Auf dem Plattenspieler: Survivor

Künstler: Survivor

Song: Eye of the Tiger – veröffentlicht auf dem gleichnamigen Album, Scotti Bros. Records 1982

Mai 1982. Frankie Sullivan, einer der kreativen Köpfe der Band Survivor, fährt durch seine Heimatstadt Chicago und hört Radio. Plötzlich läuft „Eye of the Tiger“, ihr neuer Song, der alles verändern soll. Als Titeltrack von „Rocky III“ ruht auf ihm die Hoffnung auf den lang ersehnten Durchbruch.

Für jeden Musiker ist es ein besonderer Moment, das eigene Werk im Programm eines großen Senders zu hören. Für Sullivan hat dieser Augenblick jedoch ein besonderes Gewicht. Monatelang drehte sich nahezu alles um dieses eine Lied: Feinschliff im Arrangement, Abstimmungen mit Filmproduktion und Studio, nervöses Warten auf die Veröffentlichung.

Nun ist alles entschieden. Der Film läuft, die Single ist erschienen, und der Erfolg entzieht sich seiner Kontrolle. Zum ersten Mal hört er den Song einfach nur als Hörer.

Zwischen Stolz, Erleichterung und einem leichten Unglauben wechselt er den Sender. Er möchte dieses Gefühl noch einmal erleben: zurückschalten und sein eigenes Lied auf einem der großen Radiosender seiner Heimat hören. Doch etwas Merkwürdiges passiert …

Als er auf den nächsten Sender schaltet, hört er erneut „Eye of the Tiger“. Er wundert sich. Dann schaltet er noch einmal weiter: Wieder derselbe Track! Der Moment bekommt etwas Unwirkliches. 

Sullivan fährt an den Straßenrand. Er glaubt, es liege ein Defekt an seinem Radio vor und prüft die Technik. Doch es gibt kein Rauschen, keinen Fehler. Das Radio funktioniert einwandfrei.

Die Erklärung ist viel einfacher, und viel eindrucksvoller: Alle drei großen Radiosender Chicagos spielen gleichzeitig denselben Song. Seinen Song.

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In diesem Moment begreift Sullivan, was passiert. Die Anspannung, die Zweifel, die Arbeit, sie haben sich ausgezahlt. „Eye of the Tiger“ ist nicht nur ein Hit: Der Track wird gerade zu einem kulturellen Ereignis!

Innerhalb kürzester Zeit schießt die Nummer in astronomische Höhen: Millionenverkäufe, ein Grammy als bester Song, eine Oscar-Nominierung als bester Filmsong. Der Titel macht Survivor fast über Nacht weltbekannt. Heute gilt er als einer der prägendsten Songs der 1980er-Jahre.

Kein Wunder also, dass Frankie Sullivan in seinem Auto zunächst nicht begreift, was da gerade geschieht. Diese Dimensionen sind ihm fremd. Noch kurz zuvor stand die Band eigentlich an einem ganz anderen Punkt …

Gegründet Ende der 1970er in Chicago, wurden Survivor vor allem von Jim Peterik und eben jenem Frankie Sullivan geprägt, die Songs, Texte und Richtung bestimmten. Mit Dave Bickler fand die Gruppe eine Stimme, die Härte und Melodie vereint – genau die Mischung, die später entscheidend wurde.

Die Band setzte von Anfang an auf radiotauglichen Hardrock. 1979 erschien das Debüt, 1981 folgte das Album „Premonition“. Achtungserfolge, einzelne Chartplatzierungen – doch der große Durchbruch blieb aus. Survivor waren sichtbar, aber nicht tonangebend. Bekannt, aber nicht berühmt.

Zur gleichen Zeit arbeitete Sylvester Stallone am dritten Teil seiner Rocky-Filmreihe. Für diese Fortsetzung suchte er einen moderneren, energiegeladeneren Sound. Zunächst wollte er dafür interessanterweise den Queen-Hit „Another One Bites the Dust“ nutzen. Doch Queen verweigerte die Freigabe; ohne nähere Begründung.

Genau diese Absage wurde zum entscheidenden Wendepunkt: Über den Schauspieler Tony Scotti, Mitinhaber von Survivors Plattenfirma Scotti Brothers Records und persönlich mit Stallone befreundet, rückte Survivor ins Blickfeld. In einem Gespräch der beiden brachte Scotti die Band ins Spiel … und Stallone stimmte zu, ihnen eine Chance zu geben! Seine einzige Bedingung: Der Song müsse einen „starken Puls“ haben. 

Für Survivor war das die Chance, auf die sie gewartet hatten. Dieser Auftrag könnte alles verändern!

Die Musiker arbeiteten unter enormem Zeitdruck. Zunächst wurden ihnen deshalb nur kurze Filmausschnitte zur Verfügung gestellt, anhand derer sie die Atmosphäre für den Sound einfangen sollten. Doch die Szenen reichten ihnen nicht. 

Um die Dramaturgie wirklich zu erfassen, baten sie um den kompletten Film – und guckten „Rocky III“ in Dauerschleife, während sie einzelne musikalische Elemente beinahe chirurgisch an Szenen und Stimmungen anpassten.

