Kaiser Julian Apostata
Lange hatte ich gezögert, aber natürlich mußte der famose „Kaiser Julian“ früher oder später auch seinen Platz unter den großen Widerständlern meiner Chronik finden – gezögert nicht, weil Julian oder seine Zeit mir an sich irgendwelche Probleme bereitet hätten, sondern weil ich weiß, daß Julian bis heute für viele Neuheiden eine zentrale Identifikationsfigur ist, für viele Christen aber ein Objekt der Ablehnung, und ich mit meiner Behandlung dieser Figur möglicherweise gleich in ein doppeltes Fettnäpfchen treten werde, da ich natürlich alter Gewohnheit zufolge fest vorhabe, es keinen von beiden Recht zu machen.
Dabei ist das, was ich im Folgenden herausarbeiten möchte, keinesfalls wissenschaftlich überaus originell, sondern eher akademischer Konsens; aber oft genug ist es ja so, daß berühmte Persönlichkeiten sowohl bei ihren Anhängern als auch bei ihren Gegner aus genau den falschen Gründen starke Emotionen wecken.
Dies ist auch bei Kaiser Julian nicht anders, denn sein Versuch einer erneuten Festigung des Heidentums, ja vielleicht sogar eines Rückdrängens des Christentums fand im Rahmen einer geistigen Stimmung statt, welche die meisten nicht wahrhaben wollen, da sie sich von Christen- wie Heidentum ein Bild machen, das einem gewissermaßen „idealen“ Zustand entspricht, der damals in dieser Form nicht existierte: Das alte Heidentum, von dem viele Neuheiden noch immer träumen, hatte schon lange aufgehört zu existieren, und das exklusivistische, voll ausgereifte Christentum des abendländischen Mittelalters würde erst in einigen Jahrhunderten entstehen – eine interessante Lektion für alle, die eher die trennenden als die verbindenden Elemente zwischen beiden Religionen betonen.

Der Reserveprinz
331 oder 332 in Konstantinopel geboren, war Kaiser Julian ein Neffe Konstantins des Großen, des ersten römischen Kaisers, der das Christentum dauerhaft begünstigte und den Weg zur Christianisierung des Staates bereitete. Seine Kindheit stand zunächst unter dem Eindruck einer dynastischen Katastrophe: Nach Konstantins Tod 337 wurden zahlreiche männliche Angehörige der kaiserlichen Familie ermordet, um die Herrschaft seiner Söhne Konstantin II., Constans und Constantius II. zu sichern. Zu den Opfern gehörten auch Julians Vater und sein älterer Halbbruder; nur Julian und sein Bruder Gallus überlebten. Die Verantwortung für das Blutbad ist in den Quellen nicht vollständig zu klären; Julian selbst gab später seinem Vetter Constantius II. zumindest die politische Verantwortung dafür. Der etwa sechsjährige Julian blieb damit zugleich Angehöriger wie Gefangener der herrschenden Dynastie.
Bereits seine Erziehung macht klar, wie eng damals klassische Bildung und christlicher Glauben verbunden waren, gehörten zu seinen wichtigsten Lehrern doch der Eunuch Mardonios, der Julian insbesondere mit Homer vertraut machte, dem paganen Bildungsgut par excellence, und der Bischof Eusebios von Nikomedien, der zeitweise seine religiöse Erziehung leitete.
Nach mehreren Ausbildungsjahren in Kappadokien, dann in Konstantinopel und schließlich in Nikomedien erschloß sich ihm zunehmend jene hellenische Bildungswelt, die sein späteres Denken bestimmen sollte, war es doch selbstverständlich, daß auch ein junger christlicher Prinz die klassische Kultur der griechisch-römischen Zivilisation beherrschte. Julien studierte daher Rhetorik und Philosophie und kam zunehmend mit dem Neuplatonismus in Berührung, allen voran durch Maximos von Ephesos, einem Schüler des Neuplatonikers Aidesios von Pergamon, der wie so viele Neuplatoniker Philosophie mit Theurgie verband, also religiösen Praktiken, durch welche die mystische Annäherung der eigenen Seele an die Götter erreicht werden sollte.
