Hat Vaterlandsliebe tatsächlich etwas mit Liebe zu tun?

Diesen Text gibt es auch als Episode im Podcast des Sandwirts: Hier.

Freie Fakten #08

Vermutlich hat nahezu jeder schon einmal von Oxytocin gehört. Es gilt als „Kuschelhormon” oder „Liebeshormon”, da es Vertrauen und Kooperation fördert. Der Botenstoff wird unter anderem ausgeschüttet, wenn sich Paare körperlich nah sind. Das ist aber nicht alles. Oxytocin ist auch mit der Bevorzugung der eigenen Gruppe (sogenannter In-Group-Favoritismus) assoziiert. 

Funktion im Organismus

Oxytocin ist ein Hormon und Neurotransmitter, das im Hypothalamus gebildet und über die Hypophyse (Hinterlappen) in den Blutkreislauf ausgeschüttet wird. Es hat vielfältige Wirkungen im Körper. Beispielsweise beeinflusst es soziale, emotionale und stressbezogene Prozesse: Bindung und Vertrauen, Stressreduktion, Empathie und soziale Interaktion.

Oxytocin stimuliert darüber hinaus bei der Geburt die Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur, fördert den Milchspendereflex und ist wichtig für die Sexualfunktion. 

Fördert Oxytocin patriotische Gefühle?

Eine explorative Studie mit 51 chinesischen Studenten verglich eine Oxytocingabe mit einer Placebogabe. Dabei zeigte sich, dass die Oxytocingabe bei beiden Geschlechtern mit vermehrten positiven Gefühlen für chinesische soziale Stimuli und die chinesische Nationalflagge assoziiert war. Der Effekt hielt eine Woche lang an. Das Oxytocin führte nicht zu einer Aversion gegen Nationalsymbole anderer ostasiatischer Länder. 

Weitere Wirkungen

Eine Studie des Jahres 2019 mit 480 männlichen Chinesen teilte diese in Dreiergruppen auf und ließ sie in einem ökonomischen Spiel gegeneinander antreten. Gruppen mit Oxytocingabe koordinierten sich besser, wenn sie angriffen. Sie waren nicht weniger aggressiv. Sie griffen vielmehr gezielter und synchroner an. Bei Verteidigern zeigte sich kein messbarer Effekt. 

Eine weitere explorative Studie des Jahres 2025 mit 120 männlichen Studienteilnehmern stellte fest, dass eine Oxytocingabe im Vergleich zu Placebo gruppenbezogene Verantwortungsgefühle für moralische Fehlhandlungen der eigenen Gruppe erhöht. Damit einhergehend erhöhte sich die Bereitschaft zu kompensierenden und altruistischen Handlungen gegenüber angeblich geschädigten Fremdgruppen.

Parochialer Altruismus ist Altruismus, der sich maßgeblich auf die eigene Gruppe bezieht. Oxytocin begünstigt laut diesen explorativen Studien anscheinend insbesondere parochialen Altruismus, ohne jedoch eine Abwertung anderer Gruppen hervorzurufen. 

Eine bisher nicht ausreichend bestätigte Theorie besagt sogar, dass Altruismus, wie wir ihn heute als Aufopferung für andere kennen, erst durch kriegerische Auseinandersetzungen selektiert wurde. Eine Grundidee ist hier, dass Altruismus und insbesondere parochialer Altruismus in kriegerischen Auseinandersetzungen maßgebliche Vorteile für jene Gruppen bietet, die altruistisch denken, fühlen und handeln. Ein Beispiel ist verbesserte gesellschaftliche und militärische Kooperation. 

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Abhängig vom Kontext

Die aktuelle explorative Forschung zu Oxytocin legt Mehreres nahe: 

1. Eine gesteigerte Hingabe zur eigenen Gruppe ist nicht gleichbedeutend mit einer Abwertung anderer Gruppen – weder philosophisch noch neurologisch. 

2. Diese gesteigerte Hingabe oder auch Identifikation mit der eigenen Gruppe kann die Leistungsfähigkeit auf Gruppenebene erhöhen. Zugleich kann sie auch gruppenbezogene Verantwortungsgefühle erhöhen. 

3. Patriotismus im Sinne der Heimat- oder Vaterlandsliebe ist ein genuin menschliches, evolutionshistorisch und neurologisch tief verankertes Gefühl, kein fingiertes politisches Konzept. 

4. Dieselben Hormone und Neurotransmitter, die kausal an Reproduktion und zwischenmenschlicher Liebe beteiligt sind, wirken auch auf Gruppenebene. 

In Anbetracht dieser Befunde ist es nicht plausibel, patriotische Gefühle und beispielsweise ethnische oder kulturelle Gruppenidentifikation pauschal mit Menschenfeindlichkeit zu assoziieren. Im Gegenteil zeigt sich ja geradewegs, dass patriotische Gefühle und auch Gruppenidentifikation teilweise unter ähnlichen neuronalen Rahmenbedingungen vonstattengeht wie zwischenmenschliche Liebe und Fürsorge. 

Die Welt ist nicht so einfach, wie einige glauben machen wollen. Menschliches Denken, Fühlen und Handeln ist komplex. Und komplex und nuanciert sollte dementsprechend auch die öffentliche Debatte ausfallen, wenn über derlei Dinge gesprochen wird. 

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