Im Westen nichts Neues

Ich habe mir kürzlich die Netflix-Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ angesehen, jene deutsche Produktion unter der Regie von Edward Berger, die 2023 gleich vier Oscars gewann, darunter den für den besten internationalen Film.

Ein guter Film, technisch beeindruckend, mit einer Bildgewalt, die einen förmlich in den Schlamm der Schützengräben hineinzieht – und zugleich einer der schwersten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Es gibt Szenen, bei denen ich den Blick am liebsten abgewandt hätte: Männer, die im Nahkampf mit bloßen Händen aufeinander losgehen, ein Soldat, der sich mit letzter Kraft im Dreck erstickt, junge Gesichter, die binnen Sekunden zu Leichen werden. Und doch weiß ich, dass selbst diese kaum erträglichen Bilder nur ein Schatten dessen sind, was Millionen junge Männer vor über hundert Jahren tatsächlich in den Schützengräben Europas durchlitten. Was auch der vor 56 Jahren verstorbene Autor des Romans „Im Westen nichts Neues“ im Krieg erlebte – und wie er diese Erfahrung in ein Werk verwandelte, das bis heute nichts an seiner Kraft verloren hat: Erich Maria Remarque.

Ein Buch, das die Welt erschütterte

Am 25. September 1970 starb in Locarno Erich Maria Remarque, einer der bekanntesten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein berühmtestes Werk „Im Westen nichts Neues“ erschien 1928 als Vorabdruck der Vossischen Zeitungen, dann 1929 im Propyläen Verlag als Buch, und schildert die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs aus der Sicht einfacher Soldaten. Eine Grausamkeit, die er selbst erlebt hatte.

Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, wurde 1916 mit achtzehn Jahren zum Kriegsdienst eingezogen. 1917 hatte er seinen ersten Fronteinsatz an der Westfront in Flandern. Er überlebte einen Gasangriff und wurde im Juli 1917 durch Granatsplitter am rechten Arm und am linken Bein sowie durch einen Halsschuss schwer verwundet. Aus diesen eigenen Erfahrungen entstand „Im Westen nichts Neues“. Remarque gab mit seinem Buch Millionen Menschen eine Stimme, die im Krieg nicht als Helden gefeiert wurden, sondern als Opfer eines Gemetzels untergingen, das keinen erkennbaren Sinn ergab.

Das öffentliche Interesse an diesem Buch war außergewöhnlich: Schon im Erscheinungsjahr wurde es in über zwei Dutzend Sprachen übersetzt, mittlerweile liegen Ausgaben in rund fünfzig Sprachen vor, bei einer weltweiten Gesamtauflage, die Schätzungen zufolge zwischen zwanzig und vierzig Millionen Exemplaren liegt. Bis heute wurde der Stoff dreimal verfilmt – zuerst 1930 in einer mit zwei Oscars ausgezeichneten US-Produktion, dann 1979 als Fernsehfilm, zuletzt 2022 in Bergers vielfach preisgekrönter Neuverfilmung, der ersten deutschen Adaption des Stoffes überhaupt.

Verbrannt, ausgebürgert, vertrieben

Gerade der immense Erfolg des Buches machte Remarque für die Nationalsozialisten zum Feindbild. Bereits 1933, im Jahr der Machtergreifung, wurden seine Werke bei den öffentlichen Bücherverbrennungen in Deutschland demonstrativ den Flammen übergeben. 

Remarque, der schon 1931 eine Villa in Ronco sopra Ascona erworben und dann 1932 seinen Wohnsitz an den Lago Maggiore in die Schweiz verlegt hatte, entging der direkten Verfolgung, verlor aber 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft. 1939 emigrierte er weiter in die USA, wo er fast ein Jahrzehnt lebte und 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, bevor er 1948 nach Europa zurückkehrte und wieder in der Schweiz lebte, wo er bis zu seinem Tod blieb.

Remarque war bekannt für seine Beziehungen zu Frauen. Er war dreimal verheiratet: mit der Tänzerin Ilse Jutta Zambona in erster Ehe von 1925 bis 1930, noch einmal in zweiter Ehe von 1938 bis 1957. Anfang 1958 heiratete er die Schauspielerin Paulette Goddard, die zuvor mit Charlie Chaplin verheiratet gewesen war. Mit ihr lebte er bis zu seinem Tod im Tessin. Zu seinen Beziehungen gehörte auch die Schauspielerin Ruth Albu, die ihn zum Kauf seiner Villa in Ronco sopra Ascona und zum Aufbau einer Kunstsammlung anregte. Zudem war er unter anderem mit Margot von Opel, der Frau von Fritz von Opel, der Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr sowie mit Marlene Dietrich liiert.

Sein Name bleibt aber bis heute untrennbar mit seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ verbunden – nicht, weil sein übriges Werk unbedeutend wäre, sondern weil „Im Westen nichts Neues“ auf eine Weise Zeitlosigkeit erreichte, die den Autor selbst überdauerte und nichts von ihrer erschreckenden Aktualität verloren hat.

Was der Film mir nicht zeigen konnte

Als ich nach dem Abspann des Films noch eine Weile auf dem Sofa sitzen blieb, wurde mir klar, worin der eigentliche Widerstand liegt, den Remarque mit seinem Buch leistete: nicht der Widerstand einer Waffe oder eines Attentats, sondern der stille, hartnäckige Widerstand des genauen Hinschauens und Aufschreibens, gegen eine Gesellschaft, die den Krieg lieber verklärte als beschrieb. 

Genau diese Weigerung, sich der heroisierenden Erzählung anzuschließen, machte ihn für die Nationalsozialisten zum Feindbild und führte schließlich dazu, dass seine Bücher verbrannt und ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt wurden.

Der Film von Edward Berger hat mich mit seinen Bildern erschüttert, so gut er auch gemacht ist. Aber die eigentliche Leistung liegt nicht im Kino, sondern in Remarques Buch, das eine ganze Generation mit einer Darstellung des Krieges konfrontierte, die ohne Verklärung und ohne Heldenpathos auskam.

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„Kriegstüchtig – Sprache, die Leben kostet“ von Alexander Fischbach

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