Um 351 vollzog Julian dann mit ungefähr zwanzig Jahren seine definitive innere Abkehr vom Christentum seiner Jugend und die Hinwendung zum neoplatonisch geprägten Heidentum, hielt diese Konversion aus politischen Gründen jedoch zunächst geheim.
Sein „Heidentum“ war also keineswegs eine Rückkehr zum alten römischen oder griechischen Götterkult der klassischen Zeit, sondern eine stark neuplatonische beeinflußte Überzeugung, in deren Mitte wie bei allen Neoplatonikern ein philosophischer Monotheismus stand, der symbolisch auf Helios, also den Sonnengott, bezogen wurde, dem Julian auch später seinen Hymnos an König Helios widmete: Alle anderen Götter waren aus dieser Perspektive letztlich nur Emanationen dieses höchsten Einen, so daß auch ihre Mythologie rein philosophisch-symbolisch begriffen werden sollte und sie bestenfalls als Helfer auf dem schrittweisen Weg zur Vereinigung mit dem Einen und Höchsten fungieren konnten, die das Ziel der komplexen Kombination allegorischer Mythendeutung, Opferkult und Theurgie bildeten.
354 hielt Julian sich zum Studium in Pergamon und Ephesos auf, als die Dynastie erneut in eine Krise kam: Sein Bruder Gallus, den Constantius II. 351 zum Caesar und damit zum Unterkaiser für den Osten ernannt hatte, wurde wegen des Verdachts auf Hochverrat abgesetzt und hingerichtet; und auch Julian wurde nach Italien beordert und mehrere Monate in Mailand festgehalten. Da ihm jedoch keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte, durfte er schließlich nach Athen reisen, wo er unter anderem mit den späteren Kirchenvätern Gregor von Nazianz und Basilius von Caesarea zusammentraf und weiter Philosophie studierte. 355 änderte sich sein Leben schlagartig. Constantius II. benötigte angesichts militärischer Schwierigkeiten im Westen einen Angehörigen der Dynastie als Stellvertreter, ernannte den erst etwa vierundzwanzigjährigen Julian in Mailand zum Caesar, verheiratete ihn mit seiner Schwester Helena und schickte ihn nach Gallien.
Feldherr und Kaiser
Die dortige Lage war angesichts der beginnenden Völkerwanderungen schwierig: Zahlreiche Städte am Rhein waren zerstört oder doch bedroht, und insbesondere Alamannen und Franken hatten umfangreiches römisches Gebiet besetzt. Julian, bisher nur als Literat und Philosoph ausgebildet, erwies sich überraschend schnell als erfolgreicher Feldherr: 356 nahm er unter anderem das zuvor verlorene Köln wieder ein und errang 357 bei Argentoratum, dem heutigen Straßburg, seinen bedeutendsten Sieg, bei dem er ein alamannisches Heer unter König Chnodomar schlagen und sogar den König gefangennehmen konnte. Zum erstenmal seit langer Zeit überschritt unter Julian auch ein römisches Heer wieder mehrfach den Rhein, führte Feldzüge in germanisches Gebiet, zwang verschiedene Gruppen zu Friedensverträgen und ging auch gegen die Franken am Niederrhein vor. Bis 359/360 war die römische Rheingrenze wieder stabilisiert; ein überragender Erfolg, der Julian zusammen mit seiner wohldurchdachten Steuer- und Versorgungspolitik gerade in Gallien sehr beliebt machte, gleichzeitig aber auch Constantius II. mißtrauisch werden ließ.
