Können Sie sich auf offizielle gesundheitliche Leitlinien verlassen?
Es gibt eine Vielzahl offizieller Leitlinien zu verschiedenen Themen – darunter beispielsweise Ernährung und Medizin. Aber wie unvoreingenommen und wissenschaftlich sind diese Leitlinien tatsächlich?
Ernährungsleitlinien
Im Jahr 2016 erschien in der New York Times ein Artikel, in dem der historische Zusammenhang zwischen Ernährungsempfehlungen und medizinischen Fachkräften thematisiert wurde: „Die Zuckerindustrie hat Wissenschaftler in den 1960er-Jahren bezahlt, um den Zusammenhang zwischen Zucker und Herzkrankheiten herunterzuspielen sowie gesättigtes Fett als Übeltäter zu propagieren, wie [von der Universität von Kalifornien] neu veröffentlichte historische [ehemals interne] Dokumente [der Zuckerindustrie] zeigen.“
In einem wissenschaftlichen Paper wurde aufgezeigt, dass „fünf Dekaden der Forschung bezüglich des Zusammenhangs zwischen Ernährung und Herzkrankheiten, inklusive vieler der heutigen Ernährungsempfehlungen, möglicherweise größtenteils von der Zuckerindustrie gestaltet wurden.“
Die Zuckerindustrie hat beispielsweise einflussreiche Harvard-Professoren – darunter Dr. Mark Hegsted – bezahlt, um die akademische Diskussion in die gewünschten Bahnen zu lenken. Darüber hinaus war sie mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit der einflussreichste Akteur bei der Erstellung von Ernährungsempfehlungen – über fünf Jahrzehnte hinweg. Diese Beeinflussung wurde nicht öffentlich gemacht.
Eine der weltweit bekanntesten Ernährungsfachgesellschaften ist die Academy of Nutrition and Dietetics. Diese ist maßgeblich durch finanzielle Interessenkonflikte geprägt. Die finanziellen Verflechtungen wurden am 18. Dezember des Jahres 2009 auf Anfrage des US-Senators Chuck Grassley offengelegt. Die Vereinigung erhielt über die letzten Jahrzehnte hinweg Spenden von Unternehmen wie McDonalds, Pepsi, Coca-Cola, Kellogg’s, Mars, Soyjoy und The Sugar Association.
Ernährungsberater werden teilweise von den Großunternehmen ausgebildet. Zum Beispiel gibt es Bildungsangebote, die von Coca-Cola gesponsert werden und die folgenden Behauptungen beinhalten: Zucker ist nicht schädlich für Kinder; Aspartam, ein künstlicher Süßstoff, ist gesundheitlich vollkommen unbedenklich, auch für Kleinkinder; die typischen schulischen Ernährungsempfehlungen sind zu restriktiv.

Des Weiteren bietet die Academy of Nutrition and Dietetics Symposien zum Preis von 50.000 US-Dollar an. Dabei handelt es sich offiziell nicht um Sponsorings, sondern um Dienstleistungen.
Eine Studie des Jahres 2022 stellte fest, dass 95 Prozent des Personals, das allgemeine Ernährungsempfehlungen in den Vereinigten Staaten von Amerika formuliert, die Dietary Guidelines for Americans (DGA), maßgeblich von Interessenkonflikten betroffen sind. Solche Interessenkonflikte werden bisweilen nicht offen deklariert.
Im Jahr 2004 wurden im Rahmen des National Cholesterol Education Program (NCEP) Empfehlungen formuliert, in denen es um das Senken von Cholesterin durch Statine ging. Es wurden keine Interessenkonflikte angegeben. Später stellte sich heraus, dass acht der neun Autoren finanzielle Verbindungen zu Statinherstellern hatten und von diesen teilweise über mehrere Jahre hinweg sechsstellige Summen erhielten. Weitere Details können Sie im 2023 erschienen Buch Homo Carnivorus nachlesen.
Das bedeutet nicht, dass diese Ernährungsempfehlungen automatisch falsch sind. Aber es gibt einen Grund, warum Interessenkonflikte normalerweise deklariert werden müssen und regelmäßig problematisiert werden. Potenziell verunmöglichen sie eine möglichst unvoreingenommene Herangehensweise. Und in einigen Fällen wurden gezielt Gelder bezahlt, um den akademischen Diskurs auf eine nichtorganische Weise in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das lädt zumindest zu Skepsis ein.
Interessenkonflikte im medizinischen Bereich
Auch im medizinischen Bereich gibt es zahlreiche Interessenkonflikte. Dass finanzielle Verflechtungen beispielsweise das Medikamentenverschreibungsverhalten von Ärzten messbar beeinflusst, stellte eine Studie des Jahres 2016 fest.
Eine Studie des Jahres 2020 untersuchte finanzielle Verbindungen zwischen der Pharmaindustrie und Führungspersonen medizinischer Fachgesellschaften. Das Ergebnis: 72 Prozent aller Führungspersonen hatten finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie, bei Ärzten waren es sogar 80 Prozent. Keine einzige Fachgesellschaft war gänzlich frei von finanziellen Verbindungen.
