Kein Fall mehr für zwei

Der aufmerksame Leser erinnert sich: Ich habe ein romantisches, vielleicht sogar verkitschtes Verhältnis zu Frankfurt am Main, was nicht zuletzt auch die jüdische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf erfahren durfte, als sie zu Gast am Stammtisch des Sandwirts war. Malca selbst ist in Mainhattan aufgewachsen, hat jedoch kein so romantisches und noch weniger ein verkitschtes Verhältnis zur größten Stadt Hessens, was natürlich auch dem Unterschied geschuldet ist, dass ich einfach im Hotel des Stadtviertels meines Vertrauens (Westend) absteige und dann auch wieder gehe, während Frankfurter nunmal die meiste Zeit ihres Lebens dort leben. Sonst wären sie ja keine Frankfurter, sondern Nürnberger, Bielefelder oder Klein-Eutiner.

Meine Affinität zur Stadt mit den hohen Türmen liegt einerseits an einer affaire de coeur, andererseits aber auch in meiner Kindheit. Ich fand als kleiner Stöpsel alles toll, was aus Frankfurt war. So natürlich auch TV-Serien. Da wäre einerseits „Ein Fall für zwei“, in dem sich ein unglaublich cooler Privatdetektiv namens Josef Matula und ein wahnsinnig erfolgreicher Strafrechtler abwechselten, fast 40 Jahre lang! 

Skyline Von Frankfurt Am Main, Deutschland, Panorama

Das war ein Duo der besonderen Art und eine der wenigen Krimiserien, in denen Polizisten und Staatsanwälte in aller Regel als borniert, kleingeistig und moralisch unausgewogen dargestellt werden. Die Serie gefällt mir auch heute noch, denn sie erinnert mich an eine sorgenlose, freiere Zeit, die nicht in den Fängen einer kruden politischen Korrektheit steckt, die die meisten belächeln, aber der sich viele unterwerfen.

Ein Beispiel: Natürlich wurde in „Ein Fall für zwei“ geraucht. Zwar hörte Detektiv Matula in der Serie schon sehr früh auf und die anwaltlichen Freunde s rauchten pätestens ab Dr. Voß überhaupt nicht, trotzdem war es in der Kanzlei im 26. Stock des City Gates im Nordend völlig normal, dass der Rechtsbeistand dem Klienten, der bereits die Zigarette angezündet hat, hastig den Aschenbecher aus einer Schublade zur Verfügung stellt. Das änderte sich in einer der letzten Staffeln, die heute mit völlig anderen Darstellern völlig anders fortgesetzt wird, als eine Mandantin wieder im 26. Stock eine Zigarette auspackt: Anwalt Dr. Lessing stellt ihr nicht etwa einen Aschenbecher zur Verfügung, sondern es folgt ein Schnitt und beide sind auf dem Dach des Turms zu sehen, damit die Dame rauchen kann.

Heute undenkbar 

Ähnlich verhielt es sich auf der Polizeiwache. Wie völlig selbstverständlich rauchten Kommissare sowie der Verdächtige, bis ein findiger Beamter irgendwann und wiederum in den letzten Staffeln auf ein Zeichen hinwies, das unmissverständlich klar machte, dass hier Rauchen nicht erwünscht ist. 

Was ist passiert? Im Jahr 2007 wurde in Hessen das Rauchverbot, beispielsweise in Behörden, eingeführt. Die Serie „Ein Fall für zwei“ und viele andere Programme, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk liefen, dienten auch als willfähriger Bote, dass der Staat wieder einmal ein bisschen Freiheit entzieht, um diese Nachricht den Gebührenzahlern nahezubringen.

