Auf dem Plattenspieler: Radiohead
Künstler: Radiohead
Song: Creep – veröffentlicht auf dem Album „Pablo Honey“, EMI Records 1993
Ob man sich mit dem Stoizismus beschäftigt, das „Tao Te King“ liest, in der Bibel blättert oder einfach einen Blick in die Geschichtsbücher wirft – immer wieder zeigt sich eine Einsicht, die vielen geholfen hat und anderen sehr geholfen hätte: das bewusste Aussetzen schneller Bewertungen.
Die menschliche Tendenz, Ereignisse unmittelbar als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen, geht auf einen tief verankerten Mechanismus aus der Frühzeit zurück, der dem Überleben diente. Heute zeigt sich jedoch, dass sie seltener hilfreich ist und stattdessen zu Übermut, Enttäuschung, Zweifeln oder überzogener Hoffnung führen kann.
Umso deutlicher wird, dass diese Urteile kaum lohnend sind. Sie erzeugen unnötigen inneren Druck, während ihre Einschätzungen oft ohnehin nicht tragen: Vermeintlich Gutes kann sich schnell als problematisch, scheinbar Nachteiliges wider Erwarten als vorteilhaft erweisen.
Ein besonders verzwicktes Beispiel aus der Musikgeschichte zeigt dieses Spannungsfeld deutlich: „Creep“ der britischen Rockband Radiohead. Es ist die Geschichte eines Songs, der im falschen Moment, auf die falsche Weise und aus den falschen Gründen entstand – und gerade deshalb genau den richtigen Nerv traf.
Oberflächlich betrachtet war der Track damals ein Segen: Er wurde als erste Single von Radioheads Debütplatte „Pablo Honey“ veröffentlicht, verschaffte ihnen erste große Aufmerksamkeit und ebnete den Weg für die Weltbühne; ohne ihn wäre ihre Reichweite vermutlich kaum über die Landesgrenzen hinausgegangen.
Andererseits wurde „Creep“ zum Fluch, zu einem ständigen Erwartungsmaßstab, den die Band weder wiederholen noch dauerhaft bedienen wollte: Er passte kaum zu ihrem künstlerischen Selbstverständnis, und doch reduzierten die Medien sie lange fast nur darauf.
War es also gut, ihn zu veröffentlichen – oder nicht? Ein Blick zurück zeigt, wie komplex solche Urteile sein können …
Nur wenige Jahre vor „Creep“ hatte sich die Band überhaupt erst gegründet. Ihre Mitglieder, Thom Yorke, Jonny und Colin Greenwood, Ed O’Brien und Philip Selway, kannten sich aus ihrer Schule in Abingdon, einer Kleinstadt südlich von Oxford.
Als Jugendgruppe spielten sie unter dem Namen „On a Friday“ (benannt nach ihrem wöchentlichen Probetag) kleinere Auftritte rund um ihre Heimat. Ihr Stil wechselte damals häufig; sie orientierten sich an dem, was gerade angesagt war, und probierten sich aus.

Durch einen glücklichen Zufall wurden sie so von EMI Records entdeckt und unter Vertrag genommen, sogar noch bevor sie einen klar definierten eigenen Sound hatten. In dieser Phase benannte sich die Gruppe in „Radiohead“ um, inspiriert von einem Song der Talking Heads.
EMI hatte die Erwartung, mit ihrer ersten Platte direkt auch den amerikanischen Markt zu erobern. Deshalb wurden die US-Produzenten Sean Slade und Paul Q. Kolderie engagiert.
Die Aufnahmesessions verliefen jedoch holprig. Die Produzenten beschrieben die Band im Nachhinein als extrem unerfahren: Anweisungen konnten oft nicht umgesetzt werden, das fachliche Vokabular war ihnen gänzlich fremd, die vorgeschlagenen Singles überzeugten nicht. Insgesamt herrschte schnell Ratlosigkeit darüber, was aus dem Projekt werden würde.
EMI verwies schließlich auf das, was die Gruppe bislang lokal gemacht hatte: sich an dem orientieren, was gerade gefragt war.
In dieser angespannten Situation spielte Thom Yorke also einen Song vor, den er Jahre zuvor geschrieben hatte; ein Stück über unerwiderte Gefühle, Selbstzweifel und das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Für ihn selbst war die Nummer nicht besonders gelungen: Der Text erschien ihm zu plump und längst nicht mehr zutreffend, stilistisch erinnerte er ihn zu sehr an US-Sänger Scott Walker. Die anderen Bandmitglieder teilten diese Sicht.
Was das Lied jedoch hatte, und weshalb es Yorke überhaupt einfiel, war ein prägnantes Wechselspiel aus leisen und lauten Passagen. Und gerade Anfang der 1990er-Jahre war genau das gefragt – nicht zuletzt durch den Erfolg von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, der eine enorme Nachfrage nach diesem Klang ausgelöst hatte.
