Geld in den Augen Kants

Schon der griechische Universalgelehrte Aristoteles schrieb, dass Geld eine Austauschbarkeit von Gütern herstellt. Es geht also im Kern um die Herstellung mengenmäßiger Austauschverhältnisse. Man ist durch die Hinzunahme des Geldes in der Lage, Güter miteinander vergleichbar zu machen. Wie viele Hosen entsprechen einem Haus oder einer bestimmten Menge an Nahrungsmitteln? Die Vergleichbarkeit bezieht sich logischerweise nicht auf die subjektive Werteinschätzung eines jeden einzelnen Menschen, sondern auf die aktuellen Marktpreise. Durch die Vergleichbarkeit erhöht das Geld die Effizienz und Dynamik. 

Auch erkannte Aristoteles, dass Geld für späteren Konsum Werte und erbrachte Arbeitsleistung konservieren kann. Den Zins verdammte er nicht. Er kannte ihn als Geld, welches das Geld abwirft. Aus ökonomischer Perspektive bezeichne ich persönlich den Zins als koordinativen Preis des Geldes. Wer an dem Preis des Geldes planwirtschaftlich manipuliert, führt die Volkswirtschaft in die geplante Unordnung. Ressourcen, Kapital und Arbeit werden fehlgeleitet und verschwendet. Umwelt, Produktivität und Wohlstand leiden. Zudem entspricht ein marktgerechter Zins dem Aufeinandertreffen von Geldangebot (Sparneigung der Menschen) und kreditbasierter Investitions- und Konsumnachfrage.

Zurück zu Aristoteles: Eine moralische Diskreditierung des Geldes sucht man bei Aristoteles vergeblich. Dennoch kritisierte er einen ausschweifenden materialistischen Lebensstil und prangerte das hohe Suchtpotenzial an. Er hatte eine sehr neutrale Sicht auf das Geld und die Tauschfunktion. Das Verlangen nach mehr Geld sei schädlich und würde dem Wesen des Geldes als Tauschkoordinator diametral gegenüberstehen. Insofern entspricht nach meiner Beurteilung die Einstellung von Aristoteles durchaus der neutralen Herangehensweise der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Der Weltweise aus Königsberg 

Es ist verwunderlich, wie viel die großen Denker über die Aufklärung und auch über das Wesen des Geldes geschrieben haben. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant ist ohne Frage als einer der herausragenden deutschen Denker anzusehen. Selten wird Kant wegen seiner geldtheoretischen Einlassungen rezipiert. Überhaupt scheinen die Menschen heutzutage mehrheitlich von dem Wissen der großen Denker entkoppelt worden zu sein.

Die Menschen folgen heutzutage mehrheitlich lieber bereitwillig den großen Narrativen oder ihrem bisherigen Weltbild und haben, frei nach Kant, kaum noch den Mut, sich ihres eigenen Verstandes und ihrer eigenen Urteilskraft zu bedienen. Auf diese Weise ist es möglich, dass sich die menschheitliche Elendsgeschichte aus gesellschaftlicher Spaltung, gesellschaftlicher Kollektivierung, Geldverschlechterung, Krieg, Not, Elend usw. fortwährend wiederholt. 

Im Jahr 2024 liegt die Geburt von Immanuel Kant 300 Jahre zurück. Kant zündete im Geist vieler Menschen ein Licht an, so ein vielzitierter Satz. Er prägte die Epoche der Aufklärung und es lohnt sich, seine Werke zu studieren. Es ist bemerkenswert, dass die Menschen die Kritik am heutigen staatlichen Geldwesen mehrheitlich nicht ernst zu nehmen scheinen. Zu sehr gehört Geld zum Staat und umgekehrt. Dieser Glaube ist zum Weltbild der Menschen geworden. Durch Bildung, Erziehung und mediale Einflussnahmen sind Staat und Geld gleichermaßen fest verankert in den Denkstrukturen der Menschen. Frei nach Kant wurden sie in den geistigen Gängelwagen gesperrt. Sie nehmen klaglos die Geldverschlechterung hin und haben nicht den Mut, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, um sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. 

Liegt es an der Intelligenz oder ist es die pure Denkfaulheit, welche die Menschen von einer geistigen und emotionalen Befreiung abhält? Allgemeingültig lassen sich derartige Fragen nicht beantworten. Die psychologische Komponente lässt sich keinesfalls kleinreden. Die Kritik an Staat und Geld prallt bei den meisten Menschen ab. Vermeintlich fühlt es sich so an, als würden die Kritiker an Geld und Staat den Menschen ihr liebstes Spielzeug wegnehmen. Sie reagieren kindlich und wenig erwachsen, öffnen sich den Argumentationen überhaupt erst gar nicht. 

