Künstler: Backstreet Boys
Song: We’ve Got It Goin’ On – Debütsingle ihres selbstbetitelten Debütalbums, Jive Records 1995
Über 130 Millionen verkaufte Tonträger weltweit, zig Top-10-Platzierungen, mehrere ausverkaufte Tourneen auf verschiedenen Kontinenten, das Referenzmodell für Boybands: Man konnte die Backstreet Boys mögen, man konnte sie ablehnen – ignorieren konnte man sie nicht.
Schon ihre Debütsingle „We Got It Goin’ On“ fing das Lebensgefühl von Millionen Teenagern der 1990er-Jahre ein, transportierte ihre euphorische Unbeschwertheit, und legte den Grundstein für die vorangegangenen Zahlen: Ab 1995 setzten die Backstreet Boys einen neuen Standard für Teen-Pop, dessen Einfluss bis heute nachhallt.
Produktionstechnisch sind ihre Tracks wahre Meisterwerke orchestrierter Popmusik. Jeder Ton, jede Harmonielinie, jedes Element ist gründlich durchdacht und alle sind mit chirurgischer Präzision aufeinander abgestimmt. Das kommt natürlich nicht von ungefähr: Hinter Konzept und Klang der Gruppe steht zu einem Großteil das musikalische Ausnahmetalent Max Martin, der wohl begabteste und einflussreichste Produzent und Songwriter der jüngeren Musikgeschichte.
Doch so beeindruckend all das sein mag – die außergewöhnlichste Figur in der Geschichte der Backstreet Boys ist nicht etwa einer der Sänger oder Max Martin … es ist ihr Manager Lou Pearlman.
Lou Pearlman war Hochstapler und Manipulator in höchster Vollendung. Ein charismatischer Machtmensch, dessen Einfluss ebenso gewaltig wie erschreckend war: Er managte nicht nur die Backstreet Boys, sondern auch *NSYNC, also zeitgleich zwei der größten Boybands ihrer Ära! Später war er zudem an weiteren erfolgreichen Boyband-Projekten beteiligt, darunter US5, O-Town, Natural und LFO.

Hier sehen Sie Lou Pearlman zusammen mit den Backstreet Boys während ihrer Aufstiegszeit.
Bis dahin als einer der prägendsten Manager der Poplandschaft der 90er- und 2000er-Jahre gefeiert, schockierte er 2007 mit Schlagzeilen über seine Verhaftung. Dies war der Moment, in dem sein wahres Gesicht der breiten Öffentlichkeit erstmals klar sichtbar wurde …
Pearlman wurde vorgeworfen, über Jahrzehnte hinweg ein milliardenschweres Schneeballsystem betrieben und damit Investoren, Banken und sogar seine eigenen Künstler getäuscht zu haben. 2008 wurde Pearlman wegen Betrugs, Geldwäsche und Verschwörung zu 25 Jahren Haft verurteilt; 2016 starb er im Gefängnis.
Was genau war also geschehen? Blicken wir zurück …
Bereits in den 1980er-Jahren hatte Lou Pearlman mit dem Leasing von Werbe-Luftschiffen sein erstes lukratives Geschäftsmodell aufgebaut, das ihm wertvolle Kontakte zu Großkonzernen und den Ruf eines erfolgreichen Unternehmers verschaffte.
Auf diesem Geschäft aufbauend, gründete er Anfang der Neunzigerjahre dann die Charterfluggesellschaft Trans Continental Airlines, die vor allem Prominente wie Musikstars oder Sportteams flog und Pearlmans Ansehen als seriöser Geschäftsmann weiter festigte.
An diesem Punkt übernahm die Gier. Pearlman verfolgte nur noch ein Ziel: „richtig“ reich werden, um jeden Preis … Er begann, Investoren hohe Renditen zu versprechen und Beteiligungen an Firmen zu verkaufen, deren wirtschaftliche Substanz immer fragwürdiger wurde. Ein wachsender Teil seines Vermögens beruhte nun nicht mehr auf echten Gewinnen, sondern auf undurchsichtigen Finanzmodellen, die sich später als groß angelegtes Schneeballsystem entpuppen sollten.
In dieser Phase begegnete Pearlman den New Kids on the Block, einer der ersten Boybands, die Teen-Pop zu einem globalen Massenphänomen machten. Genau das war der Moment, der alles veränderte: Der Anblick dieser jungen Musiker, die in Privatjets reisten und in Luxus lebten, beeindruckte ihn schlagartig.
Als Pearlman in einem Gespräch mit ihrem Manager erfuhr, welche Summen genau sich mit Plattenverkäufen, Tourneen und Merchandise erzielen ließen, beschloss er kurzerhand: Die Musikindustrie sollte der nächste Hebel seines Geschäftsmodells werden. Er setzte sich das Ziel eine Boyband herauszubringen, die noch größer als die New Kids on the Block werden sollte …
1992 gründete Pearlman folglich sein eigenes Label, hielt Castings für junge Sänger ab und wählte fünf vielversprechende Talente aus. Die Gruppe, die dabei herauskam: die Backstreet Boys.
Im nächsten Schritt engagierte er gezielt die besten Songwriter, Choreografen und Produzenten ihrer Zeit und richtete ein ausgeklügeltes System aus Marketing, Imagepflege und Tourneeplanung ein. Sein Prinzip: maximale Kontrolle, maximale Gewinne.
