Kernkraft: Verbote gehören verboten

Unternehmen Zuversicht #8

Es war einmal auch in Deutschland, da galt die Kernenergie als eines der großen Versprechen für eine reiche, lebenswerte Zukunft. Billiger Strom für alle, keine rußenden Schlote mehr, die ganze Landstriche einhüllen, keine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und damit Unabhängigkeit von Ländern, in denen Öl gefördert wird. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren sich die Menschen sicher und ich habe diese technologiegetriebene Begeisterung als Kind eines produzierenden Unternehmers miterleben können: Kernkraftwerke werden die Welt revolutionieren. Und tatsächlich, in den ersten Jahrzehnten lief alles nach Plan. Reaktoren wurden gebaut, der Strom war günstig, die Euphorie groß. 

Doch heute stehen Sie und ich vor einer ganz anderen Realität. Kernenergie hat, vor allem bei uns, einen sehr schlechten Ruf. Sie ist gesellschaftlich und politisch umstritten. Zudem ist ihre Nutzung, vom Bau der Kraftwerke bis hin zur Entsorgung des radioaktiven Mülls, enorm kostspielig.

Was ist passiert? Warum hat sich eine Technik, die so viel Potenzial hatte, nicht durchgesetzt? Und wie können wir dieses Potenzial in Zukunft besser nutzen?

Warum Kernkraft scheiterte 

Um verständlich zu machen, warum die Kernenergie scheiterte, möchte ich kurz skizzieren, wie sie funktioniert. Denn dann wird klarer, weswegen Kernenergie zu Beginn ihrer Geschichte so vielversprechend war. 

Das Grundprinzip ist einfach: Wird ein Uran-235-Kern von einem Neutron getroffen, spaltet er sich in zwei kleinere Kerne. Diese Spaltprodukte fliegen mit hoher Geschwindigkeit auseinander und stoßen dabei auf andere Atome – dabei entsteht Wärme. Zusätzlich geht bei der Spaltung ein kleiner Teil der Masse verloren. Nach Einsteins Formel E = mc² wird diese Masse in Energie umgewandelt. Jede Spaltung setzt neue Neutronen frei, die weitere Kerne spalten können. So entsteht eine Kettenreaktion, die in Kernkraftwerken kontrolliert zur Stromerzeugung genutzt wird.

Doch hier kommt das erste Problem. Eine unkontrollierte Kettenreaktion endet in einer nuklearen Explosion – das Prinzip der Atombombe. In einem Kernreaktor muss die Reaktion also genau gesteuert werden. Das geschieht mit Steuerstäben, die Neutronen absorbieren und die Reaktion abbremsen können. Außerdem braucht man ein Kühlmittel, meistens Wasser, um die enorme Hitze abzuführen. Und genau hier beginnt das Drama der Kernenergie: Sicherheit, Kontrolle, Kühlung – wenn da etwas schiefgeht, dann richtig.

Der erste große Schock kam mit Three Mile Island 1979. In den USA, dem Land mit den meisten Kernkraftwerken, zeigte sich erstmals, dass die Technik nicht unfehlbar war. Ein schwerer Unfall, eine teilweise Kernschmelze, und das Vertrauen begann zu bröckeln. Doch es war Tschernobyl 1986, das alles veränderte. Plötzlich wurde die zivilgenutzte Atomkraft nicht mehr nur als technisches Wunderwerk gesehen, sondern als tickende Zeitbombe. Der Glaube an die absolute Sicherheit der Reaktoren war zerstört. Und dann, als sich die Wogen wieder etwas geglättet hatten, kam Fukushima 2011 – der endgültige Sargnagel für viele Atomprogramme weltweit.

Atomkraftwerk Fukushima In Japan

Doch Fukushima war nicht nur ein nuklearer Unfall – Fukushima war ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Kernenergie. In einer ungemein erhellenden Folge der Energiegespräche von Eduard Heindl beschreibt Dr. Thomas Petersen, wie die öffentliche Meinung zur Kernkraft über Jahrzehnte hinweg durch eine langfristige, oft negative Medienberichterstattung geprägt wurde. Framing, Selektion und die Gatekeeper-Funktion – die Medien haben ihre Möglichkeiten, Meinungen zu bilden, genutzt. So haben sie durch Auswahl und Art der Darstellung von Informationen entscheidend beeinflusst, wie die Menschen in Deutschland die Gefahren und Vorteile der Kernenergie sehen. In diesem Klima wurde Fukushima dann zu dem endgültigen Moment, der die politische Durchsetzbarkeit der Kernkraft in Deutschland beendete. 

