Auf dem Plattenspieler: Wanda Jackson
Künstler: Wanda Jackson
Song: Cool Love, veröffentlicht als Standalone-Single, 1960 Capitol Records
Einer der wohl am meisten unterschätzten Aspekte im Songwriting ist die Klangästhetik: Wie klingen Wörter mit ihren Vokalen im Zusammenspiel mit den folgenden Wörtern?
Während über viele offensichtlichere Elemente eines Songs breit gesprochen wird, gerät dieses Detail leicht in den Hintergrund – dabei kann gerade die Abfolge bestimmter Laute eine enorme Wirkung entfalten und sich fast automatisch im Gedächtnis verankern.
Interessanterweise ist die Bedeutung der Worte dafür zweitrangig – es können sogar völlig bedeutungslose Silben sein. Gerade in der Popmusik greift man häufig auf solche „Nicht-Worte“ zurück. Letztlich beruht jedes „Lalala“ auf reiner Klangästhetik; auch jeder Ohrwurm eines fremdsprachigen Songs ist damit begründet.
Die eigentliche Kunst besteht darin, erzählerischen Inhalt mit dieser klanglichen Wirkung zu verbinden, während Stimme und Beat Emotion und Atmosphäre tragen.
Und genau diese häufig übersehene Disziplin wurde kaum von jemandem so prägend gemeistert wie von der – heute nicht weniger übersehenen – US-Sängerin Wanda Jackson. Das Ende der ersten Strophe ihres Liedes „Cool Love“ zeigt das eindrücklich:
And this ain’t no ice cube
That you are with tonight
Wenn Sie das lesen, würden Sie vermutlich nie erraten, wie Jackson hier die Betonung setzt: Sie springt blitzschnell, fast spielerisch, zwischen den Tonhöhen; sie lässt die Silben lebendig werden und umhertanzen. Genau jene Passagen waren es, mit denen sie die Musikwelt nachhaltig prägte – und zahllose Künstler, die nach ihr kamen, inspirierte.
Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre gehörte Wanda Jackson zu den innovativsten Solokünstlern generell: Sie war eine der ersten Pionierinnen des Rock ’n’ Roll, wurde sogar als „Queen of Rockabilly“ bezeichnet, und prägte obendrauf die Modewelt ihrer Zeit.
Sie war auf dem besten Weg, eine Ikone zu werden – auf einer Stufe mit Künstlern wie Chuck Berry! Die Frage lautet also: Was ist passiert? Warum wird heute kaum noch über sie gesprochen?
Zunächst ist dafür die zeitliche Einordnung ihres Schaffens wichtig: Die 1950er-Jahre waren in der Musikwelt eine Zeit des Umbruchs. Elvis Presley spielte dabei eine zentrale Rolle – mit seinen provokanten Bewegungen und teils zweideutigen Texten löste vor allem er eine regelrechte Rock-’n’-Roll-Revolution aus. Die ältere Generation war schockiert von dem neuen Genre, die Jugend war begeistert …
Frauen durften Fans dieses neuen Genres sein, bald wurden sie sogar zur Hauptzielgruppe. Dass sie selbst auftraten, galt jedoch als nahezu undenkbar. Musikerinnen, wenn überhaupt sichtbar, wurden in enge Schubladen gesteckt: Sie hatten „brav“ und unauffällig zu sein, und sie sollten Country- oder Popmusik machen.
Dies war also das Spielfeld, das Wanda Jackson betrat, als sie mit dem Rock ’n’ Roll begann …
An diesem Punkt war sie nicht gerade unerfahren: Mit gerade einmal 15 Jahren, nach einer Kindheit voller Konzerte, die sie gemeinsam mit ihren Eltern besuchte (ihr Vater spielte selbst in einer Band) erregte sie die Aufmerksamkeit von Hank Thompson – einem damals mäßig erfolgreichen Musiker, der aber eine eigene Fernsehshow in Oklahoma hatte.
Thompson lud sie für einen Auftritt in seine Sendung ein, der ihr auf Anhieb deutlich mehr Aufmerksamkeit verschaffte. Von da an trat Wanda Jackson regelmäßig in der Show auf – und Thompson wurde zu einer Art Mentor für sie, der sie unterstützte, sie bei Plattenfirmen vorstellte und ihr Rückhalt gab.
Nach und nach baute sich Wanda Jackson einen Namen auf … Bis Elvis Presley höchstpersönlich auf sie aufmerksam wurde – und sie kurzerhand einlud, mit ihm auf Tour zu gehen! Genau das markierte den Beginn der „Queen of Rockabilly“ – und brachte ihre Karriere erst richtig voran.

Auf diesem Bild sind Wanda Jackson und Elvis Presley Backstage bei einem gemeinsamen Auftritt im Overton Park Shell in Memphis zu sehen.
