schulen in Italien. 1934 muss sie das Land verlassen, um politischer Überwachung und Schikane zu entgehen; wenig später wird ihre Methode auch im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Über Spanien, England und die Niederlande gelangt sie schließlich nach Indien, wo sie die Kriegsjahre verbringt.

Montessori war damit keine Heldin, die von Anfang an alles richtig gemacht hätte. Sie war eine Pädagogin, die in einem autoritären System zunächst Möglichkeiten zur Verbreitung ihrer Idee sah und erst mit zunehmender Gleichschaltung an eine Grenze kam, die sie nicht mehr akzeptieren wollte.

Vielleicht ist gerade diese Widersprüchlichkeit interessant. Denn Freiheit ist auch bei Montessori kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist eine Fähigkeit, die entwickelt werden muss – und eine Verantwortung, die immer wieder neu wahrgenommen werden muss.

Was von der Stille im Kinderzimmer bleibt

An meinem letzten Urlaubstag ging ich in Noordwijk zu Montessoris Grab. Es lag auf dem katholischen Friedhof, nicht weit von der Küste.

Ich hatte erwartet, dort vielleicht noch einmal den Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ zu finden. Doch auf ihrem Grab steht etwas anderes. Eine Bitte an die Kinder: Sie mögen gemeinsam mit ihr daran arbeiten, Frieden zwischen den Menschen und in der Welt aufzubauen.

Das veränderte noch einmal den Blick auf ihre Pädagogik. Denn Montessori meinte mit Freiheit nie, dass Erwachsene Kinder einfach in Ruhe lassen sollten. Freiheit braucht eine Umgebung, in der ein Mensch selbst tätig werden kann. Sie braucht Ordnung und Grenzen, die nicht kleinhalten, sondern Selbstständigkeit ermöglichen. Und sie braucht Erwachsene, die den Mut haben, ihre eigene Macht über andere nicht ständig auszuüben. Sollte ich doch einmal Kinder haben, so hoffe ich, stark genug zu sein, diesen Gedanken zu beherzigen.

Montessoris Pädagogik beginnt mit etwas sehr Kleinem: Ein Kind nimmt einen Gegenstand in die Hand, probiert etwas aus, macht einen Fehler, bemerkt ihn und versucht es noch einmal. Kein Lehrer korrigiert, kein Erwachsener nimmt ihm die Arbeit ab. Das Kind lernt, sich selbst zu helfen.

Aus diesem kleinen Vorgang entsteht eine große Zumutung: Traue einem Menschen zu, selbst zu denken, selbst zu handeln und allmählich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Am Grab in Noordwijk wird daraus ein politischer Gedanke. Erziehung zur Freiheit heißt nicht, Menschen sich selbst zu überlassen. Sie heißt, ihnen die Fähigkeiten und den Raum zu geben, den eigenen Weg zu gehen – und ihnen irgendwann zuzutrauen, auch einem Mächtigen zu widersprechen. Erziehung soll Menschen nicht dazu bringen, sich gut führen zu lassen. Sie soll sie dazu befähigen, zunächst sich selbst zu führen, um dann gemeinsam mit anderen „für den Aufbau des Friedens zwischen den Menschen und in der Welt zu arbeiten“.

Mehr Schule im Sandwirt: 

Der heimliche Lehrplan der Schulen“ von Dietrich Eckardt

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