Das Ende der Kernenergie war nicht unbedingt eine rein vernünftige Entscheidung, sondern wurde vor allem dadurch beeinflusst, dass die Medien über Jahre eine ablehnende Haltung gegenüber Atomkraft verstärkt haben.

Aber es waren nicht nur Unfälle und die Medienberichterstattung, die der Kernenergie das Genick brachen. Es war auch das, was danach kam: immer strengere Sicherheitsauflagen, immer höhere Kosten, immer längere Bauzeiten.
Was früher in fünf oder zehn Jahren gebaut wurde, dauerte schließlich zwanzig oder dreißig Jahre – wenn der Neubau eines Kernkraftwerkes überhaupt fertig wurde. 

Dies war nicht nur eine Folge der technischen Entwicklung, die zu immer längeren Bauzeiten führte, sondern die beabsichtigte Wirkung eines gezielten politischen Prozesses: Atomkraftgegner und grüne Parteien haben über Jahrzehnte hinweg ein regulatorisches System geschaffen, das den Bau neuer Kernkraftwerke immer weiter verteuert und verzögert.

Ein besonders deutliches Beispiel bietet die Entwicklung in den USA: Mit der Gründung der Nuclear Regulatory Commission (NRC) im Jahr 1975 trat an die Stelle eines pragmatischen Genehmigungssystems eine zunehmend ideologisch geprägte Regulierungsbürokratie. Die NRC erschwerte selbst den Bau bewährter Druckwasser- und Siedewasserreaktoren durch überkomplexe Auflagen, endlose Verfahren und laufende Nachforderungen. Viele Projekte scheiterten nicht an technischen Herausforderungen, sondern an der regulatorischen Unsicherheit, die Investoren abschreckte und Projekte über Jahrzehnte verzögerte oder zum Scheitern brachte.

Der Umweltaktivist und Autor Michael Shellenberger kritisierte in einer Anhörung vor dem US-Kongress 2020, dass die Kernenergie in den USA vor allem aufgrund übermäßiger, störender Regulierung teurer sei als notwendig. Diese Überregulierung sei eine Folge unbegründeter öffentlicher Ängste. Statt Innovation zu ermöglichen, verhindere die derzeitige Regulierungslandschaft den wirtschaftlichen Bau selbst sicherer und bewährter Reaktortypen.

Auch der Energieexperte Robert Bryce macht deutlich, dass es vor allem die politischen und bürokratischen Hürden sind, die den Ausbau der Kernenergie blockieren, nicht etwa ein Mangel an Technologie oder Know-how. Die Sicherheitsaufsicht sei in den USA zu einem faktischen Verhinderungsinstrument geworden – mit fatalen Folgen für Versorgungssicherheit, Klimaziele und wirtschaftliche Entwicklung.

Ein System, das leider blind ist – und blind macht – für Fortschritte in der Technik, die Risiken minimieren und die Probleme der bisherigen zivilen Nutzung der Kernenergie lösen können.

Die Geschichte der Kernkraft ist nicht zu Ende

Denn es gibt eine neue Generation von Kernkraftwerken: Schnelle Brüter und Flüssigsalzreaktoren. Diese Reaktoren sind sicherer, effizienter und können sogar Atommüll als Brennstoff nutzen. Das heißt: Anstatt radioaktiven Abfall zu erzeugen, bauen sie sogar bereits vorhandenen Atommüll ab und gewinnen dabei Energie. Die Umweltauswirkungen sind minimal, der Ressourcenverbrauch winzig im Vergleich zu Wind- und Solarparks, die gigantische Mengen an Fläche, Stahl, Beton und seltenen Erden verschlingen.

Besonders die Flüssigsalzreaktoren bieten revolutionäre Vorteile. Anders als herkömmliche Kernkraftwerke, die feste Brennstäbe verwenden, ist der Brennstoff hier in flüssigem Salz gelöst. Dadurch können während des Betriebs die Spaltprodukte – also der Atommüll – kontinuierlich entfernt werden. Der Brennstoff wird bei diesem Verfahren nahezu vollständig genutzt, und es entstehen keine stark radioaktiven, langlebigen Abfälle.