Schon mit ihrem 1996 erschienenen Debütalbum wurden die Backstreet Boys zu Weltstars, verkauften Millionen Alben und tourten um den Globus. Pearlman hatte sein ambitioniertes Ziel also im Rekordtempo erreicht: In weniger als fünf Jahren waren sie die erfolgreichste Boyband ihrer Zeit!
Ein Mensch wie Lou Pearlman aber, ist niemals zufrieden. Er wollte mehr. Hinter dem Rücken der Backstreet Boys stellte er nach demselben Erfolgsrezept eine zweite Band zusammen: fünf neue Talente, betreut, produziert und vermarktet von den besten Profis der Branche. Die daraus entstandene Gruppe: *NSYNC – die nächsten Teenie-Ikonen, die weltweit Millionen Alben verkauften, in ausverkauften Arenen auftraten und das Teen-Pop-Phänomen der späten 1990er-Jahre weiterprägten. Unglaublich!
Um den Hebel zu vergrößern, inszenierte Pearlman einen Konkurrenzkampf zwischen den beiden Gruppen – doch weder die Backstreet Boys noch *NSYNC hatten eine Ahnung, dass die Rivalität künstlich erzeugt worden war. Tatsächlich wussten die Mitglieder beider Gruppen damals nicht einmal, dass sie denselben Manager hatten!
Auch abseits des inszenierten Konkurrenzkampfes war Pearlmans Vorgehen ein kompletter Betrug. Er ließ die jungen, naiven Musiker ohne rechtliche Beratung Verträge unterschreiben, die ihnen Sicherheit vorgaukelten, in Wahrheit aber extrem nachteilig waren.
Bei beiden Bands setzte er auf dasselbe Muster: zunächst Luxus und Glanz, um Vertrauen zu schaffen. Privatjets, Designerwohnungen, teure Restaurants – die Teenager glaubten, Pearlman sei großzügig und umsorgend, und fühlten sich gut aufgehoben. Die tatsächlichen Gehaltszahlungen blieben jedoch aus …
Nach Jahren wurde endlich ein Treffen angesetzt, bei dem die ausstehenden Zahlungen beglichen werden sollten. Die Bandmitglieder hofften auf mindestens eine Million Dollar – doch was sie tatsächlich erhielten, waren gerade einmal 10.000 Dollar; weniger, als man in einem ganzen Jahr mit einem Mindestlohnjob verdienen würde! Der Schock war überwältigend.
Die beiden Bands begannen, ihre Verträge systematisch anwaltlich prüfen zu lassen, und klagten schließlich. Die Untersuchung zeigte, dass Pearlman sich nahezu sämtliche Einnahmen selbst zugesprochen hatte, sich faktisch wie ein sechstes Bandmitglied betrachtete (was er auch vor Gericht so argumentierte) und vor allem, dass jeder Luxus, den er angeblich spendete, direkt von den Gehältern der Künstler abgezogen wurde!
Vor Gericht verlor Lou Pearlman letztlich die Kontrolle über die Bands.
Erst auf einer Branchenparty erkannten beide Gruppen übrigens Pearlmans Taktik: Der Konflikt zwischen ihnen war ein fast genialer, aber zutiefst verlogener Trick Pearlmans … Er nutzte ihn nicht nur, um Publicity und Einnahmen zu steigern, sondern auch, um die Musiker gegeneinander auszuspielen und voneinander zu isolieren, sodass sie seine Betrugsmasche nicht frühzeitig durchschauen konnten.
Auch nach dem verlorenen Gerichtsprozess war Pearlman weiterhin in Betrugsfälle verwickelt. Mit demselben inszenierten Glanz, den er zuvor bei seinen Bands angewandt hatte, präsentierte er sich wohlhabenden Personen weiterhin als vermeintliches Genie der Musikbranche: Er lud sie auf Privatjets und Yachten ein, führte ihnen sein luxuriöses Leben vor und versprach hohe Renditen bei Investitionen in seine Geschäfte. Und viele ließen sich auch weiterhin täuschen – insbesondere ältere Menschen, die dem Glamour der Popwelt und Pearlmans Überzeugungskraft vertrauten.
Sein Ponzi-Schema erstreckte sich über mehrere weitere Jahre und verursachte Verluste von über 300 Millionen Dollar. Erst 2006 griff das FBI ein: Pearlman wurde 2007 in Bali festgenommen und, wie bereits erwähnt, zu 25 Jahren Haft verurteilt, von denen er bis zu seinem Tod acht Jahre verbüßte.
Heute stehen die Backstreet Boys und *NSYNC nicht nur als Ikonen einer glanzvollen Teen-Pop-Ära, sondern auch als stille Zeugen der Schattenseiten des Erfolgs. Die Geschichten um Lou Pearlman sind für Außenstehende kaum sichtbar, für die Musiker selbst jedoch eine prägende Lektion: ein frühes, drastisches Beispiel dafür, wie Macht, Narzissmus und Gier Menschen manipulieren können. Wer so etwas erlebt, lernt, wachsam zu bleiben und sich nicht vom Glanz blenden zu lassen.
Trotz dieser Manipulationen blieben die Backstreet Boys vor allem das, wofür Millionen sie liebten: energiegeladen, charismatisch, mit Songs wie „We Got It Goin’ On“, die den Sound ihrer Generation prägten. Sie sind nicht nur Opfer, sondern Künstler, die aus der Erfahrung Stärke schöpften.
Hinter jeder perfekt inszenierten Fröhlichkeit steckt nun mal oft mehr Geschichte, Schmerz und Kampf, als man auf den ersten Blick vermutet …
Hören Sie hier „We Got It Goin’ On“ von den Backstreet Boys auf Youtube.




