Künstler: Klaatu
Album: 3:47 EST, 1976 Capitol Records
Je präsenter Stars damals waren, desto größer schien die Distanz zu ihnen …
Anfang der 2000er etwa, verbrachten meine Cousine und ich Stunden, manchmal ganze Nachmittage damit, Musikfernsehen zu konsumieren. Besonders „Get the Clip“ auf VIVA hatte es uns angetan: eine Sendung, in der Zuschauer per SMS für Musikvideos abstimmten, man den wechselnden Stand der Top 5 in Prozent mitverfolgte und die Clips schließlich in dieser Reihenfolge liefen.
Auch ohne selbst aktiv mitzumachen, fieberten wir mit, warteten und hofften, manchmal stundenlang, darauf, unsere Idole zu sehen – nur für die kurze Dauer eines Musikvideos.
Viel mehr Gelegenheiten dafür gab es nämlich nicht. Wenn ein Künstler in einem kurzen Interview bei den „MTV News“ ein paar Sätze sagte, war das beispielsweise schon etwas Besonderes: eine seltene Chance, einen Eindruck vom Menschen hinter den Songs zu bekommen.
Einen Star damals persönlich zu treffen wäre fast unvorstellbar gewesen. Manchmal sprachen wir davon: Wie wäre das wohl? Sind die irgendwie … anders?
Hach, ja.
Lange vor dieser Kindheitserinnerung, Jahrzehnte vor dem Musikfernsehen, war diese Distanz zwischen Fan und Star natürlich noch größer – schließlich gab es noch weniger Berührungspunkte. Insofern überrascht es eigentlich kaum, dass Konzerte von Stars wie Elvis Presley oder später Michael Jackson diese extreme Reaktionen auslösten – Menschen schrien, weinten, fielen in Ohnmacht, wenn sie sie sahen.
Kaum eine Band hat diesen Mythos stärker geprägt als die Beatles. Ihre Trennung Anfang der 1970er Jahre war ein entsprechend riesiger Schock. Nach Jahren ohne gemeinsames Album verdichtete sich der Wunsch nach einer Reunion Mitte der Siebziger zu einer kollektiven Sehnsucht – vielleicht dem größten unerfüllten Musikwunsch jener Zeit.
Fans schenkten ihrer Hoffnung Glauben und suchten beispielsweise in den Soloprojekten der ehemaligen Bandmitglieder nach versteckten Hinweisen auf ein Comeback. Medien griffen diese Spekulationen wiederum begierig auf und sponnen sie weiter. Auch, wenn es nie tatsächlich soweit kam: die Idee einer Beatles-Rückkehr stand im Raum …
In genau dieses emotionale Vakuum fiel 1976 etwas Unerwartetes: Ein mysteriöses Album namens „3:47 EST“ … Es erschien ohne die Band auf dem Plattencover, ohne Fotos der Band allgemein, es gab keine Credits im Booklet, nirgends eine Biografie, es folgten keine Interviews oder Auftritte.

Hier sehen Sie das Plattencover.
Weil der Sound stark an die Beatles erinnerte und keinerlei Informationen über die Urheber kursierten, stellte ein Journalist des „Providence Journal“, eines kleinen lokalen Magazins, eine folgenreiche Frage: Könnte das hier die heimliche Wiedervereinigung der Beatles sein?
Was sich dann ereignete, markiert einen der bizarrsten Abschnitte der Musikgeschichte: Diese bis dato völlig unbekannte Gruppe wurde innerhalb kürzester Zeit von Medien und Mundpropaganda omnipräsent gemacht – nicht wegen dem, was sie war, sondern wegen dem, was viele in ihr sehen wollten: dem Comeback der Beatles.
Radios spielten die Songs rauf und runter, Magazine berichteten, Fans analysierten jede Note und generell alles, was sie in die Hände bekamen, um die Theorie zu beweisen. Diese „Massenhysterie“ dauerte monatelang.
Doch genauso schnell, wie diese große Projektion entstanden war, brach sie wieder zusammen – als letztlich doch klar wurde, dass es sich bei „3:47 EST“ nicht um die Beatles handelte.
Das Verrückteste daran: Objektiv betrachtet klangen die Stimmen von Klaatu offensichtlich nicht wie Lennon oder McCartney. Doch das spielte kaum eine Rolle. Die Anonymität, die stilistische Nähe und allen voran das kollektive Wunschdenken, überlagerten jede nüchterne Wahrnehmung.
Unterschiede wurden rationalisiert: neue Studioeffekte, veränderte Stimmlagen, ein bewusst anderer Ansatz. Ein einzelner Artikel in einem lokalen Magazin reichte aus, um eine riesige Kettenreaktion auszulösen und eine globale Fantasie zu entfachen.
Was war da also wirklich geschehen?
Hinter dem mysteriösen Projekt steckten drei junge Musiker aus Toronto: John Woloschuk, Terry Draper und Dee Long.
Mitte der 1970er-Jahre schufen sie Songs, die sie selbst hören wollten – verspielt, melodisch, experimentell. Mehrstimmigkeit und der warme Klang klassischer Popproduktionen standen dabei im Mittelpunkt. Ihr größtes musikalisches Vorbild: die Beatles, natürlich.
