Die Sendlinger Mordweihnacht
Tagesgericht: 25.12.1705 – heute vor 320 Jahren
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stand Bayern im Zentrum eines gewaltigen europäischen Konflikts. Der Spanische Erbfolgekrieg, ausgelöst durch den Tod des kinderlosen spanischen Königs Karl II., brachte die Großmächte des Kontinents gegeneinander auf.
Im Kampf um die Herrschaft über Spanien, dessen europäische Nebenländer und sein ausgedehntes Kolonialreich standen sich das Frankreich Ludwigs XIV. und die Alliierten der Haager Großen Allianz gegenüber. In dieser hatten sich die Habsburgermonarchie und das Heilige Römische Reich mit dem Königreich England, den Vereinigten Niederlanden, Preußen und weiteren Mächten verbündet.
Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern, der sich an die Seite Frankreichs gestellt hatte, verlor 1704 in der Schlacht von Höchstädt entscheidend gegen die Allianz unter Joseph I., römisch-deutscher Kaiser aus dem Haus Habsburg.
Die Folgen trafen Bayern mit voller Härte: Besatzung, Requirierungen, Zwangsrekrutierungen – und ein Alltag, der für die einfache Bevölkerung zunehmend unerträglich wurde. Denn während der Adel sich arrangieren konnte, waren es vor allem Handwerker, Bauern und Tagelöhner, die die Last der Besatzung trugen.
In dieser Not formierte sich etwas, was man heute als seltenes politisches Erwachen einfacher Leute bezeichnen kann: ein Volksaufstand, der aus dem Bedürfnis breiter Bevölkerungsschichten nach Freiheit, Selbstbestimmung und politischer Mitentscheidung entstand und zur Geburtsstunde der Demokratie in der Neuzeit führte.
Ein Parlament für alle
Aus Niederbayern heraus wuchs die sogenannte kurbayerische Landesdefension zu einer ernstzunehmenden militärischen und politischen Kraft. Städte der Oberpfalz, des Innviertels und Ostoberbayerns gingen in die Hände der Aufständischen über. Was als regionaler Widerstand begann, entwickelte sich somit binnen weniger Wochen zu einer landesweiten Erhebung.
Am 21. Dezember 1705 trat im oberösterreichischen Braunau ein Kongress zusammen, der in seiner Zusammensetzung seiner Zeit weit voraus war: Vertreter aller Stände – des Adels, des Klerus, der Bürger und der Bauern – hatten gleiches Rede- und Stimmrecht. Damit entstand, fast ein Jahrhundert vor der Französischen Revolution, ein Parlament, das die politische Mitsprache des „gemeinen Mannes“ nicht nur duldete, sondern ausdrücklich einbezog.
In einer Epoche, in der die meisten europäischen Länder von absolutistischen Herrschern regiert wurden, war dieses Braunauer Parlament sehr modern. Und es war nicht nur ein politisches Symbol, es besaß reale Handlungsmacht. Es koordinierte den freiheitlichen Aufstand und verlieh ihm Struktur und Legitimität. Doch seine Hoffnung auf eine Befreiung Bayerns war eng verknüpft mit dem militärischen Erfolg der Erhebung.
Massenmord
Als sich im Dezember 1705 die Truppen der Landesdefension und die Oberländer Bauernverbände München näherten, schien ein entscheidender Schlag gegen die Besatzung möglich.
In der Hauptstadt München fanden sich Verbündete vor allem unter den Angehörigen der inzwischen aufgelösten städtischen Bürgerwehr. Die Schankwirte Johannes Jäger und Georg Küttler wollten am Franziskanerkloster und am Hofbräuhaus bewaffnete Städter versammeln, den Bauern die Tore öffnen und gemeinsam die Garnison verjagen.
Am 21. Dezember 1705 trafen im Kloster Schäftlarn südlich von München etwa 3.000 Bauern aus Oberbayern ein. Ihre Ausrüstung bestand hauptsächlich aus landwirtschaftlichen Werkzeugen und einfachen Waffen, dazu gehörten Heugabeln, Sensen, Rechen, Äxte, Sicheln, Dreschflegel, Holzschläger und einige wenige primitive Schusswaffen. Sie nutzten, was sie im täglichen Leben hatten, um sich gegen die gut ausgerüsteten kaiserlichen Soldaten zu verteidigen.
An Heiligabend, am Mittag des 24. Dezember marschierten die Bauern auf München zu. Im südlichen Vorort Solln erfuhren sie, dass die Verbündeten innerhalb der Münchner Stadtmauer verraten worden waren, die Hauptverschwörer auf der Flucht waren und die Stadttore nicht öffnen konnten. Die Verstärkung aus Niederbayern traf nicht ein, weil die Aufständischen von dort von den kaiserlichen Truppen aufgehalten worden waren. Um Mitternacht erreichten die Aufständischen Sendling, wo sie bei Eiseskälte im Freien nächtigen mussten.
Als die kaiserlichen Truppen dann angriffen, hatten sie dem nichts entgegenzusetzen und wurden überrannt.
Über 1.000 Aufständische legten am 25. Dezember 1705 nach Verhandlungen ihre Waffen nieder, kaiserliche Offiziere hatten Pardon angeboten. Doch statt eines ehrenvollen Umgangs mit den Gefangenen folgte ein Massaker: Die kaiserlichen Truppen Josephs I. metzelten die wehrlosen Männer nieder, viele von ihnen einfache Bauern aus dem Oberland, die aus Pflichtgefühl und Freiheitswillen zu den Waffen gegriffen hatten.

Die Sendlinger Bauernschlacht: Detail aus dem Fresko von Wilhelm Lindenschmit dem Älteren, an der alten Pfarrkirche in Sendling.
Ein vergessenes Freiheitsgeschehen
Der gnadenlose und ungleiche Kampf der „Sendlinger Mordweihnacht“ forderte 1.031 aktenkundig verbriefte Opfer. Als einer der letzten Aufständischen soll der 70jährige Schmied von Kochel gefallen sein. Als Bannerträger nur mit einem Hammer und einer mit Nägeln gespickten Keule bewaffnet, ging er als legendäre Gestalt in die Geschichte ein.
Ende Januar 1706 urteilte das Strafgericht der Sieger hart über die beteiligten Münchner. Der Oberleutnant Johann Clanze aus der Au, Johann Georg Kidler, Wirt der Kidlers Weinschänke im Tal (heute Hausnummer 30), der baierische Soldat Johann Georg Aberle, sowie der Eisenhändler Johann Sebastian (Mitglied des Äußeren Rates und Fähnrich bei der Münchner Bürgerwehr) werden auf dem Marienplatz geköpft. Noch schlimmer erwischte es den Jägerwirt. Er wurde gevierteilt und seine Überreste an den vier Haupttoren Münchens zur Abschreckung aufgehängt. Die Hoffnung auf Befreiung war im Blut erstickt worden.
Heute ist dieser Widerstand gegen Unfreiheit, Machtmissbrauch und Unterdrückung – getragen von Bauern, Handwerkern und Bürgern – überregional wenig bekannt. Genauso vergessen ist das erste demokratische Parlament der Neuzeit, gebildet noch vor der Französischen Revolution, in dem Vertreter aller vier Stände – Adel, Klerus, Bürger und Bauern – zusammenkamen.
Und doch steht die Sendlinger Mordweihnacht nicht nur für ein Ende, sondern auch für einen Anfang: für einen frühen, mutigen Schritt hin zu politischer Selbstbestimmung und Freiheit.
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„Der Vorläufer der Bauernkriege“ von Oliver Gorus