300 Jahre nach Kant lassen sich die Menschen immer noch durch Geldverschlechterung bestehlen. Zu laut sind die Stimmen der Gegenaufklärung und zu groß ist die Staats- und Obrigkeitsgläubigkeit. In Zeiten der Alternativlosigkeit wird nicht diskutiert. Es wird alles getan, um beispielsweise das Projekt des Euro am Leben zu halten. Koste es, was es wolle. Es geht schließlich um die gute Sache, und da hat der einzelne Mensch sich unterzuordnen und seine Bedürfnisse zurückzustellen. In aufgeklärten Zeiten würden derartige infantile Argumentationen am selbstständigen Denken der Menschen abperlen. Der Schluss liegt nahe, dass die Menschen per heute nicht in der Lage sind, sich aus dem Gängelwagen des staatlichen Geldwesens durch eigenes Denken zu befreien. 

Banknoten sind Täuschung 

Als tiefgründiger Mensch kritisierte Kant oberflächliche Sichtweisen. Wer Banknoten für das Geld als solches selbst hält, geht einer Täuschung auf den Leim. Der Wert der Banknoten begründete für Kant lediglich die zukünftige Erwartung, dass in Zukunft ein Tauschvorgang in ähnlicher Tauschrelation zur heutigen Zeit möglich ist. Diese Erwartung kann bekanntermaßen durch Geldverschlechterung bitter enttäuscht werden. 

Wird die Geldmenge beispielsweise durch Verschuldung erhöht, so verändert sich die Tauschrelation zu anderen knapp gebliebenen Gütern. Die Kaufkraft der in Banknoten verbrieften Zahlungsmittel kann gewaltig sinken. Im Gegensatz zu heute medial protegierten intellektuellen Menschen erkannte Immanuel Kant diesen Zusammenhang. Mehr noch, denn er kritisierte diese Vorgänge und warnte die Menschen vor einer naiven Sichtweise.

„Österreichischer Zugang“ auch bei Kant 

Je erfahrener Immanuel Kant wurde, desto mehr Wert legte er in seinen philosophischen Überlegungen auf eine Befreiung von empirischen Betrachtungsweisen. Dieser Zugang ähnelt der Sichtweise der Vertreter der Österreichischen Schule: Die Empirie eignet sich zur geschichtlichen Dokumentation, aber hinsichtlich der Zukunftsprognosen kann sie gewaltig in die Irre führen oder für die Zielsetzungen einzelner Gruppen in Bezug auf staatliche Interventionen missbraucht werden. Gemeint ist damit, dass staatliche Interventionen einige wenige Menschen zu Lasten vieler bevorteilen. Lobbyarbeit ist damit ebenso als Beispiel anzuführen wie die Nähe der Finanzoligarchie zu den Zentralbanken. Die zentrale Geldschöpfungsstelle, übrigens eine Forderung von Karl Marx, zur sozial ungerechten Werteumverteilung nach ganz oben zu nutzen, ist in der heutigen Zeit gängige Praxis. Der Cantillon-Effekt lässt grüßen.

  

Geld als Element von Freiheit 

Untrennbar verbunden ist das Geld mit der Kant’schen Freiheitsphilosophie. Menschen, die miteinander interagieren und kooperieren, schränken sich unweigerlich in ihrer Freiheit ein. Ein Grundstück kann beispielsweise für zwei Menschen zum identischen Zeitpunkt von Interesse sein. Diese doppelte und konkurrierende Anspruchshaltung kann zu einem Streit führen und schränkt die jeweilige Freiheit der anderen Partei ein. Für die Beilegung des Streites ist die Rechtsetzung ebenso notwendig wie die Beseitigung jeglicher Willkür. Es gilt also zu regeln, wie es zu einer friedlichen Inbesitznahme ohne Schädigung einer dritten Partei kommen kann. 

Die friedliche Beilegung des Streites kann beispielsweise durch ein Gebotsverfahren durchgeführt werden. Das höhere Gebot bekommt den Zuschlag, es kommt zu einer freiwilligen vertraglichen Einigung und einem Eigentumsübergang. Das Geld wechselt im Tausch mit dem Grundstück den Eigentümer und andersherum. 

Kant unterscheidet zwischen Sacheigentum und geistigem Eigentum. Es handelt sich also um den Verkehr (freiwilliger Austausch im Rahmen der freien Marktwirtschaft) mit Gedanken und mit Sachen. Geld war für Kant folglich eine Sache bzw. ein Gut.

 

Die Natur der Sache 

In den philosophischen Betrachtungen Immanuel Kants gehört es zur Natur der Sache, dass man Güter kaufen und verkaufen kann. Es handelt sich um Tauschgeschäfte, die auf freiwilliger Basis geschlossen werden. Kant unterscheidet zwischen zwei Grundarten des Tausches: Ware gegen Ware als Naturaltausch und Ware gegen Geld. 

