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Bist du auch schon mal verdächtigt worden einen Text nicht selbst geschrieben zu haben? Kennst du den Verdacht gegen gutes Schreiben? Hast du auch schon mal gehört „Das klingt nach KI“?
Stell dir mal folgenden Spin vor: Du lässt dir von einer KI einen Text schreiben, jemand wirft dir vor, deine Texte klängen nach KI, seelenlos, und jetzt lässt du ausgerechnet eine KI einen Essay darüber schreiben, wie die KI die Eigenständigkeit von Autoren bedroht, sie unter fortwährenden Verdacht der Fakerei stellt. Das wäre doch mal eine Satire auf den Literaturbetrieb, oder? Jetzt kannst du dich als Leser dieses Textes bis zum Schluss fragen, wer hier schreibt. Der Autor oder seine KI?
Dahinter steckt eine leider sehr ernste Frage. Wann ist KI ein Werkzeug des Autors, wann und wie und wo ist sie überhaupt ok und wann wird der Autor zum bloßen Herausgeber der Maschine? Wann verlernen wir das Schreiben und das Lesen und das Erkennen? Wann lagern wir unsere Seele aus?
Ich denke wir müssen mal darüber reden, wie künstliche Intelligenz das Schreiben verändert. Bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Als mir der Vorwurf KI zu nutzen entgegengebracht wurde, musste ich erst lachen. Dann aber blieb mir das Lachen im Halse stecken. Ich benutze nämlich inzwischen tatsächlich KI. Zum Zeichenzählen zum Beispiel. Wenn man unter 10.000 Zeichen bleiben muss, damit ein Leser am Ball bleibt, ist KI superpraktisch. Für Kommafehler auch.
Ich benutze sie aber auch für Recherchen, zum Überprüfen von Zusammenhängen, manchmal auch zum Gliedern und Strukturieren von Gedanken. So wie ich früher Wörterbücher, Lexika, Suchmaschinen oder meine Freundin als Lektorin genutzt habe. Heute schon genug, um unter Verdacht zugeraten?
Wer flüssig schreibt, wem es aus den Fingern fließt, wer in Bildern schreiben kann, weil er so denkt, sich nicht alle drei Zeilen verheddert und glatt klingt, der muss eine Maschine sein? Das ist eine ziemlich beschissene Entwicklung für Autoren und Leser. Mir als Informatiker hat man ewig eingetrichtert präzise zu formulieren. Und jetzt fällt es mir auf die Füße, wenn ich zu präzise formuliere?
Ein Autor ist jemand, der etwas zu sagen hat. Niemand der einfach nur Wörter aneinanderreiht. Er ist kein lebend tippendes Large Language Model. Einem guten Text versucht man eine Haltung zu geben. Die kann z.B. Woke, Anti-Woke oder genervt vom Begriff Woke und all den Schubladen sein. Das kann der Leser lesen. Wir werden alle noch ein Gespür dafür entwickeln und die KI-Muster in Texten erkennen lernen. Oder die KI ist schneller. Wird spannend.
Es geht also um eine technische Frage und eine gesellschaftliche Frage. Die Technik beseitigt Fehler. Aber auch die Seele. Solange sie selbst keine Seele und kein Bewusstsein hat.
Es gibt zwar Muster und Indizien, aber Beweise sind schwer. Ein Autor kann genau wie eine KI schreiben. Von wem lernt KI? Auch Erkennungssoftware ist nicht unfehlbar. Ein Mensch der behauptet er könne KI erkennen, könnte seine Fähigkeiten überschätzen. Am Ende bleibt der Generalverdacht. Wie gesagt, eine beschissene Entwicklung. Würde KI eigentlich beschissen sagen?