Der Median der geflossenen Summen belief sich auf 31.800 US-Dollar. Es existierten erhebliche Unterschiede zwischen Fachgesellschaften. Die Medianzahlungen reichten von 212 US-Dollar im psychiatrischen Bereich zu 518.000 US-Dollar im Bereich der Onkologie.
Nur zwei von zehn Fachgesellschaften veröffentlichten aktiv die Interessenkonflikte ihres Führungspersonals. Die Autoren der Studie resümieren, dass finanzielle Verflechtungen zwischen der Pharmaindustrie und medizinischen Führungsgremien weit verbreitet sind. Das stellt potenziell die Unabhängigkeit, wissenschaftliche Integrität und die möglichst unverzerrte Entwicklung der Leitlinien infrage. Die Autoren sprechen von Reformbedarf und verweisen gleichzeitig darauf, dass die gravierenden Unterschiede zwischen den Bereichen nahelegen, dass Unabhängigkeit prinzipiell möglich sei.
Es gibt Hinweise darauf, dass Pharmaunternehmen auch in Deutschland Einfluss auf die Formulierung von Leitlinien üben. Ein Beispiel dafür ist ein gerichtlich angeordnetes Gutachten im Fall von Gabapentin. Gabapentin wurde ursprünglich als Antiepileptikum entwickelt und später auch in anderen Bereichen eingesetzt. Es zeigte sich, dass der Hersteller Studien manipuliert und negative Ergebnisse nicht veröffentlicht hat – mit dem Ziel, den Anwendungsbereich des Pharmazeutikums zu erweitern.
Diese verzerrte Evidenz wurde durch Fachpublikationen, systematische Reviews und Leitlinien als authentisch rezipiert und als Grundlage für die Formulierung von Therapieempfehlungen verwendet. Die Autoren einer Studie des Jahres 2013 führen an, dass Publikationsbias (das selektive Veröffentlichen von Studien) ein strukturelles Problem ist, da Pharmaunternehmen bevorzugt positive Ergebnisse publizieren, nicht negative.
Ein hypothetisches, sehr deutliches Beispiel: Wenn ein Pharmaunternehmen zehn Studien durchführt, in acht sind die Ergebnisse negativ, in zwei positiv, kann das Pharmaunternehmen lediglich die zwei Studien mit Positivbefunden veröffentlichen und damit eine Wirksamkeit suggerieren.
Die Autoren der Studie plädieren dafür, dass es eines Zugangs zu sämtlichen Studiendaten inklusive Rohdaten bedürfe, um gewissenhaft Leitlinien zu formulieren. Darüber hinaus sollten Autoren von Leitlinien keine Interessenkonflikte haben und die Pharmaindustrie solle nicht am Formulieren von Leitlinien beteiligt sein. Es brauche mehr öffentlich finanzierte Studien und strengere Regeln in Bezug auf Transparenz und Unabhängigkeit.
Auch in diesem Kontext gilt: Interessenkonflikte bedeuten nicht automatisch, dass beispielsweise die formulierten Leitlinien falsch sind. Aber die Gefahr, dass eine Verzerrung irgendeiner Art besteht, ist erheblich.
Fazit
Am einfachsten wäre es für den durchschnittlichen Bürger, sich einfach strikt an Leitlinien zu orientieren. Das garantiert jedoch leider nicht, dass auch die besten gesundheitlichen Entscheidungen getroffen werden.
Offizielle Leitlinien in verschiedenen Bereichen sind nachweisbar durch Interessenkonflikte geprägt. Und es gibt auch historische Fallbeispiele für expliziten Wissenschaftsbetrug seitens beispielsweise Lebensmittel- oder Pharmakonzernen.
Die Schlussfolgerung daraus sollte vermutlich nicht sein, grundsätzlich alles abzulehnen, was in offiziellen Leitlinien geschrieben steht. Aber eine Skepsis und ein Vorbehalt demgegenüber ist nicht nur naheliegend, sondern vielleicht auch geboten, wenn es um einen gewissenhaften Umgang mit gesundheitlichen Fragestellungen geht.
Solche Leitlinien sind nicht uneingeschränkt wissenschaftlich – nicht nur ist der aktuelle Wissensstand an sich begrenzt, sondern es ist auch unklar, ob die Leitlinien überhaupt tatsächlich dem zeitgenössischen Wissensstand entsprechen. Leitlinien können aber durchaus als Anhaltspunkt dienen, solange eben der bereits erwähnte Vorbehalt besteht und diese Leitlinien auch kritisch reflektiert werden.



1 Kommentar. Leave new
Leitlinien?
Am besten, man denkt selber nach und recherchiert, wenn es wichtig ist.
Nach Corona/2020ff. glaube ich noch weniger an „offizielle“ Meinungen als vorher.