Geld ist kein Gut, welches direkte Bedürfnisse befriedigt. Lapidar gesagt macht Geld nicht satt, aber es verfügt eben über die höchste Tauschbarkeit gegen andere Güter, die wiederum satt machen und Bedürfnisse folglich unmittelbar befriedigen. Man könnte anstelle der höchsten Tauschbarkeit oder Tauschfähigkeit auch die Marktgängigkeit bzw. die Absatzfähigkeit setzen. Geld war für Kant ein Instrument des Handelns zum wechselseitigen Erwerben. 

Er sah Geld zudem als Kommunikationsmittel zwischen den verschiedenen Vertrags- oder Kooperationspartnern an. Als einen Austausch von Wertschätzung, wenn ein Gut den Besitzer wechselt oder ein Geldwert gegen die Erbringung einer Dienstleistung getauscht wird.

Man darf sich folglich die Frage stellen, was im Falle der Geldverschlechterung mit der Wertschätzung geschieht und welchen Einfluss das auf die Eigentumsrechte hat. Geld als Wertträger und Maßstab für Wertschätzung sind gleichermaßen abhängig von der mengenmäßigen Erweiterung. Je größer die (Geld-)Menge, desto geringer die Qualität. Die Qualität steht für einen hohen Tauschwert bzw. eine hohe Kaufkraft.

 

Geld als Summe des Fleißes 

Waren hatten nach Kant einen direkten Wert für den einzelnen Betrachter. Geld hingegen hatte für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswert oder Nutzen. Kants Beispiel ist das Getreide. Bei entsprechender Verarbeitung kann Getreide der Bedürfnisbefriedigung dienen. Platt gesagt: verarbeitet zu Brot macht es satt. Geld hingegen erfüllt lediglich die Möglichkeit, Tauschgeschäfte einzugehen und Geld für Brot hinzugeben. 

Der Nachteil des Geldes, keinen direkten Gebrauchswert zu haben, war laut Kant aber eben auch genau der Vorteil. Es repräsentiert aufgrund der höchsten indirekten Brauchbarkeit sämtliche Güter, die man potenziell tauschen könnte. Aus diesem Grund wird Geld zum universellen Zahlungsmittel. Aus demselben Grund, dass das Geld alle Waren repräsentiert, steht es Kant zufolge für den Fleiß der Menschen, nämlich für die regelmäßige Anwendung ihrer eigenen Leistungen. Der „Nationalreichtum“ steht für die Summe des Fleißes, mit dem sich die Menschen untereinander entlohnen. Wird die Qualität des Geldes durch Geldverschlechterung herabgesetzt, schwindet in letzter Konsequenz der Nationalreichtum.

 

Abschließende Gedanken zu Kants geldtheoretischen Überlegungen 

Durch den Euro wurde frei nach Kant der nationale Fleiß auf europäischer Ebene kollektiviert. Im Zuge der sogenannten Euro-Rettungsmaßnahmen zur Fortführung des Euro-Systems erhöhen sich die Risiken durch eingegangene Garantien immer mehr. Ursprünglich sollte kein Land für die Schulden und Haushaltsexperimente anderer Länder haften. Es kam anders und so haben die Menschen in Deutschland und den anderen Ländern einen erheblichen Teil ihrer nationalen Souveränität eingebüßt.

Allerdings springt in dem Zusammenhang auch die Diskussion rein um den Euro entschieden zu kurz. Auch die D-Mark war in ihrer Ausgestaltung zwangsmonopolistischer Struktur. Der in D-Mark errechnete und konservierte nationale Fleiß wurde durch Inflation (Ausweitung der Geldmenge) ebenfalls sukzessive herabgesetzt. Mit der Herabsetzung werden auch die Eigentumsrechte negativ beeinträchtigt. Insofern braucht es den disziplinierenden Faktor des Wettbewerbs als entmachtendes Instrument. 

Das gegenteilige Bild zeichnet die aktuelle Lebensrealität der Menschen. Die absolute Wahlfreiheit dessen, was die Menschen als dienliches Geld ansehen, ist den nationalen Währungen und dem zwangsmonopolistischen Charakter gewichen. In der jüngeren Vergangenheit gaben die Staaten diese nationale Souveränität an die oberste Geldbehörde (Europäische Zentralbank) ab. Der nationalen Zentralisierung des Geldes folgte die internationale Zentralisierung. Damit einhergehend gab es mehr Machtkonzentration, mehr monetäre Konzentration und weniger Wettbewerb. 

Benjamin Mudlack - Neues Geld für eine freie Welt

Dieser Beitrag stammt aus dem Buch „Neues Geld für eine freie Welt. Warum das Geldsystem kein Herrschaftsinstrument sein darf” von Benjamin Mudlack, das in der Edition Sandwirt erschienen ist und das Sie überall im Buchhandel und hier im Shop des Sandwirts kaufen können.

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