In meinem letzten Text im Sandwirt „Der Verfassungsschutz auf der Kanzel” habe ich den biblischen Begriff der ḥāmās (Gewalt/Unrecht) verwendet, der den Grundzustand der Welt vor der Sintflut bezeichnet. Man denkt dabei instinktiv an physische Aggression, an den Faustkeil und das Recht des Stärkeren. Doch die moderne Gewalt trägt keine Felle, sie trägt Anzug. Sie schwingt keine Keule, sondern Gesetzesblätter.
Die These, die ich Ihnen heute zumuten möchte, ist radikal, aber bei genauer Betrachtung unausweichlich: Die gegenwärtige Geld- und Preispolitik ist keine bloße technische Marktstörung. Sie ist ein Bruch der elementaren Haftungsstruktur der Wirklichkeit – dessen, was die Theologie präzise als Bundesordnung (Lex Foederis) bezeichnet.
Wo der Staat die freie Preisbildung politisch überlagert, zerstört er nicht nur Effizienz. Er zerstört Wahrheit. Er begeht ḥāmās auf administrativem Wege.
Der Preis als Wahrheitsindikator
Beginnen wir an der Basis. In einer funktionierenden Ordnung ist ein Preis niemals nur ein profaner Rechenwert. Er ist ein Wahrheitsindikator. Die Kausalität der Realität (Signum Foederis) garantiert, dass Saat und Ernte, Risiko und Ertrag miteinander verknüpft sind. Preise sind die Sprache dieser Kausalität. Sie übersetzen Knappheit, Zeit und mühsame Arbeit in ein kommunizierbares Maß.
Wenn die Heilige Schrift „falsche Maße und Gewichte“ als Gräuel bezeichnet (Sprüche 20,10), dann deshalb, weil sie lügen. Ein politisch fixierter Preis – sei es der gedeckelte Mietpreis in Berlin oder der künstliche Nullzins der EZB – ist ontologisch unwahr. Er signalisiert Überfluss, wo Mangel herrscht. Er ist eine „falsche Zunge“, die uns kollektiv in die Verschwendung treibt und die Seinsverfassung der Schöpfung verhöhnt.

Sphärenraub statt Marktwirtschaft
Ich möchte hier mit den großen Denkern der Subsidiarität wie Abraham Kuyper und Johannes Althusius argumentieren: Die Wirtschaft (Oeconomia) ist eine souveräne Sphäre. Sie folgt der Logik des Tauschs und der Treuhand, nicht der Machtlogik des Staates (Politia).
Der Staat hat hier eine Wächterfunktion, keine Gestalterrolle. Doch was wir erleben, ist eine permanente Übergriffigkeit (Usurpation). Wenn der Staat Löhne diktiert oder Zinsen manipuliert, dann ist das kein „Marktversagen“. Es ist ein feindlicher Einmarsch in eine fremde Sphäre. Empirisch endet das stets in der Katastrophe: Schwarzmärkte, Wohnungsnot und Investitionsflucht sind die Schreie einer vergewaltigten Ökonomie, deren organisches Zusammenleben (Symbiosis) politisch zerschnitten wurde.
Die administrative Gewalt
Hier schließt sich der Kreis zur ḥāmās. Moderne Intervention ist Gewalt. Sie ist „strukturelle Gewalt“, die nicht offen raubt, sondern subtil enteignet. Der Prophet Jesaja brachte es auf den Punkt: „Dein Silber ist Schlacke geworden“ (Jes 1,22).
Die Geldverwässerung, die wir heute euphemistisch „Geldpolitik“ nennen, ist ein Angriff auf die Substanz des Nächsten. Der Staat tritt hier nicht mehr als Magistratus – als Diener des Rechts – auf, sondern als Ersatzsouverän. Er nutzt die Inflation als Waffe, um sich auf Kosten der Sparer zu entschulden. Das ist Diebstahl ohne Fingerabdruck. Es ist der Krieg des Fiskus gegen das Eigentum, geführt mit den Waffen der Verwaltung.
Gnostische Ungeduld
Warum tut der moderne Staat das? Weil er an einer Krankheit leidet, die der Philosoph Eric Voegelin als „Gnostizismus“ diagnostizierte: Die Unfähigkeit, die Grenzen der Realität zu akzeptieren. Der Interventionsstaat will das Paradies im Diesseits erzwingen – die sogenannte Immanentisierung des Eschaton. Er glaubt, er könne die Härten der menschlichen Existenz – Knappheit, Mühsal, Risiko – durch einen politischen Machtspruch (Fiat) aus der Welt schaffen.
Er glaubt, er wüsste es besser als der Markt. Doch wie Friedrich August von Hayek in seiner Nobelpreisrede über die „Anmaßung von Wissen“ (Pretence of Knowledge) zeigte, ist das eine tödliche Illusion. Kein Bürokrat kennt die Millionen individuellen Präferenzen, die einen Preis bilden. Wer Preise diktiert, vernichtet Wissen. Er macht uns blind für die Realität.
Vom Haushalter zum Fiskalvieh
Die tragischste Folge ist jedoch nicht ökonomisch, sondern menschlich. Preise steuern unsere Zeitpräferenz, wie Ludwig von Mises lehrte. Wenn Geld morgen weniger wert ist, wird Sparen zur Dummheit und Konsum zur Pflicht. Der Staat züchtet eine Gesellschaft der kurzfristigen Gier.
Er zerstört damit die Berufung (Vocatio) des Menschen. Wir sind eigentlich dazu angelegt, langfristig denkende Treuhänder (Oeconomus) zu sein. Der Inflationsstaat aber degradiert den Bürger zum getriebenen Konsumenten, zur bloßen „Ressource“, deren Arbeitskraft zu über 50 Prozent abgeschöpft wird. Das ist ökonomische Entpersonalisierung. Das ist der Angriff auf die Würde des freien Menschen (Imago Dei).
Fazit: Widerstand durch Wahrheit
Wir brauchen keine neuen Steuerungsmodelle. Wir brauchen eine Rückkehr zur Haftung, eine Wiederherstellung der Bundesordnung (Restauratio). Freiheit entsteht nicht durch politische Lenkung, sondern durch Bindung an wahre Maße. Gerechtigkeit wächst nicht aus Umverteilung, sondern aus ehrlichem Tausch.
Solange der Staat sich als Architekt der Wirklichkeit aufspielt, statt sich als Grenzwächter zu begnügen, bleibt der Widerstand Pflicht. Nicht mit der Keule, sondern mit der Wahrheit. Gegen die Preissimulation hilft nur die Realität (Sola Veritas). Gegen die Zwangsordnung hilft nur die Rückbesinnung auf das Eigentum.
Die ḥāmās sitzt heute auf der Regierungsbank. Es wird Zeit, dass wir ihr ins Gesicht schauen und sie beim Namen nennen.