Je länger Serien in die heutige Gegenwart laufen, desto offensichtlicher kommt der Erziehungsanspruch der Showrunner, die das Ohr ganz nah an den Herrschenden zu haben scheinen, deutlich zum Vorschein. Eine Szene wie die von Anwalt Dr. Voß und Detektiv Josef Matula, wie sie im Jahr 2000 gedreht wurde, wäre heute undenkbar: Der Privatdetektiv befragt im Frankfurter Rotlichtviertel eine Professionelle. Um überhaupt ins Gespräch zu kommen, muss Matula die Prostituierte entsprechend ihrem Stundensatz bezahlen. Zum Ende der Befragung hin bietet die Lady ihm „etwas Französisches an“, damit das ausgegebene Geld nicht ganz umsonst ausgegeben wurde. Der Detektiv lehnt ab, natürlich, denn er ist ein Gentleman. In der Kanzlei erzählt Matula seinem Anwaltsfreund die Geschichte, der nur antwortet: „Aber ich verstehe nicht, warum du ihr Angebot abgelehnt hast. War sie so hässlich?“

Ein solcher Dialog, sicherlich nicht der geistreichste in der Geschichte des Films, aber durchaus nahe an der Realität, wäre heute undenkbar. Würde das ZDF so etwas ausstrahlen, hätten wir womöglich eine erneute, ermüdende #MeToo-Debatte darüber, wie denn Männer mit Frauen zu reden hätten, als ob Frauen generell schützenswerte, fast schon behinderte Wesen seien, die sich kraft ihres Seins gar nicht wehren können. Dies stimmt allenfalls in körperlichen Auseinandersetzungen, sicherlich aber nicht in den Dialogbüchern von Krimiserien, deren Rolle die Frau ja freiwillig angenommen hat. So schlimm kann das ja nicht sein.

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Am Ende leiden alle 

Es wird aber schlimm, gerade wenn man einen aktuellen Ausflug ins medial-politische Gagaland wagt; Stichwort Christian Ulmen. Ein Schauspieler, der mit „Mein bester Freund“ bekannt geworden ist, einer von Pietät, Kunst, Anspruch und Humor befreiten und daher hingerotzten Reality-Serie, eben jener Schauspieler, der dann noch bekannter wurde, als er sich in „Good Bye, Lenin!“ an einer hübsche Verharmlosung der DDR beteiligt hat, dieser Schauspieler soll eine mir bis dato völlig unbekannte Ehefrau, die einst bei Viva moderiert hat (wer heute noch Viva schaut, der werfe den ersten Stein), digital vergewaltigt haben … 

Ich habe keine Ahnung, was eine digitale Vergewaltigung sein soll, aber das ist offenkundig das geistig-mediale Niveau einer völlig hysterischen und im Kern unpolitischen Gesellschaft, deren liebstes Thema zu sein scheint, was Herr Mittelmaß und Frau Unbekannt so alles gemacht haben sollen. Dinge wie Unschuldsvermutung sind diesen Gossip-Girls völlig fremd, solange es sie nicht selbst trifft.

Das alles trifft auf „Ein Fall für zwei“ oder „Die Kommissarin“, auch in Frankfurt gedreht und mit der großartigen Hannelore Elsner in der Hauptrolle, freilich nicht zu. Gerade letztere Serie wäre für Feministinnen dieser Zeit ein grandioses Beispiel, war doch die gebürtige Oberbayerin die erste weibliche Ermittlerin in ihrer eigenen Serie. Das passierte gar nicht spektakulär, einfach weil es gar nicht spektakulär war, dass eine Frau eine Ermittlung leitete. Es war damals lediglich unüblich, aber es hätte genauso in der Realität passieren können. Eine Selbstverständlichkeit, die viele aktuellen Serien vermissen lassen, wo gestellt und gestelzt alle möglichen Klischees und Randgruppen in einen Plot gepresst werden, damit auch jede Minderheit sich vertreten fühlt. 

Am Ende leiden alle: der Zuschauer, weil die Sendung schrecklich ist, die Randgruppe, weil sie veralbert wird, und der Gebührenzahler, weil er diesen Unsinn auch noch finanzieren muss. Nennen Sie mich reaktionär, aber da sind mir alte Folgen von „Ein Fall für zwei“ lieber, in denen sich zwar ob des krummen Plots der geneigte Jurist an den Kopf fasst, es jedoch immerhin keine politisch korrekt gestrickten Drehbücher gab, die am Ende der Abschaffung der Freiheit des Einzelnen zugunsten eines diktatorischen Kollektivismus Vorschub leisten.

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