Die deutsche Stahlindustrie steht vor ihrer tiefgreifendsten Krise seit Jahrzehnten. Vier ungelöste strukturelle Probleme prägen die Lage: extrem hohe Strompreise, eine unsichere Wasserstoffversorgung, steigende CO₂Kosten und ein immer größerer Subventionsbedarf, um die angestrebte Transformation hin zu grünem Stahl überhaupt finanzierbar zu machen.
Wenn für diese Probleme nicht sehr schnell Lösungen gefunden werden, ist die Schlussfolgerung unausweichlich: Die Roheisenherstellung in Deutschland steht vor dem Ende.
Ein Industriezweig unter Druck
Die wirtschaftliche Lage der deutschen Stahlindustrie zeigt ein klares Bild: Die Branche schrumpft. Laut Wirtschaftsvereinigung Stahl lag die Rohstahlproduktion 2025 im bisherigen Jahresverlauf 9,3 Prozent unter dem Vorjahr. Die Produktion verharrt damit auf einem Niveau, das seit Jahren als „Krisenbereich“ gilt.
Gleichzeitig steht die Industrie unter erheblichem Druck, politische Vorgaben zur Herstellung von „grünem Stahl“ umzusetzen. Die Unternehmen reagieren darauf sehr unterschiedlich:
- ArcelorMittal hat seine Transformationsprojekte in Deutschland gestoppt – darunter die geplante Direktreduktionsanlage in Bremen und die Umstellung in Eisenhüttenstadt. Stattdessen investiert der Konzern im französischen Dünkirchen weiter. Die Begründung ist eindeutig: Der Standort Deutschland ist nicht wettbewerbsfähig.
- Salzgitter führt sein „Salcos“-Programm zwar fort, hat jedoch Ausbauphasen verschoben – ein deutliches Zeichen für Unsicherheit.
- ThyssenKrupp Steel bleibt aufgrund unklarer Eigentümerstrukturen und hoher Kosten ein Risikofaktor.
- Dillinger Hütte Saarstahl (DHS) investiert trotz widriger Rahmenbedingungen entschlossen in eine Direktreduktionsanlage und zwei Elektrolichtbogenöfen – und weist regelmäßig auf die enormen Herausforderungen hin.
Doch DHS ist ein Sonderfall: Die Stiftungsstruktur bindet das Unternehmen an Deutschland. Eine Standortverlagerung wie bei ArcelorMittal ist nicht möglich. Die DHS investiert daher nicht, weil der Standort attraktiv wäre, sondern weil sie keine Alternative hat. Damit wird das Unternehmen aus der Not heraus zum Lackmustest des gesamten Transformationsprozesses – und ist weiterhin auf staatliche Unterstützung angewiesen, um die Vielzahl der damit verbundenen Probleme bewältigen zu können.
Grüner Wasserstoff: das Grundproblem
Ein besonders anschauliches Beispiel für die strukturellen Nachteile Deutschlands ist das Elektrolyseurprojekt im saarländischen Fenne. Ursprünglich war geplant, auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks Fenne eine Elektrolyseanlage zu errichten, die grünen Wasserstoff für die geplante Direktreduktionsanlage in Dillingen liefern sollte. Ein nahezu identischer Zweck liegt der Elektrolyseanlage zugrunde, die wenige Kilometer entfernt im lothringischen Carling Wasserstoff produziert.

Die Technologie der Direktreduktion soll im Rahmen der wasserstoffbasierten Stahlproduktionden den Hochofen als Kernaggregat ablösen. Der dazu benötigte Wasserstoff muss mittels Elektrolyse, also mit Strom erzeugt werden.
Die beiden Standorte Dillingen und Carling sind geografisch eng beieinander, energiewirtschaftlich jedoch durch Welten getrennt: Frankreich kann und darf Wasserstoff dank seines CO₂-armen Strommixes – überwiegend Kernenergie – durchgehend und vergleichsweise günstig herstellen. Die Elektrolyseure laufen dort im Dauerbetrieb, was die Produktionskosten erheblich senkt.
In Deutschland hingegen dürfen Elektrolyseure nicht einfach Netzstrom nutzen. Sie müssen mit zusätzlichen erneuerbaren Anlagen gekoppelt werden, die erst errichtet werden müssen und deren Stromerzeugung stark schwankt. Das führt zu einem On-Off-Betrieb, der die Wirtschaftlichkeit zerstört. Die Folge: Die Herstellungskosten für grünen Wasserstoff in Deutschland liegen deutlich über denen in Frankreich.