Wird Thorium als Brennstoff verwendet, so wird es durch Neutronenbeschuss in Uran-233 umgewandelt und dadurch spaltbar. Das Ergebnis: Die Energieausbeute wird drastisch erhöht, und gleichzeitig wird der anfallende Atommüll auf ein absolutes Minimum reduziert.

Weltweit gibt es einige vielversprechende Ansätze, um die Geschichte der Kernenergie fortzuschreiben. Ein Konzept, das mich besonders überzeugt hat – und wenn Sie meine Biographie kennen, wird Sie das nicht überraschen – stammt von Copenhagen Atomics.

Das dänische Unternehmen entwickelt einen Flüssigsalzreaktor, der Strom für 2 Cent pro kWh erzeugen soll. Noch beeindruckender finde ich die Brennstoffeffizienz: Diese ist über 1.000-mal besser als bei heutigen Leichtwasserreaktoren. Das bedeutet weniger Abfall, weniger Kosten, weniger Abhängigkeit von geopolitischen Rohstofflieferketten.

Auch in puncto Sicherheit bietet die Technologie entscheidende Vorteile: Flüssigsalzreaktoren arbeiten bei niedrigem Druck und benötigen keine aktiven Notkühlsysteme. Im Notfall stoppen die Umwälzpumpen, und das radioaktive Salz fließt durch Schwerkraft in einen gesicherten Auffangtank, wo es erstarrt und sicher auskühlt. Dank physikalischer Rückkopplung sinkt bei steigender Temperatur automatisch die Reaktivität, eine unkontrollierte Überhitzung ist damit ausgeschlossen. Das verwendete Salz ist nicht brennbar, verhindert Explosionen und macht Druckunfälle unmöglich. Der Reaktor ist intrinsisch sicher, er stabilisiert sich selbst, ganz ohne menschliches Eingreifen.

Doch was mich vor allem an diesem Konzept beeindruckt hat, ist die Fertigungsstrategie: Copenhagen Atomics plant, einen Reaktor pro Tag zu produzieren – schneller als jede bisher bekannte Technik. 

Während herkömmliche Atomkraftwerke Jahrzehnte bis zur Inbetriebnahme benötigen, setzt Copenhagen Atomics auf modulare Serienfertigung im industriellen Maßstab. Ein großer Teil der Lieferkette ist bereits vorhanden, das ermöglicht einen deutlich schnelleren Ausbau.

Ein erster entscheidender Meilenstein ist für 2027 geplant: Am Paul Scherrer Institut (PSI) in der Schweiz soll dann erstmals die Kernspaltung in einem Flüssigsalzreaktor dieses Typs praktisch erprobt werden.

Sie sehen: Das ist längst kein theoretisches Zukunftsprojekt mehr, es geschieht bereits. Und die Vorteile dieser neuen Reaktorgeneration sind in jeder Hinsicht überzeugend.

Simon Michaux berechnete in seinen Analysen, dass neue Technologien wie Flüssigsalzreaktoren 116-mal weniger Bergbau erfordern und 636-mal weniger Atommüll produzieren als aktuelle Leichtwasserreaktoren. Das ist ein Quantensprung in Sachen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung – und für mich ein weiterer klarer Beweis, dass Kernenergie nicht nur eine Option ist, sondern die beste verfügbare Lösung der Energieerzeugung für die Zukunft.

Ein oft übersehener Vorteil der neuen Reaktorgeneration: Sie erzeugt nicht nur Strom, sondern kann auch bestehende Atommüllbestände verwerten. Der Flüssigsalzreaktor von Copenhagen Atomics ist in der Lage, langlebige und besonders gefährliche Spaltprodukte – wie Plutonium und andere schwere Aktiniden – aufzunehmen und energetisch zu nutzen.

Statt für Jahrtausende eingelagert zu werden, werden diese hochradioaktiven Stoffe im Reaktor weiterverwendet – aus dem Problemstoff wird ein Energieträger. Die gefährlichsten Bestandteile des Atommülls werden nicht vergraben, sondern im Reaktor aufgebraucht.

