Frei und katholisch?

Die Hymne des gelernten Pessimisten ist denkbar einfach und geht so: „Es war nicht alles schlecht früher. Nein, nein – im Gegenteil, das meiste ist es immer noch.“ 

Nun bin ich kein gelernter Pessimist, allenfalls gelernter Franke. Deshalb habe ich mir zur Aufgabe gemacht, dieses Motto wenigstens ab und zu zu widerlegen.

Stichwort Amtskirchen: Als ich vor einigen Jahren den evangelischen Kirchentag in Nürnberg besuchte, war ich mir nach einiger Zeit nicht mehr ganz sicher, ob ich tatsächlich auf einem evangelischen Kirchentag oder doch eher beim Christopher Street Day gelandet war. Diese Gayparade mit Bibelversen war derart infantil und in einer derartigen Abwesenheit von Spiritualität gehalten, dass ich mich irgendwann fragte: Wozu braucht es eigentlich noch die evangelische Kirche? Der Höhepunkt war ein etwas stärker pigmentierter Pfarrer, der beim Abschlussgottesdienst „God is queer“ ins Mikrofon rief. Ich kannte bis dahin nur von der Band Groove Coverage den Song „God is a Girl“. Aber dass Gott nun auch noch queer sein soll, das ist meinem gesunden Menschenverstand bislang noch gar nicht eingefallen.

Nun war also vom 13. bis zum 17. Mai der Katholikentag in Würzburg, wieder in Franken. Da ich vom evangelischen Kirchentag nachhaltig geschädigt war, muss ich rückblickend und vergleichend sagen: Es war nicht alles schlecht. Nein, nein. Sicher, auch hier gab es Stände von LGBTQ-Gruppen, den Grünen, den Linken und sogar einen BDSM-Stand für Katholiken – warum auch immer man glaubt, so etwas unbedingt zu brauchen. Dennoch: Wer sich die Zeit nahm und durch die Reihen der Zelte ging, kam nicht umhin zu sagen: Okay, cool: Da ist das Bistum Köln, dort Regensburg, Bamberg und viele andere. Nicht jedes, aber erstaunlich viele Bistümer und Gemeinden machten einfach das, was Kirchen eigentlich tun sollten: präsent sein, Glauben zeigen, Gemeinschaft stiften – und eben nicht pausenlos Politik betreiben. Das war, kaum zu glauben, ausgesprochen angenehm. Mein Lieblingsstand war übrigens der von Altötting. Schon von weitem roch es dort nach Weihrauch, der großzügig verteilt wurde.

Subsidiaritätsprinzip als Kern des Katholizismus

Drei Tage später fuhr ich übrigens – unabhängig vom Katholikentag – tatsächlich nach Altötting und schaute mir diese zauberhafte Kleinstadt in Oberbayern an. Im Gegensatz zu dem Vorurteil, Altötting sei ein reaktionäres oberbayerisches Nest, muss ich sagen: Nein. Altötting ist frei. Lebendig, freundlich und vor allen Dingen wunderschön altbacken. In dieser Stadt hat das „Grüß Gott“ noch seine Berechtigung. Man wird wahlweise mit eben jenem oder mit einem „Servus“ begrüßt, selbst dann, wenn der Gegenüber offensichtlich sieht, dass man Tourist ist, mit Rollkoffer unterwegs und noch nie zuvor dort gewesen ist. 

Ich erlebte dort keinen kalten, ideologischen Laizismus, sondern eine selbstverständliche, liebevolle Zugewandtheit. Und wer keine Emotionen empfindet – ob Christ oder nicht –, wenn er im Panoramamuseum steht und diesem atemberaubenden Kunstwerk zwischen Bühnenbild, Architektur und Malerei begegnet, wer da nichts fühlt, der hat sprichwörtlich kein Herz.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Frage des Katholizismus, gewissermaßen die klerikale Gretchenfrage: Wie hält es der Katholizismus eigentlich mit der Freiheit? Denn anders als der moderne Zeitgeist verstand das Christentum Freiheit nie als bloße Entgrenzung. Freiheit bedeutete im katholischen Sinne niemals: Ich mache einfach alles, worauf ich Lust habe. Freiheit bedeutete Verantwortung. Verantwortung vor Gott, vor den Mitmenschen und letztlich auch vor sich selbst. Der Mensch galt nicht als willenloses Produkt seiner Triebe oder gesellschaftlichen Umstände, sondern als moralisches Wesen mit Gewissen und Entscheidungsfähigkeit. Gerade darin lag die Würde des Menschen begründet.

Deshalb war das katholische Menschenbild im Kern immer auch ein Gegenmodell zu jedem politischen Totalitarismus. Denn wer an Eigenverantwortung glaubt, der misstraut automatisch einem Staat, der jede Lebensfrage zentral verwalten will. Die katholische Soziallehre formulierte mit dem Prinzip der Subsidiarität bereits lange vor liberal-konservativen Denkern eine Einsicht, die heute fast revolutionär wirkt: Was der Einzelne, die Familie oder die Gemeinde selbst leisten können, soll ihnen nicht von oben abgenommen werden. Nicht der allmächtige Staat steht im Mittelpunkt, sondern die konkrete Gemeinschaft, die gewachsene Ordnung und der verantwortungsfähige Bürger. Auf diesem Prinzip wurde übrigens einst die EU gegründet. Merkt man gar nicht.

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Freiheit kommt von freiwillig 

Gerade deshalb wirkt die moderne Politisierung vieler Kirchenvertreter so unfassbar unangenehm. Kaum eine gesellschaftliche Debatte, in der nicht reflexartig nach mehr Regulierung, mehr Programmen, mehr staatlicher Steuerung oder der richtigen Haltung gerufen wird. Ausgerechnet jene Institution, die einst Gewissen, Selbstdisziplin und persönliche Verantwortung betonte, spricht heute oft so, als sei der Mensch ohne pädagogische Dauerbetreuung überhaupt nicht mehr lebensfähig. Der moderne Kirchentag wirkt deshalb bisweilen weniger wie ein geistliches Ereignis als wie eine Fortbildung für moralisch ambitionierte Verwaltungsbeamte.

Vielleicht liegt darin auch das eigentliche Problem der kirchlichen Öffnung gegenüber jedem neuen gesellschaftlichen Trend. Denn selbstverständlich besitzt jeder Mensch Würde. Selbstverständlich soll niemand erniedrigt oder ausgegrenzt werden. Aber eine Kirche, die irgendwann nur noch bestätigt, was ohnehin jede Netflix-Serie, jede NGO und jede Parteijugend sagt, verliert zwangsläufig ihr eigenes Profil. Wenn Religion nur noch die spirituelle Untermalung des jeweiligen Zeitgeistes liefert, braucht man sie irgendwann tatsächlich nicht mehr.

Daher wirkt Altötting auf mich am Ende moderner als manches woke Zelt des Katholikentags. Wahre Freiheit entsteht eben nicht dort, wo alle Bindungen verschwinden, sondern dort, wo Menschen freiwillig Teil einer gewachsenen Kultur bleiben wollen. Dort, wo Tradition nicht als Zwang empfunden wird, sondern als Heimat. Genau das ist das große Missverständnis dieses gar nicht mal so geistreichen Zeitgeistes: Dass ausgerechnet jene Milieus, die permanent von Befreiung sprechen, oft die ersten sind, die jeden Menschen umerziehen wollen, der sich freiwillig zu Familie, Glauben, Nation oder Tradition bekennt. Oder anders: Freiheit kommt von freiwillig.

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