360 verlangte Constantius die Entsendung erheblicher Teile von Julians gallischem Heer für einen Krieg gegen den Iran; die Soldaten aber widersetzten sich und riefen Julian in Paris zum Augustus aus – ob spontan oder von ihrem Feldherrn manipuliert, ist bis heute nicht sicher. Während Julian sich dann 361 mit seinen Truppen nach Osten in Bewegung setzte, um den unabwendbaren Bürgerkrieg zu bestreiten, starb Constantius II. aber überraschend; noch auf dem Sterbebett soll er Julian als Nachfolger anerkannt haben, um Blutvergießen zu vermeiden. Am 11. Dezember 361 zog Julian daher als alleiniger Augustus kampflos in Konstantinopel ein und nahm an den Begräbnisfeierlichkeiten für seinen verstorbenen Vetter teil: In nur sechs Jahren war er vom ewigen Student völlig unerwartet zum Kaiser des Römischen Reichs geworden.
Würde er nun aus strategischen Gründen seine Macht festigen und sich zu diesem Zwecke des Christentums bedienen, wie so viele Herrscher, denen die Macht allemal „eine Messe Wert ist“, religiöse Fragen der Staatsraison unterordneten? Oder würde er um seiner Überzeugungen willen den Konflikt mit der Kirche und große Zwietracht unter den Bürgern riskieren?
Julian wählte Letzteres. Er ließ die heidnischen Tempel wieder öffnen, erneuerte Opfer und Kulte und stellte die Religionsfreiheit für die verschiedensten nichtchristlichen Kulte wieder her; gleichzeitig durften auch zuvor wegen Häresie verbannte christliche Bischöfe aus dem Exil zurückkehren, um somit natürlich heftige innerchristliche Auseinandersetzungen zu provozieren.
Doch das von Julian „restituierte“ Heidentum hatte nur wenig mit der Welt Homers oder Vergils zu tun, denn Julian war nicht nur christlich erzogen, sondern auch ein Kind seiner Zeit und ein Neoplatoniker. Sein „Polytheismus“ stand grundsätzlich unter den Voraussetzungen der spätantiken monotheisierenden Emanationslehre, so daß der Kaiser Ritus und Mythos bestenfalls allegorisch, aber auf keinen Fall konkret verstand. Dabei ging es auch nicht mehr um den formalistischen Respekt des Kults an sich oder die traditionelle vertragliche Beziehung von „gleich zu gleich“ zwischen Mensch und Gott, sondern den Appell, sich über verschiedene initiatorische Stufen auch im eigenen Inneren dem höchsten Prinzip anzunähern und anzugleichen; eine Hinwendung zu Fragen wie „Glauben“ und „Gottessehnsucht“, die bislang nie oder doch nur durch die Mysterienkulte im Zentrum des Paganismus gestanden hatten.
Auch wollte Julian dem Heidentum eine hierarchische und im Kaiser als obersten Pontifex mündende Organisationsstruktur mit Bistümern und Gemeinden geben, die ganz vom Christentum abgeschaut war; dementsprechend sollten heidnische Priester auch ein moralisch vorbildliches Leben führen, was bislang noch nie eine pagane Priorität gewesen war, sich philosophisch bilden und sich vor allem um die Armen, Schwachen und Kranken kümmern, um die karitativen Tätigkeiten nicht ganz den „gottlosen Galiläern“ zu überlassen, die, wie Julian klagte, es wagten, nicht nur ihre eigenen Armen, sondern auch noch die der Heiden zu versorgen – für ihn ein zentrales Element in der Popularität des Christentums. Nächstenliebe und Universalismus, für moderne Heiden in Anlehnung an Nietzsche die „Schwäche“ des Christentums schlechthin, sollten also vom letzten paganen Herrscher ganz bewußt und erzwungen in die heidnische Religionsausübung integriert werden.
Am schlimmsten aber: Julian stritt nicht nur für eine Wiederherstellung des Heidentums, sondern wollte dem Christentum auch seine Rolle im Erziehungswesen nehmen, indem er im Rhetorenedikt von 362 befahl, Lehrer der klassischen Literatur sollten auch unmittelbar an die Götter glauben, von denen es bei Homer, Hesiod oder Vergil nur so wimmelte: Christliche Lehrer konnten dadurch faktisch vom Unterricht der klassischen Literatur ausgeschlossen werden – für eine Gesellschaft, deren gesamte höhere Bildung auf diesen Texten beruhte, die übrigens auch von den Christen hoch geschätzt, wenn auch rein allegorisch gedeutet wurden, ein empfindlicher Eingriff.