Das Beispiel Fenne/Carling zeigt damit exemplarisch, warum grüner Wasserstoff „Made in Germany“ strukturell teurer ist – und warum viele Projekte scheitern, bevor sie überhaupt beginnen.
Der Bundesrechnungshof bestätigte in seinem jüngsten Sonderbericht diese strukturellen Nachteile und kommt zu drei zentralen Befunden:
- Deutschland müsste drei Viertel seines Wasserstoffbedarfs importieren, um die eigenen Ziele zu erreichen – ein unrealistisches Szenario.
- Grüner Wasserstoff bleibt viermal so teuer wie Erdgas, selbst unter optimistischen Annahmen.
- Das geplante Wasserstoff-Kernnetz droht an mangelnder Nachfrage zu scheitern, weil die Industrie die hohen Kosten nicht tragen kann.
Damit ist klar: Die Wasserstoffstrategie ist nicht nur unvollständig – sie ist in ihrer derzeitigen Form nicht tragfähig.
Druck durch hohe Energiepreise
Deutschland hat im internationalen Vergleich weiterhin deutlich zu hohe Strompreise – und das aus einer Reihe selbst verschuldeter Gründe:
- Die Abschaltung der Kernkraftwerke und der Rückbau von Kohlekraftwerken haben günstige Grundlastkapazitäten beseitigt.
- Der Strommix der Energiewende verursacht hohe Systemkosten, die über Umlagen und Netzentgelte finanziert werden. Diese Netzkosten steigen durch den notwendigen Netzausbau weiter: Industrieunternehmen zahlen bereits im Schnitt rund fünf Cent pro Kilowattstunde allein für Netzentgelte – ein Wert, der sich mit dem weiteren Ausbau des Netzes noch erhöhen wird.
Damit bleibt der Strompreis für energieintensive Betriebe weit über dem Niveau, das für internationale Wettbewerbsfähigkeit nötig wäre. Für die Stahlindustrie wären laut Vorstand der Dillinger Hütte Saarstahl ein Strompreis von vier Cent pro Kilowattstunde erforderlich – tatsächlich liegen die Kosten bei über zwölf Cent.
Industriestrompreis: Subvention statt Strukturreform
Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung ein Konzept für einen sogenannten Industriestrompreis vorgelegt. Doch anstatt die strukturellen Ursachen der hohen Energiepreise anzugehen, setzt die Politik weiterhin auf staatliche Kostenübernahmen. Die Maßnahme ist damit keine energiepolitische Kurskorrektur, sondern die Fortführung einer Subventionspolitik, die Symptome kaschiert, aber keine Probleme löst.
Kern der Regelung ist, dass besonders energieintensive Unternehmen für etwa die Hälfte ihres Stromverbrauchs einen reduzierten Preis erhalten sollen, der ihre Stromkosten insgesamt auf rund neun bis zehn Cent pro Kilowattstunde senkt. Die Differenz zum Marktpreis übernimmt der Staat. Die Stromkosten sinken also nicht wirklich – sie werden lediglich über Steuermittel umverteilt.
Hinzu kommt, dass die Regelung befristet und stark eingeschränkt ist. Viele Unternehmen profitieren nicht. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl weist zudem darauf hin, dass der Industriestrompreis aufgrund europäischer Beihilfevorgaben für große Teile der Stahlindustrie faktisch wirkungslos bleibt, solange er nicht mit der bestehenden CO₂-Strompreiskompensation kombinierbar ist.
Damit droht der Industriestrompreis zu einer Scheinmaßnahme zu werden. Selbst mit allen staatlichen Unterstützungen für den Stromsektor, die 2026 voraussichtlich die Marke von 30 Milliarden Euro überschreiten werden, bleibt der Industriestrompreis weit über dem Niveau, das für die Produktion von grünem Stahl international konkurrenzfähig wäre.