Paradoxerweise waren die beiden Produzenten von dem Stück sofort begeistert: Ihrer Ansicht nach hatten sie endlich die erste Single gefunden!
Als Slade und Kolderie die Band in einer weiteren Session baten, den Song noch einmal zu spielen, nutzte Gitarrist Jonny Greenwood die Gelegenheit um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen: Frustriert spielte er seine Gitarre ungewöhnlich aggressiv und setzte dissonante Akzente. Damit verfolgte er die Absicht, das Stück zu sabotieren.
Genau diese Geste wurde ironischerweise zu einem der markantesten Elemente von „Creep“: die kantigen, „störenden“ Gitarrenklänge kurz vor dem Refrain verliehen dem Song erst seinen unverwechselbaren Charakter!
Als sie fertig spielten, herrschte zunächst Stille … Dann brach im Studio begeisterter Applaus aus. Was die Band nicht wusste: Slade und Kolderie hatten mitgeschnitten. Und natürlich folgten noch intensive Arbeiten am Mix – doch genau diese ungeplante, aus Frust entstandene Aufnahme bildete die Grundlage für die finale Fassung, die heute bekannt ist!
Als Radiohead 1992 mit „Creep“ an die Öffentlichkeit gingen, blieb der Erfolg zunächst aus. In den britischen Charts erreichte die Nummer „nur“ Platz 78, es wurden etwa 6000 Einheiten verkauft. Viele Radiosender, darunter das einflussreiche BBC Radio 1, lehnten den Track als „zu deprimierend“ ab.
Doch außerhalb des Heimatmarktes begann sich ein anderes Bild zu entwickeln: In den USA, insbesondere in Kalifornien, wurde „Creep“ unerwartet zu einem Kultsong. Bis „Pablo Honey“ 1993 erschien, war der Track omnipräsent.
Als Reaktion schickte EMI die Band auf Tour in die USA, was den Effekt weiter verstärkte. So wurde ihr Debütalbum von Amerika aus international bekannt und entwickelte sich verspätet zu einem großen kommerziellen Erfolg – getragen vor allem von der Popularität von „Creep“.
Für Thom Yorke wurde der Song damals zunehmend zur Belastung. In Interviews wurde er immer wieder auf dieses eine Stück reduziert, und er musste sich häufig plumpen Fragen und Zuschreibungen stellen („Why are you such a creep?“). Bei Live-Auftritten empfand er es schließlich mehr als Pflicht als als künstlerischen Ausdruck.
Hinzu kam ein weiterer Aspekt: Es stellte sich heraus, dass „Creep“ Ähnlichkeiten zu „The Air That I Breathe“ von The Hollies aufweist. EMI war also mit rechtlichen Fragen konfrontiert und musste die Songwriter als Miturheber listen. Auch das verstärkte Radioheads Distanz zu dem Track.
Selbst als sich die Gruppe in den kommenden Jahren musikalisch weiterentwickelte, mit späteren Alben wie „The Bends“ und „OK Computer“ einen anderen künstlerischen Weg einschlug und große Erfolge feierten, blieb „Creep“ in der öffentlichen Wahrnehmung ein zentraler Bezugspunkt – bis heute.
Ein Song, der aus Unsicherheit entstand, wurde zur globalen Hymne genau dieses Gefühls. Ein Stück, das im Studio sabotiert wurde, fand gerade durch diese Sabotage zu seiner endgültigen Form. Und eine Band, die nie geplant hatte, diesen Track zu ihrem Markenzeichen zu machen, sah sich plötzlich in der Situation, genau dafür am meisten bekannt zu sein.
Gerade in dieser Abfolge von Zufällen, Widersprüchen und nachträglichen Deutungen zeigt sich, wie schwer es ist, Ereignisse eindeutig zu bewerten. Was zunächst wie ein glücklicher Durchbruch wirkt, erweist sich zugleich als Einschränkung. Was als Problem beginnt, wird Teil des Erfolgs. Jede Perspektive bleibt vorläufig, jede Einschätzung abhängig vom Zeitpunkt, von dem aus man blickt: Jedes Mal, wenn Journalisten über die Jahre hinweg nach der Haltung der Band zu ihrem Welthit fragten, fiel die Antwort anders aus.
„Creep“ ist fast schon ein Symbolbild dafür, dass sich Bedeutung wandelt, dass vermeintliche Gewissheiten brüchig sind und dass sich der Wert eines Ereignisses häufig erst im Rückblick erschließt – und selbst dann nie endgültig feststeht.
Die daraus folgende Konsequenz liegt darin, dem Geschehen zunächst Raum zu geben und anzuerkennen, dass sich sein Sinn erst mit der Zeit entfaltet. Geschehenes geschieht. Warum es geschieht und welche Folgen es haben wird, ist stets ungewiss … Doch liegt genau darin nicht auch ein eigener Wert?