Wanda Jackson zögerte zunächst, in diesem neuen Genre aktiv zu werden: Sie zweifelte natürlich selbst, ob sie als Frau in diesem neuen Genre überhaupt bestehen könnte. Presley, der zeitweise eine Beziehung mit ihr führte, ermutigte sie jedoch wiederholt, es zu versuchen – und sie nahm die Herausforderung schließlich an.
Mit dem Renommee, das sie spätestens durch den King of Rock gewann, erhielt Jackson einen Vertrag bei Capitol Records, einem der größten Labels dieser Zeit – und nahm dort ihre ersten Rock-’n’-Roll-Songs auf. Die meisten dieser frühen Titel waren allerdings Coverversionen bereits bekannter Tracks: Capitol ging zwar das Risiko ein, sie unter Vertrag zu nehmen, traute aber Liedern aus weiblicher Perspektive weiterhin kaum Erfolg zu.
Gerade in dieser Zeit experimentierte Jackson intensiv mit Tonhöhen und rhythmischen Sprüngen. Sie ließ Worte und Phrasen wie eigenständige Instrumente wirken – wie das eingangs erwähnte Beispiel aus dem Lied „Cool Love“ eindrucksvoll zeigt. Diese Fähigkeit, Sprache so klanglich zu gestalten, diente eigentlich dazu, einen eigenen Stil zu finden – und setzte neue Maßstäbe, die weit über ihre Zeit hinausreichten.
Auch optisch wollte die Musikerin eigen sein: Ihre Mutter war Schneiderin, und so trug Jackson früh selbst entworfene Bühnenoutfits mit Fransen und kurze Go-Go-Kleider, die ihre Bewegungen betonten. In den 1960er-Jahren wurde genau dieser Stil international populär … Damit wurde sie damals, fast nebenbei, zur Modeikone!
Eigentlich lief ihre Karriere also sehr vielversprechend: Ihre Bekanntheit wuchs durchgehend und sie feierte regelmäßig Erfolge in verschiedenen Bereichen – nicht nur in den USA, sondern auch international. Doch trotz ihres Talents, ihrer Innovationskraft und ihres unverwechselbaren Stils stieß sie immer wieder auf Widerstände …
Die breite Öffentlichkeit hielt eine junge Frau, die Rock ’n’ Roll mit rauer Stimme und selbstbewusster Performance sang, schlichtweg für inakzeptabel. Dass sie von so vielen einflussreichen Schlüsselfiguren der Musikszene unterstützt wurde, half kurzfristig – langfristig änderte es jedoch nichts: Radiosender boykottierten ihre Songs, Fernsehauftritte gingen an andere Künstler, die zwar weniger bekannt, dafür aber männlich waren, und zahlreiche Türen blieben verschlossen …
Auch, wenn Jackson sich nie direkt dazu äußerte, scheint dieser stetige Widerstand sie letztlich doch beeinflusst zu haben – denn ab der Mitte der 1960er-Jahre wandte sie sich wieder verstärkt der Country-Musik zu. Später widmete sie sich, nach einer religiösen Erleuchtung, der Gospelmusik.
Gerade „Cool Love“ bündelt für mich die ganze Faszination Wanda Jacksons Rockabilly-Zeit. Es ist weder ihr erster, noch ihr letzter oder größter Song – aber er trägt all das in sich, was sie ausmacht: ihre unverwechselbare Energie, die außergewöhnlich verspielte und innovative Klangästhetik und den musikalischen Abdruck ihrer Zeit, der in jeder Note hörbar ist …
Mit dem Rock ’n’ Roll blieb Wanda Jackson übrigens trotz allem stets verbunden: 2003, unglaubliche vier Dekaden später, veröffentlichte sie noch einmal ein neues Rockabilly-Studioalbum, 2006 folgte ein Elvis-Tributalbum.
Angesichts ihres enormen Einflusses finde ich es bemerkenswert, dass sie heute nicht im gleichen Atemzug mit den größten Stars ihrer Zeit genannt wird. Nur innerhalb der Musikindustrie genoß sie durchgehend großen Respekt – 2009 wurde sie sogar in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Wanda Jackson ging voran, setzte Maßstäbe und öffnete Wege – ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. Bis weit in die 2020er-Jahre trat sie auf und veröffentlichte neue Musik, teils mit über 80 Jahren (!) – ruhig und selbstverständlich, ohne Bitterkeit darüber, dass ihre prägende Rolle nicht gebührend gewürdigt wurde.
Gerade diese Haltung zeigt, wie sehr ihr Schaffen aus sich selbst heraus entstand – nicht aus dem Streben nach Ruhm, sondern aus Überzeugung. Und genau darin liegt für mich ihr Vermächtnis …


