Auf dem Plattenspieler: Don McLean
Künstler: Don McLean
Song: American Pie – erschienen auf dem gleichnamigen Album, United Artists Records 1971
Was braucht es eigentlich, damit ein Lied kein Erfolg wird?
Zunächst sollte der Text wohl möglichst komplex sein: voller Metaphern und Symbolbilder, die sich kaum eindeutig entschlüsseln lassen. Das Ganze sollte mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern.
Außerdem sollte die Nummer möglichst lang sein – weit entfernt von Radiotauglichkeit und radikal gegen jede gängige Aufmerksamkeitsspanne.
Damit wären die Voraussetzungen für einen großen Erfolg eigentlich denkbar schlecht.
Erstaunlicherweise beschreiben diese Eigenschaften jedoch einen der größten Rocksongs des 20. Jahrhunderts: „American Pie“ von Don McLean.
Der Songtext besteht aus losen Fragmenten, die bis heute unterschiedlich interpretiert werden. Über allem liegt die Erinnerung an eine Zeit, die rückblickend einfacher erscheint als die Gegenwart, die konkreten Bezüge und ihre Bedeutung bleiben aber bewusst offen.
Mit einer Laufzeit von rund achteinhalb Minuten ist das Stück so lang, dass es bei der Single-Veröffentlichung 1971 auf beide Seiten des Vinyls verteilt wurde: Wer es vollständig hören wollte, musste die Platte nach der Hälfte umdrehen.
Trotzdem gilt „American Pie“ als einer der wichtigsten und langlebigsten Rocksongs überhaupt, mit Millionen verkauften Einheiten weltweit, unzähligen Coverversionen und dauerhaft hoher Präsenz in Radio, Film und Popkultur über stolze 50 Dekaden hinweg. Im Jahr 2017 wurde er sogar von der Library of Congress in das National Recording Registry der Vereinigten Staaten aufgenommen; einem Archiv, das kulturell bedeutende Tonaufnahmen für die Zukunft bewahrt.
Die spannende Frage ist also: Warum in aller Welt ist ausgerechnet dieser Track zu einem solchen Phänomen geworden?
Um das zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Welt, in der Don McLean aufwuchs: die USA der 1950er-Jahre.
Rückblickend erscheint diese Phase als Zeit relativer Ordnung. Zwar waren auch schon damals gesellschaftliche Spannungen ebenso Teil des Alltags wie die allgegenwärtige Bedrohung des Kalten Krieges, doch gleichzeitig wuchs die Wirtschaft deutlich, der Konsum boomte, und viele Menschen blickten insgesamt optimistisch in die Zukunft.
In dieser Zeit entstand auch „der Teenager“ als eigenständige gesellschaftliche Gruppe. Jugendliche hatten mehr Freizeit als jede frühere Generation und verfügten über eine wachsende Kaufkraft, die zunehmend gezielt von Wirtschaft und Musikindustrie angesprochen wurde. Tanzlokale, Kneipen mit Jukeboxen und Plattenläden entwickelten sich zu ihren wichtigsten Treffpunkten.
Was die Teenager sangen und zu was sie tanzten, war vor allem ein neues Musikgenre: der Rock ’n’ Roll. Diese Stilrichtung wurde zum Sprachrohr einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt hatte und sich in der Folge nicht selbstverständlich dem Harmonieideal ihrer Eltern unterordnen wollte. Während viele Erwachsene die Musik als laut, wild und unangemessen empfanden, wurde sie für die Jugendlichen zum Ausdruck eines rebellischen Selbstverständnisses.
Zu den prägenden Figuren des frühen Rock ’n’ Roll gehörten, neben offensichtlichen Figuren wie Elvis Presley, Chuck Berry oder Little Richard, auch Namen wie Buddy Holly, Ritchie Valens und J. P. „The Big Bopper“ Richardson.
Das Ende des Jahrzehnts brachte jedoch einen schweren Einschnitt: Am 3. Februar 1959 stürzte das Flugzeug ab, mit dem Holly, Valens und Richardson zum nächsten Konzert reisen wollten. Tragischerweise kamen alle drei Musiker dabei ums Leben.
Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell und wurde für viele junge Amerikaner zu einem Schockmoment. Für manche erschien es rückblickend fast so, als sei an diesem Tag ein ganzes Kapitel der Rockmusik zu Ende gegangen.
Auch für den großen Rock-’n’-Roll-Fan Don McLean war das Ereignis prägend. Er war damals 13 Jahre alt und trug Zeitungen aus. Die Szene, wie er die Schlagzeilen über das Unglück liest und jene Ausgabe verteilt, floss später direkt in „American Pie“ ein:
February made me shiver
With every paper I’d deliver

Auch fast jede Strophe endet mit einer Anspielung auf diesen Tag:
The day the music died
Genau solche Verweise auf Personen, historische Ereignisse, gesellschaftliche Entwicklungen und biografische Erfahrungen prägen den gesamten Songtext. Künstler wie Bob Dylan, Schauspieler wie James Dean sowie Themen wie Glauben, Identität und Liebeskummer verdichten sich in „American Pie“ zu einem vielschichtigen Netz aus Symbolen und Assoziationen, die die unterschiedlichsten Gefühle hervorrufen.
McLean selbst hat sich stets geweigert, Interpretationen im Einzelnen eindeutig zu bestätigen – er betonte immer wieder, dass er die Offenheit des Songs bewusst erhalten wolle. Und so richtet sich der Blick automatisch auf sein übergeordnetes Thema: die Veränderung Amerikas.
Die 1960er-Jahre brachten nämlich gesellschaftliche Konflikte in einer Intensität, die viele Menschen in den 1950ern kaum erwartet hätten. Die Ermordung John F. Kennedys, der Vietnamkrieg, Bürgerrechtskämpfe und kulturelle Polarisierung prägten das Jahrzehnt. Das Vertrauen in politische Institutionen schwand, vertraute Gewissheiten verloren an Bedeutung und die öffentliche Stimmung wurde zunehmend von Unsicherheit begleitet.
Diese Entwicklung spiegelt sich ebenso in vielen Zeilen von „American Pie“. Der Track zeichnet im weiteren Verlauf das Bild einer Gesellschaft, die ihre Orientierung verloren hat und neue Antworten sucht:
And in the streets, the children screamed
The lovers cried, and the poets dreamed
But not a word was spoken
The church bells all were broken
Interessanterweise war ursprünglich ein optimistischeres Ende für den Track geplant. McLean entschied sich jedoch letztenendes aktiv dagegen: Nach seiner Einschätzung boten die politischen und kulturellen Entwicklungen seiner Zeit keine Grundlage für einen versöhnlicheren Ausblick.
Damit fügt sich auch das Ende konsequent in die Gesamtidee von „American Pie“ ein. Der Track erklärt nicht, er erzählt – und die Bedeutung entsteht erst im Zusammenspiel mit dem Publikum.
Genau darin liegt wohl der wesentliche Grund für die außergewöhnliche Langlebigkeit des Stücks: Don McLean eröffnet in „American Pie“ einen Deutungsraum, den jede Generation mit ihren eigenen Erfahrungen füllen kann.
Obwohl Don McLean weitere erfolgreiche Tracks veröffentlichte, blieb dieses Werk der unangefochtene Mittelpunkt seines Schaffens. 2021, zum 50-jährigen Jubiläum des Werks, spielte er eine bemerkenswert gut besuchte Welttournee. 2022 erschien zudem die Dokumentation „The Day the Music Died: The Story of Don McLean’s American Pie“, in der er ausführlicher als je zuvor auf Hintergründe und Bedeutung des Textes einging.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung wird „American Pie“ also noch immer diskutiert, interpretiert und neu entdeckt. Und für einen Song, der eigentlich sämtliche Voraussetzungen für einen Misserfolg mitbrachte, ist das vermutlich die bemerkenswerteste Pointe seiner Geschichte …




1 Kommentar. Leave new
Eine Zeit lang das wichtigste Lied für mich; damals.