Kaum bekannt, aber entscheidend: Der sogenannte Atommüll aus heutigen Leichtwasserreaktoren enthält noch rund das Zehnfache an ungenutzter Energie. Dieses gewaltige Potenzial macht Copenhagen Atomics mit seiner Technologie erstmals nutzbar.

Was bislang als reines Entsorgungsproblem galt, wird so zur wertvollen Energiequelle von morgen.

Auch sogenannte Schnelle Brüter bieten enormes Potenzial: Sie nutzen nicht nur das spaltbare Uran-235, sondern auch das weitgehend ungenutzte Uran-238, das über 90 Prozent des Brennstab-Inhalts ausmacht.

Das Ergebnis: Der Bedarf an geologischen Endlagern würde dramatisch sinken. Statt Hunderttausenden Jahren Lagerdauer bleiben nur wenige Hundert übrig – mit deutlich kleinerem Volumen, geringerer Strahlung und überschaubaren Sicherheitsanforderungen. Was heute als eines der größten ungelösten Probleme der Kernkraft gilt, wird technisch lösbar.

Mit Energie in die Zukunft

Ein „totes Pferd“, so nannte Ex-Kanzler Olaf Scholz die Kernenergie und brachte damit das Negativ-Narrativ auf den Punkt, das bei uns in Deutschland herrschte und herrscht. Das immer noch medial genährt wird: „Kernenergie gehört verboten! Basta. Aus. The Story ends!“

Doch es sind neue Helden auf der Bildfläche erschienen, mit der neuen Generation von Kernkraftwerken kann diese Geschichte als Erfolgsgeschichte fortgeschrieben werden. Flüssigsalzreaktoren und Schnelle Brüter ermöglichen eine nahezu unbegrenzte, sichere und kostengünstige Energieversorgung. Sie reduzieren den Bedarf an Rohstoffen, senken die Umweltbelastung und machen das Land unabhängig von Energieimporten.

Wenn Deutschland die Option Kernenergie nicht endgültig verspielen will, braucht es einen klaren politischen Kurswechsel – und einen regulatorischen Neuanfang. Statt eines Systems, das allein auf Rückbau und Verhinderung ausgerichtet ist, braucht es eine neue, zentrale Genehmigungsbehörde, die technologieoffen, wissenschaftlich fundiert und effizient arbeitet.

Doch der Rahmen darf nicht an den Landesgrenzen enden. Deutschland sollte sich aktiv für eine paneuropäische Lizenzierungsinstanz einsetzen – eine EU-weit anerkannte „European Nuclear Innovation Agency“. Eine solche Behörde würde gemeinsame Standards definieren, digitale Prüfverfahren etablieren und verbindliche Zeitrahmen setzen. So könnten moderne, inhärent sichere Reaktorkonzepte in allen Mitgliedstaaten zügig und einheitlich zugelassen werden, ohne dass jeder Staat das Rad neu erfinden muss.

Diese europäische Lösung schafft Skaleneffekte, bündelt Fachwissen und gibt Investoren Rechtssicherheit. Genau das, was nötig ist, um den Standort Europa im globalen Wettbewerb zu stärken. Gleichzeitig behält Deutschland die Möglichkeit, eigene Schwerpunkte zu setzen und sein bestehendes Know-how einzubringen.

Das Know-how ist vorhanden, an Universitäten, Gutachterstellen, Forschungszentren und bei erfahrenen Betreibern. Es muss gezielt reaktiviert und weiterentwickelt werden, bevor es ins Ausland abwandert oder ganz verloren geht.

Ein innovationsfreundlicher, EU-weit harmonisierter Regulierungsrahmen würde Investitionen, Forschung und industrielle Dynamik auslösen: zum Nutzen von Energieversorgung, Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität Europas.

Dieser Beitrag ist ein Kapitel aus dem Buch „Unternehmen Zuversicht. 12 gute Gründe, warum die besten Jahre Deutschlands noch vor uns liegen” von Wilfried Hahn, das in der Edition Sandwirt erschienen ist und das Sie überall im Buchhandel und hier im Shop des Sandwirts kaufen können. 

„Zuversicht ist kein Gefühl, das man einfach hat. Sie ist eine Haltung, die man sich erarbeitet.” 

Wilfried Hahn

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