Es wäre traurig und absurd, wenn ausgerechnet eine Technologie, die das Schreiben erleichtern soll, dazu führt, dass Autoren ihre Urheberschaft permanent rechtfertigen müssen. Politisch wird es besonders gefährlich, wenn Meinung aus der Textfabrik kommen könnte. Next Level KI-Propaganda? Das moderne Flugblatt? Schlag auf Schlag. Ohne Pause. In einem Affentempo. Dann erscheint eine KI-generierte Meinung irgendwann wie eine Mehrheit und entscheidet im demokratischen Prozess? Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen. Oder doch. Ich will es. Denn ich sehe die Gefahr. Wir sind alle manipulierbar.
Entscheidend ist nicht die Technologie für sich allein. Ihre mißbräuchliche Verwendung und Intransparenz sind es. Und die Tatsache, dass wir als Leser quasi alle noch in der Grundschule der KI-Nutzung sind und es keine richtigen Lehrer gibt.
Ob wir wollen oder nicht, wir werden wohl künftig nicht mehr an KI vorbeikommen und uns ihr stellen müssen. Für Autoren kann sie bei aller Kritik aber auch ein außerordentlich nützliches Werkzeug sein. Wer häufig politische Essays schreibt oder seine politischen Gegner ärgern will, Quellen recherchieren, Gesetzestexte vergleichen oder Dinge zusammentragen und neue Infos in seinen Text patchen … Früher stundenlange Sucharbeit. Heute eine KI-nderspiel. Der Autor muss seine Quellen trotzdem immer prüfen. Dass KI gerne mal halluziniert wissen inzwischen die meisten Nutzer.
Für mich persönlich bleibt eine gute Hilfe. Mein persönlicher Watson. Aber einen digitalen Ghostwriter möchte ich nicht. Ich schreibe ja gerne. Meine persönliche Motivation ist z.B. Schreiben um des Schreibens Willen. Ich lerne mich selbst beim Schreiben besser kennen. Setze mich mit Themen auseinander und habe bisweilen am Ende eines Artikels ein anderes Bild und eine andere Meinung als zu Beginn des Schreibens. Schreiben ist für mich ein Akt der Selbsterkenntnis. Den kann KI mir nicht ersetzen.
Wo ich das hier schreibe, muss ich aber wieder an die 10.000 Zeichen denken. Die Diktatur der 10k Zeichen kastriert meine Schreibe manchmal. Aber sie diszipliniert mich auch. Und macht mein Geschreibsel für den Leser erträglicher und kurzweiliger. Er bleibt am Ball. Bist du noch da?
Redaktionen haben auch nur begrenzten Platz. Ob gedruckt oder online. Es geht also nicht darum, ob ein Gedanke mehr oder weniger wert ist, weil er mehr oder weniger Raum einnimmt. Es geht um Prioritäten. Die müssen wir im Umgang mit KI, Autoren und Lesern jetzt finden und setzen. Die TikTokisierung der Gesellschaft hat auch dazu geführt, dass die Aufmerksamkeitsspannen kürzer geworden sind. Stundenlanges Scrollen in einem Text ist für viele eine Zumutung geworden. Dafür sind viele einfach zu ungeduldig geworden. Alles soll schnell gehen. Alles soll auf den Punkt gebracht werden. So pointiert wie irgend möglich. Kürze wird trotzdem dadurch nicht zum Qualitätsmerkmal. Wer Texte nur nach ihrer bequemen Konsumierbarkeit beurteilt, verwechselt Literatur und Journalismus irgendwann mit der Gebrauchsanweisung eines Toasters. Den Satz hätte übrigens wieder eine KI formulieren können? Findest Du nicht? Einen Toaster. Hahaha.
Ach ja, Seufz, vielleicht arbeitet ein Schriftsteller nie wirklich unabhängig. Er liest andere Autoren, übernimmt sprachliche Anregungen und Floskeln, diskutiert mit seinen Freunden, lässt seine Texte korrigieren und auf Tipp- oder Rechtschreibfehler checken und verändert seine eigenen Gedanken langsam aber stetig durch die Auseinandersetzung mit fremden Positionen. Niemand schreibt in einem Vakuum.