Ein weiterer Schlag gegen das christliche historische Selbstverständnis war dann die Erlaubnis gegenüber den Juden, den Tempel von Jerusalem mit kaiserlicher Finanzierung wiederherzustellen; ein offensichtlicher Versuch, Christi Prophezeiung seiner Zerstörung unwirksam zu machen. Mit den Bauarbeiten wurde 363 begonnen; sie kamen jedoch nach Erdbeben, Bränden und schließlich Julians Tod zu einem ebenso unerwarteten wie raschen Erliegen, was von den christlichen Autoren entsprechend als göttliches Zeichen gedeutet wurde.
Wie sehr Julian, der auch den aufgeblähten kaiserlichen Hofstaat zu reduzieren und bei der Elite einen asketischen und philosophischen Lebensstil durchzusetzen versuchte, mit seinen hohen Ansprüchen nicht nur bei den Christen, sondern bald auch bei den Heiden in Ungnade geriet, zeigt exemplarisch sein Aufenthalt in Antiocheia, wo er seit dem Sommer 362 den geplanten Perserfeldzug vorbereitete: Zwischen dem Kaiser und der Bevölkerung kam es bald zu erheblichen Spannungen, und zwar nicht wie sonst, weil man den kaiserliche Prunk kritisiert hätte, sondern im Gegenteil, weil es der Herrscher war, der den Luxus, die Vergnügungssucht und den mangelnden religiösen Ernst der übrigens weitgehend christlichen Antiochener anprangerte, die ihn dann ihrerseits aufgrund seines anachronistischen Philosophenbarts, seiner paganen Opferleidenschaft und seines asketischen Lebensstils verspotteten, so daß der Kaiser Anfang 363 den Misopogon, den „Barthasser“, eine ungewöhnliche bissige Schrift veröffentlichte, in der er unter dem Gewand einer (völlig humorlosen) Satire seine Kritiker angriff – auch dies eine gänzlich andere Situation als die häufig unterstellte Opposition zwischen „lebenslustigen Heiden“ und „leibfeindlichen Christen“.
Im März 363 begann Julian schließlich seinen großen Feldzug gegen das Sassanidenreich und zog mit einem Heer von rund 65.000 Mann nach Mesopotamien, wo er nach mehreren erfolgreichen Gefechten die persische Hauptstadt Ktesiphon erreichte, auf eine Belagerung der stark befestigten Metropole aber verzichtete und vielmehr auf den Spuren Alexanders ins persische Landesinnere vorzustoßen suchte – ein schwerer strategischer Irrtum, da die Perser eine Entscheidungsschlacht mieden und die Versorgungslinien der Römer immer mehr unter Druck setzten, bis der Kaiser den Befehl zum Rückmarsch gab, bei dem er am 26. Juni 363 bei einem Scharmützel von einem Speer schwer getroffen wurde und im Alter von nur ungefähr zweiunddreißig Jahren starb: Ob die Waffe vom Feind oder vom Freund stammte, war schon in der Antike umstritten. Nach Julians Tod jedenfalls wählte das Heer den christlichen Offizier Jovian zum Nachfolger, der einen ungünstigen Frieden schließen mußte, dadurch aber immerhin die Reste des Heeres evakuieren konnte: Damit endete Julians rund zwanzigmonatiger Versuch einer Wiederherstellung des Heidentums weitgehend folgenlos, und das Kaisertum wie das Reich blieben fortan christlich.