Planwirtschaftliche Vorgaben statt marktwirtschaftlicher Lösungen
Der sogenannte Stahlgipfel Anfang November bestätigte diesen Kurs. Neben vagen Zusagen zur Wasserstoffverfügbarkeit und zur Strompreisentlastung wurde deutlich, dass die Bundesregierung weiterhin auf staatliche Eingriffe setzt. Friedrich Merz knüpfte dabei nahtlos an die bisherige Linie von Robert Habeck an und stellte der Industrie zwei zentrale Instrumente in Aussicht:
- Grüne Leitmärkte: Der Staat verpflichtet sich selbst, bei öffentlichen Aufträgen ausschließlich klimafreundliche Produkte einzusetzen – etwa Schienen aus grünem Stahl. Damit soll künstlich Nachfrage erzeugt werden. Kritiker sehen darin eine staatlich gesteuerte Nachfragepolitik, die den Wettbewerb verzerrt und die Kosten für Steuerzahler erhöht.
- Differenzkontrakte (Carbon Contracts for Difference): Sie sollen die Mehrkosten beim Umstieg auf wasserstoffbasierte Verfahren ausgleichen. Der Staat garantiert über zehn oder zwanzig Jahre hinweg, die Differenz zwischen Marktpreis und tatsächlichen Produktionskosten zu übernehmen. Das schafft zwar Planungssicherheit, bedeutet aber eine enorme finanzielle Belastung – mit ungewissem Ausgang.
Mit diesen Maßnahmen wird die Industrie zwar kurzfristig stabilisiert, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen. Kritiker sprechen von „Planwirtschaft pur“. Die Welt brachte es auf die prägnante Formel: „Merz ist der neue Habeck.“
Prognose: am seidenen Faden
Die Probleme haben sich nicht verbessert – sie haben sich verschärft. Energie bleibt teuer, Wasserstoff knapp, internationale Konkurrenz stark. Für die deutsche Stahlindustrie bedeutet das: Die Zukunft der Grundstoffproduktion hängt am seidenen Faden staatlicher Subventionen.
Vor allem für die Roheisenherstellung sind kaum marktwirtschaftliche Perspektiven erkennbar:
- Hochofenroute: Mit dem Ende der kostenlosen Zuteilung von CO₂-Zertifikaten wird die klassische Hochofenproduktion massiv belastet. Während außereuropäische Konkurrenten wie China oder Indien weiterhin nahezu unbegrenzt ohne CO₂-Kosten produzieren, steigen die Kosten in Deutschland unaufhaltsam.
- Grüner Stahl: Auch die Alternative – Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen – ist aufgrund der extrem hohen Strom- und Wasserstoffpreise wirtschaftlich nicht darstellbar. Selbst mit Subventionen bleibt der Industriestrompreis weit über dem Niveau, das international konkurrenzfähig wäre.
Mit diesen Weichenstellungen werden in Deutschland weite Teile der Stahl- wie auch der gesamten Grundstoffindustrie zwangsläufig verloren gehen, weil die Regierung ihren grundlegenden Kurs in der Energiepolitik nicht ändert. Diese Entwicklung lässt sich auch durch Subventionen nicht aufhalten. Der Staat kann eine strukturell unwirtschaftliche Branche nicht dauerhaft stützen. Milliardenhilfen mögen kurzfristig stabilisieren, doch sie lösen die grundlegenden Probleme nicht.
Gleichzeitig müsste die Bewahrung des industriellen Know-hows aktiv angegangen werden. Denn wenn sowohl Hochöfen als auch neue Direktreduktionsanlagen in Deutschland in naher Zukunft mangels Wirtschaftlichkeit stillgelegt werden müssen, bleibt der Stahlindustrie nur die Möglichkeit, importiertes Roheisen weiterzuverarbeiten und zu hochwertigen Spezialstählen zu veredeln.
Damit könnten technisches Wissen und Fertigungskompetenz erhalten bleiben – doch ohne eine gezielte Strategie zur Sicherung dieses Know-hows droht auch dieser Teil der Wertschöpfungskette verloren zu gehen. Die industrielle Basis würde verschwinden, und mit ihr viele Arbeitsplätze.
Daraus folgt: Ohne eine grundlegende Wende in der Energiepolitik ist die Roheisenherstellung in Deutschland nicht mehr zukunftsfähig. Wenn die Politik ihren Kurs fortsetzt, müssen erhebliche finanzielle Ressourcen in die Bewahrung des Know-hows fließen, damit die Stahlindustrie wenigstens als Veredler überleben kann. Andernfalls droht der vollständige Verlust einer Schlüsselbranche – wie bereits in anderen Bereichen der grünen Transformation zu beobachten.