Sie waren Künstler durch und durch, das Studio war ihr Zuhause – nicht die Bühne, nicht das Image. Die Anonymität ihres Debüts war also keine Marketingstrategie, sondern eine künstlerische Entscheidung: Die Musik sollte für sich stehen und ihr Publikum selbst finden …
Als das Album erschien, verkaufte es sich zunächst nur mäßig, bekam einige gute Kritiken und gewann eine kleine, aber überzeugte Fangemeinde – alles im Rahmen des Erwartbaren. Wahrscheinlich wäre es eines von vielen übersehenen Popalben der Siebzigerjahre geblieben.
Doch dann landete die Platte einige Monate nach der Veröffentlichung zufällig auf dem Schreibtisch von Steve Smith – jenem Redakteur des „Providence Journal“.
Smith hörte die Platte – und war irritiert: Die Harmonien, das Schlagzeug, die Arrangements … Irgendwie klang all das nach jener legendären Band, deren Comeback die Welt so sehnsüchtig erwartete.
Hinzu kam ein Detail, das den Verdacht verstärkte: In den USA erschien das Album bei Capitol Records – dem langjährigen Label der Beatles …
Smith begann also zu recherchieren – und fand fast nichts: Keine Biografie, keine Interviews, keine klaren Angaben. Selbst Capitol hielt sich auf bedeckt und lieferte auf Nachfrage nur vage Aussagen.
Smith schrieb schließlich einen Artikel über die Platte, in dem er seinen Verdacht äußerte. Diese Idee traf wiederum umgehend auf ein schnell wachsendes Publikum, das bereit war, den Verdacht zu glauben, statt ihn wirklich objektiv zu prüfen.
Was folgte, entzog sich jeder Kontrolle: Immer mehr Radiosender griffen das Gerücht auf, Musikmagazine berichteten, und DJs kündigten die Songs mit verschwörerischem Unterton an. Schon bald war es das Thema in der Musikwelt.
Klaatus Verkaufszahlen explodierten. „3:47 EST“ wurde plötzlich weltbekannt – völlig ohne eigenes Zutun. Sie dementierten und bestätigten weiterhin nichts – nicht aus Kalkül, sondern weil sie sich nie als Teil dieses Spiels sahen: Ihre Kunst sollte für sich sprechen, und wenn sie diese Diskussion auslöste, dann gehörte das eben dazu.
Als Klaatus zweites Album in den Startlöchern stand, war der Zauber jedoch allmählich vorbei … Dementis der Beatles-Mitglieder und tiefgreifende Recherchen – etwa zu den eingetragenen Copyright-Rechten, die eindeutig andere Künstler auswiesen – schmälerten die ursprüngliche Überzeugung kontinuierlich.
Viele Hörer begegneten Klaatu schließlich fast feindselig: Obwohl die Band zu den Gerüchten stets schwieg, fühlten sie sich von ihr getäuscht.
Klaatus Musik blieb ambitioniert, kreativ und sorgfältig produziert – doch sie war eindeutig die Arbeit einer eigenständigen Band, nicht die Fortsetzung eines Mythos. Klaatu entwickelte sich auf natürliche Weise weiter und löste sich mehr und mehr vom Beatles-Einfluss. Die Reaktion der Fans war ernüchternd: aus Faszination wurde Enttäuschung.
Weitere Alben erschienen zwar, fanden aber kaum noch Beachtung. Schließlich verschwand die Band aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit, und ihre Spuren verwischten sich. Klaatu wurden nicht die Stars, die musikbegeisterte Kinder später vor der Flimmerkiste zu sehen hofften …
Heute sieht das mit dem Star-Sein übrigens ganz anders aus: Social Media macht Stars greifbarer, fast schon alltäglich. Man bekommt Einblicke in ihre Wohnungen, sieht sie beim Sport, beim Einkaufen oder beim Backstage‑Geschehen – überall und ständig.
Jeder spürt also: Dieser Mensch ist nichts Übernatürliches, nichts Mythisches – eigentlich ist er wie ich. Die Distanz, die Fans einst überwältigte, und Künstler wie Klaatu in Projektionen verwandelte, existiert vergleichsweise kaum noch. Stars sind heute weitaus weniger Stars, als ich sie aus meiner „MTV-Zeit“ kannte …
So außergewöhnlich Klaatus Geschichte auch ist, erzählt sie interessanterweise weit mehr als nur den Verlauf einer Bandkarriere. Sie offenbart ein altes, wiederkehrendes Muster: Wie Erwartungen die Wahrnehmung formen, Urteile Fakten überlagern und Menschen bereitwillig Zweifel ausblenden, solange eine Erzählung nur attraktiv genug klingt. Dieses Muster zieht sich bis heute durch Politik und Gesellschaft – einmal mehr bestätigt sich der weise Salomon: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“.
Tauchen Sie in diesen alten Mythos ein: Hören Sie hier das Album „3:47 EST“ von Klaatu.