Heidentum und Christentum
Aber, so wird man sich wohl angesichts der vielen Nuancen des obigen Lebensbilds fragen müssen, hätte es so viel geändert, wäre Julian länger an der Macht geblieben und das Christentum schrittweise in die Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt? Ganz allgemein gesprochen hätte das hieraus resultierende Heidentum wohl größere Schnittmengen mit dem Christentum besessen, als es Christen und Heiden heute (und damals) lieb sein dürfte. Ob es sich nun um die monotheistische Zuspitzung des Kults auf einen einzigen transzendenten Gott handelt, das Herunterspielen von Mythos und Polytheismus auf die Rolle bloßer philosophischer Allegorien, die theologische Unterfütterung des Glaubens durch den Neoplatonismus, die Wende vom Ritus zur Innerlichkeit, die hierarchische Organisation der Religion in Form einer „Kirche“ mit verschiedensten territorialen Sprengeln, die Instrumentalisierung von Religion als Mittel zur Durchsetzung der kaiserlichen Autorität und natürlich die Zuspitzung des Kults auf karitative Aktivitäten – spätantikes Heidentum und spätantikes Christentum scheinen aus der entsprechenden historischen Distanz einander erheblich ähnlicher zu sein, als dies gemeinhin angenommen wird.
Und natürlich war es nicht nur so, daß das Heidentum aufgrund seiner Konkurrenz viele „christliche“ Züge angenommen hat, sondern auch, daß zahlreiche Elemente des Heidentums im Laufe der Jahrhunderte in das Christentum integriert worden waren und in dieser Form bis heute fortgelebt haben. Aus dieser Perspektive hat die heidnisch-christliche Auseinandersetzung der Spätantike nur bedingt gesehen zum „Sieg“ der einen über die anderen geführt; ebenso richtig wäre es zu sagen, daß das Resultat in vielerlei Beziehung eine Synthese der beiden Ansätze ist – in gewisser Weise ist es also so, daß zumindest ein Teil des „Julian’schen“ Programms in der Tat bis heute integraler Bestandteil des Christentums geworden ist, mit der Folge, daß Neuheiden, überspitzt ausgedrückt, eigentlich eher im Katholizismus die ungebrochene Fortsetzung ihrer eigenen „Religion“ suchen sollten als in weitgehend fiktiven und künstlichen „Rekonstruktionen“ eines Status quo ante, der nicht nur in dieser Form nie wirklich existiert hat, sondern der eben auch aus weitgehend freien Stücken im spätantiken Christentum aufgegangen ist.
Was aber können wir aus diesen Überlegungen als Anregungen für unsere Zeit festhalten? Manchmal sind die Grenzen zwischen dem „eigenen“ und dem „anderen“ ungewollt durchlässiger, als dies auf den ersten Blick scheinen mag; und manchmal ist sogar der Sieg des eigenen nichts anderes als ein Meilenstein auf dem Triumphzug dessen, was man auf jeden Fall verhindern will.
Auch bewirkt die Auseinandersetzung verschiedener Ideen nicht immer, daß diese sich zwangsläufig zunehmend schärfen und voneinander abgrenzen; ganz im Gegenteil bewirkt die ständige Diskussion um dieselben Fragen manchmal eine ungewollte zunehmende Abstimmung, was die Art der Fragestellung, die Form des Disputs und die Bewertung der Argumente betrifft, so daß Positionen, die ursprünglich grundverschieden waren, mit der Zeit bloß zu zwei komplementären Ausrichtungen derselben grundlegenden Schule werden können – und das umso einfacher, wenn ein dritter Konkurrent hinzutritt und die schon lange routiniert miteinander fechtenden Kontrahenten ungewollt zusammenschweißt.
Ob es nun um Parteien geht, die sich im Kontakt mit der Macht zu Spiegelbildern dessen entwickeln, was sie jahrelang bekämpft haben, Philosophenschulen, die irgendwann einmal ihre Divergenzen gar nicht mehr inhaltlich verstehen, oder konkurrierende Kunststile, die letztlich allesamt in derselben Technik enden – immer wieder zeigt sich, daß hinter der scheinbaren „Freiheit“ des Individuums historische Kräfte am Werk sein können, die zwar verschiedene Wege erlauben, die meisten aber früher oder später doch in dieselbe Richtung führen.
Wer auch immer sich daher dem Zeitgeist entgegenstemmt, sollte sich dieses Risikos bewußt sein und gut überlegen, ob es das Opfer wert ist, nur aufgrund des Willens zum Sieg zu dem zu werden, was er bekämpft.