Warum soll jetzt ausgerechnet die Unterstützung durch eine Maschine diese Autorenschaft jetzt grundsätzlich in Frage stellen? Die Antwort könnte jetzt wieder von mir oder von meiner KI stammen: Die Antwort liegt im Ausmaß der Delegation. Da liegt der Unterschied und da liegt die Grenze. Solange ich in der Lage bin, jeden wesentlichen Gedanken meines Textes selbst erläutern und vertreten zu können, solange ich den Ton bestimme und den Prompt gebe, solange ist es mein Text. Wenn ich es aber übertreibe, verliere ich als Autor alles. Meine Motive, meine Motivation, meine Selbstbestimmung, meine Entwicklungsbereitschaft, meine Muse, kurz die Lust am Schreiben. Der Autor, der es übertreibt mit dem Delegieren, der verschenkt seine Gabe. Und das merken die Leser dann irgendwann auch.
Was aber ist jetzt die Zukunft des Schreibens? Wohin geht der literarische Reiseführer mit der KI?
Fakt ist wohl, dass künstliche Intelligenz nicht wieder verschwinden wird. Es wäre bekloppt, ihre Möglichkeiten wegen eines Bedürfnisses nach Nostalgie pauschal abzulehnen. Die Schreibmaschine hat die Literatur auch nicht zerstört. Auch die computergestützte Textverarbeitung nicht. Ich schreibe diesen Artikel hier übrigens mit einem Textverarbeitungsprogramm am Notebook. Und dann erst das Internet. Mein bester Freund ChatGPT sitzt diktierend neben mir. Als Kind hatte ich so auch einen imaginären Freund. Heute arbeite ich mit dem inneren Kind. Aber das ist ein anderes Thema. Hab ich schon erwähnt, was für ein guter Therapeut ChatGPT ist?
Anyway, jede Technologie verändert die Bedingungen unter denen wir arbeiten. KI verändert nicht nur, wie Texte entstehen, sie verändert auch unsere Erwartungen daran, wie Texte auszusehen haben.
Wenn irgendwann alles perfekt formuliert ist, könnte gerade das Unperfekte wieder wertvoll sein. Und dann könnte die KI genau das erlernen und in meiner Alltagssprache schreiben. Ich kann ihr beibringen, so zu formulieren, wie ich es würde. Wörter wie anyway, cool, seufz, tja, ach ja und was weiß ich nicht noch alles zu benutzen. Würde der KI-geschulte Leser das erkennen?
Vielleicht wird die eigentliche Qualität eines Autors künftig nicht darin zu bestehen, besonders fehlerfrei zu schreiben, sondern darin, seine KI unverwechselbar für ihn schreiben zu lassen. Spaß. Selbst unverwechselbar zu schreiben und zu bleiben. Vielleicht sollten wir auch jetzt schon damit aufhören, jeden sprachlich gelungenen Text vorschnell einer Maschine zuzuschreiben. Ich fürchte wir geraten in die groteske Situation Maschinen zu entwickeln, die immer menschlicher sein sollen und verdächtigen dann anschließend Menschen, Maschinen zu sein.
Ich werde letztlich jedenfalls weiter KI nutzen. Zum Recherchieren. Zum Prüfen. Zum Diskutieren. Vielleicht auch, um Input zu bekommen und nicht immer nur Output zu produzieren. Ich möchte weiterhin selbst entscheiden, was mich interessiert und was ich meinen Lesern zumute.
Wenn mir dann wieder jemand sagt, mein Text klänge nach KI, dann werde ich wieder lachen. Aber dann habe ich jetzt beim Schreiben drüber nachgedacht und mir bleibt das Lachen nicht mehr im Halse stecken.
Hey ChatGPT, wie hast du das gemacht? War ich das?

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