„Eye of the Tiger“ entstand also Bild für Bild: Ein ungewöhnlicher Prozess, meist wird Filmmusik erst im Nachhinein ausgewählt. Gerade diese enge, handwerkliche Verzahnung mit dem Film jedoch wurde letztlich der Schlüssel des Erfolgs; das Lied atmet den Film förmlich.

Als die Musiker ein weiteres Mal jene Szene sahen, in der Rocky Balboa vom „Auge des Tigers“ spricht – diesem instinktiven, kompromisslosen Kampfgeist –, erkannten sie: Das ist der eigentliche Kern der Geschichte. Und so wurde aus diesem Satz der Titel und das Narrativ des Songs.

Musikalisch ist die Nummer bemerkenswert gebaut. Ein wiederkehrender, tiefer Klavierton und ein rückwärts abgespieltes Becken legen eine spannungsgeladene Grundlage, die fast wie ein pochender Herzschlag wirkt: der „starke Puls“, den Sylvester Stallone gesucht hatte.

Über dieses Fundament legt sich schließlich das berühmte Gitarrenriff: schlicht, rhythmisch messerscharf und sofort wiedererkennbar. Es verleiht „Eye of the Tiger“ seine unverwechselbare Handschrift, und gehört heute zu den ikonischsten Riffs der Rockgeschichte.

Textlich kreist das Lied um ein zeitloses Motiv: die Rückkehr des Kämpfers. Darin liegt die universelle Kraft von „Eye of the Tiger“. Der Track beschreibt jene innere Bewegung, die kaum sichtbar beginnt – ein Rest Trotz, ein Funken Wille, ein letzter Gedanke an Hoffnung – und sich langsam zu neuer Stärke verdichtet:

Went the distance, now I’m not gonna stop

Just a man and his will to survive

It’s the eye of the tiger, it’s the thrill of the fight

Nachdem die Band eine finale Demoversion abgegeben hatte, begann das Warten. Vier Wochen lang hörten sie nichts: Keine Rückmeldung, keine Entscheidung. Sie wussten nicht, ob der Song gefällt, ob er im Film landet oder ob sich die Chance schon wieder erledigt hat.

Die Auflösung kam schließlich zufällig: In einem Musikgeschäft traf Frankie Sullivan auf Sylvester Stallones Bruder, Frank Stallone, und erfuhr von ihm kurzerhand, dass der Track längst im Film ist.

Der Grund für das Schweigen: Sylvester Stallone war von der abgegebenen Demoversion so überzeugt, dass er die fertig produzierte Studioversion gar nicht mehr abwarten wollte! Stattdessen entschied er sich, genau diese Fassung unverändert in „Rocky III“ zu verwenden. Keine aufwendige Nachbearbeitung, kein Feinschliff. Und gerade dieses Rohe, Unmittelbare verleiht den Szenen mit der Titelmusik letztlich ihre besondere Wucht.

Doch die Wirkung von „Eye of the Tiger“ reicht weit über Film und Charts hinaus. Survivor knüpften in den folgenden Jahren an diesen Erfolg an, veröffentlichen weitere Alben wie „Vital Signs“ und landeten neue Hits. 1985 steuerten sie mit „Burning Heart“ erneut einen Titel zu einem „Rocky“-Film bei und waren damit ein weiteres Mal global in aller Munde.

Trotzdem wuchs „Eye of the Tiger“ im Laufe der Jahre über das restliche Werk der Band hinaus. Der Song verselbstständigte sich. Seit nun vier Dekaden taucht er in den verschiedensten Werbespots, Serien, Filmen, Parodien sowie zahllosen Motivations- und Eventvideos auf. 2004 entstand sogar ein Werbespot für Starbucks, in dem Survivor selbst eine eigens angepasste Version einspielte.

Bandintern blieb die Geschichte bewegt. Vertragsstreitigkeiten, personelle Wechsel und gesundheitliche Probleme führten immer wieder zu Rückschlägen. Mit den Jahren verlor Survivor so allmählich den Anschluss an die großen Erfolge.

Doch all das, was später folgte, berührt den Kern dieser Geschichte nicht. Survivor haben sich ihren Platz nicht schenken lassen, sie haben ihn sich erarbeitet: unter Zeitdruck, mit Rückschlägen und mit Zweifeln. Fast wie die Figur, für die sie den Song geschrieben haben.

„Eye of the Tiger“ erzählt vom unbeirrbaren Willen eines Underdogs – und genauso entstand auch seine eigene Geschichte. Nicht als kalkulierter Welthit, sondern als Resultat von Beharrlichkeit. Und so beharrlich bleibt er  ein Stück Musikgeschichte, das sich nicht mehr ausradieren lässt.

Am Ende läuft alles wieder auf diesen einen Moment hinaus: ein Auto, ein Radio, drei Sender gleichzeitig – und die stille Gewissheit, dass sich das Weitermachen gelohnt hat. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft des Liedes, und zugleich eine, die weit darüber hinausreicht: nach dem Fall nicht liegen bleiben. Weitergehen. Immer.

Hören Sie hier Survivors Klassiker „Eye of the Tiger“.

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Der nächste Gang …

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