Frei von Schmerz – die Geburtsstunde moderner Anästhesie

Neulich beim Zahnarzt, eine Wurzelbehandlung: Ich lauschte den Geräuschen der Gerätschaften in meinem Mund, ich spürte einen leichten Druck, während mein Arzt konzentriert in die Tiefen des Wurzelkanals bohrte. Und plötzlich erlebte ich einen Moment tiefer Dankbarkeit: Denn das alles geschah gänzlich ohne Schmerz. 

Mir wurde klar: Ich erlebe hier das Wunder des Fortschritts, dass ein Mensch einen anderen Menschen bei vollem Bewusstsein am Körper operieren kann, ohne dass dieser dabei vor Schmerzen beinahe den Verstand verliert.

Ein Wunder, das ein Datum hat: Am 16. Oktober 1846, vor 180 Jahren, wurde das Zeitalter der modernen Anästhesie eingeläutet.

Im Äther-Dom

William Thomas Green Morton (1819–1868) war ein US-amerikanischer Zahnarzt. Einer seiner Lehrer, Charles Thomas Jackson (1805–1880), hatte ihn auf die berauschende und damit narkotisierende Wirkung von Schwefeläther aufmerksam gemacht. Morton, der zuvor mit Mesmerismus, Brandy, Champagner und Opiumzubereitungen keine ausreichende Schmerzlinderung für seine Zahnpatienten hatte erreichen können, experimentierte dann mit Ätherdämpfen. So führte er Selbstversuche mit dem Schwefeläther durch, den er sich mittels eines damit getränkten Taschentuches unter die Nase hielt, bis er bewusstlos wurde.

Am 30. September 1846 setzte er Äther erstmals erfolgreich bei einem Patienten ein und zog dem Patienten einen eitrigen Zahn, ohne dass dieser dabei Schmerzen empfand.

Am 16. Oktober 1846 machte er aus diesem Experiment eine öffentliche Sensation. Im Operationssaal des Massachusetts General Hospital in Boston, dem später sogenannten „Äther-Dom“, verabreichte er einem Patienten Äther, während der Chirurg John Collins Warren (1778–1856) seinem Patienten einen Tumor an der linken Halsseite unterhalb des Unterkiefers entfernte, ohne dass dieser die bis dahin typischen Schmerzen erleiden musste. Das gilt als Geburtsstunde der modernen Anästhesie.

Seither gilt Morton als einer der Pioniere der Anästhesie und als der, der die Äthernarkose in die Praxis eingeführt hat. So entwickelte er ein Inhalationsgerät – die berühmte Ätherkugel, ein Glasgefäß mit einem äthergetränkten Schwamm, durch das der Patient die Dämpfe einatmete. 

Für die Medizin begann damals eine neue Ära.

Der Mensch gibt sich nicht einfach mit etwas ab

Vor der Entwicklung wirksamer und verlässlich einsetzbarer Anästhesieverfahren war der Schmerz keine bloße Begleiterscheinung einer Operation, sondern eine ihrer zentralen Bedingungen. Chirurgen mussten schnell sein, weil der Patient nicht lange aushielt, und Eingriffe waren begrenzt durch das, was einem wachen Menschen zugemutet werden konnte. 

Wir verbinden Freiheit gewöhnlich mit Bewegungsfreiheit, Meinungsfreiheit oder politischer Selbstbestimmung. Aber es gibt auch eine körperliche Freiheit: die Freiheit, einen medizinischen Eingriff nicht als Prüfung des eigenen Leidensvermögens erleben zu müssen. 

Die Anästhesie hat dem Menschen nicht den Schmerz als solchen genommen, sondern ihm die Möglichkeit gegeben, ihn für einen entscheidenden Moment auszuschalten.

Dabei steckt in dieser Geschichte ein bemerkenswerter Widerstand gegen etwas, das lange als unvermeidlich galt: Schmerz erschien über Jahrhunderte als natürliche Grenze menschlicher Möglichkeiten. 

Ich finde das bemerkenswert.

Forschung hat nicht einfach eine Krankheit besiegt, sie hat eine Grenze verschoben, die zuvor wie ein Naturgesetz erschien. Der menschliche Körper kann verletzt werden, krank werden, Schmerzen empfinden – aber die Medizin hat immer wieder gezeigt, dass „natürlich“ nicht dasselbe bedeutet wie „unveränderbar“. 

Der Mensch geht, wenn er auf eine solche vermeintliche Naturgegebenheit trifft, keineswegs automatisch in Ergebung. Er geht in den Widerstand. Er findet sich nicht einfach mit dem ab, was ihm zugefügt wird, nur weil es schon immer so war – er sucht, experimentiert, scheitert, versucht es dennoch erneut, bis sich die Grenze tatsächlich verschiebt.

Die Anästhesie selbst war dabei kein risikofreier Triumph; der Fortschritt bestand nicht darin, dass man 1846 eine perfekte Lösung gefunden hätte, sondern darin, dass die ersten Versuche durch weitere Erfahrung abgesichert wurden. Und das macht, finde ich, den Menschen aus: Er bleibt nicht stehen, er versucht, immer besser zu werden, seine Ideen immer besser zu verwirklichen.

Wenn Sie heute beim Zahnarzt sitzen und darauf warten, dass die Betäubung wirkt, müssen Sie nicht mehr beweisen, wie viel Schmerz Sie aushalten können. Sie dürfen erwarten, dass die Medizin versucht, Sie davon zu befreien. Und so wunderbar sich das anfühlt, wenn der Schmerz aufhört, und bei Zahnschmerzen, die bis hinein in die Tiefe der eigenen Persönlichkeit wirken, umso wunderbarer: Heute ist die Schmerzfreiheit kein Wunder mehr. Sie ist Medizin – und das Ergebnis eines Widerstands, der sich zu einem Fortschritt für die gesamte Menschheit entwickelte.

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