Wie Wojtek Pole wurde
Die FDP-Europaabgeordnete Strack-Zimmermann forderte Anfang September, wie Deutschland auf den mutmaßlich russischen Drohnenvorfall in Leipzig reagieren solle: „Ukraine weiter unterstützen, Assets nutzen, Russen aus dem Land werfen, das Geld sperren.“
Doch wen genau will Strack-Zimmermann aus dem Land werfen? Was macht jemanden zum „Russen“ – seine Abstammung, sein Pass, seine Sprache oder noch etwas anderes? Und warum sollte die Herkunft in diesem Fall überhaupt ein Kriterium für eine Ausweisung sein, während mehrfach straffällige Islamisten im Land bleiben dürfen?
Hier zeigt sich ein grundsätzlicheres Problem: Staatszugehörigkeit lässt sich anhand objektiver Kriterien bestimmen. Gesellschaftliche Zugehörigkeit hat jedoch eine psychologische und emotionale Dimension, die sich nicht verordnen lässt. Wie entsteht sie also?
Eine ungewöhnliche Geschichte über einen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg führt mitten in diese Frage. Er diente in der 22. Artillerieversorgungskompanie des Zweiten Polnischen Korps, unter anderem bei der Schlacht um Monte Cassino. Sein Name war Wojtek.
Wojtek wurde nicht in Polen geboren. Er hatte keine polnischen Vorfahren. Er sprach kein Polnisch. Eigentlich sprach er gar nicht: Wojtek war ein Braunbär. Ein ausgewachsener Braunbär – mit über 200 Kilogramm Körpergewicht.
Dennoch wurde er Teil der Einheit. Er salutierte wie seine Kameraden, marschierte mit ihnen und entwickelte wie sie eine Vorliebe für Bier und Zigaretten. Dann zog er mit ihnen in den Krieg. Schließlich wurde er zum Symbol ihrer Einheit. Heute erinnern Statuen und Gedenktafeln an ihn.
Was machte Wojtek also zu einem von ihnen?
Die Anders-Armee
Im Juni 1941 war Polen bereits fast zwei Jahre von Deutschland und der Sowjetunion besetzt, als Deutschland die Sowjetunion angriff. Daraufhin vereinbarten die polnische Exilregierung und die Sowjets im Sikorski-Majski-Abkommen die Freilassung polnischer Gefangener und den Aufbau einer polnischen Armee auf sowjetischem Boden.
General Władysław Anders übernahm die Führung. Zehntausende Polen schlossen sich seinen Einheiten an.
1942 wurde die Anders-Armee nach Persien, dem heutigen Iran, verlegt. Dort trafen polnische Soldaten auf einen Jungen, der ein verwaistes Bärenjunges bei sich hatte. Kurzerhand kauften sie ihm das Tier ab.
Ein Bär unter Soldaten
Der Unteroffizier Piotr Prendysz wurde Wojteks offizieller Betreuer. Er kümmerte sich um den jungen Bären, fütterte ihn und schlief mit ihm im Zelt. Die anderen Soldaten nannten ihn deshalb scherzhaft „Bärenmutter“.
Doch die ganze Kompanie kümmerte sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um Wojtek. Sie konnten den Bären weder artgerecht halten noch füttern. Dennoch veranstalteten sie etwa, als sie seine Vorliebe fürs Ringen bemerkten, kleine Turniere, und sie teilten mit ihm alles, was sie selbst hatten – darunter sogar Bier und Zigaretten.
Bier mochte er so sehr, dass es zu seinem Belohnungssnack wurde. Zigaretten rauchte er nicht: Er bestand darauf, dass man sie ihm anzündete, doch aß sie anschließend auf – immer, wenn auch die Kameraden eine Zigarettenpause machten.
Mit etwas Nachhilfe von Piotr begann Wojtek zu salutieren, bei Appellen mit anzutreten und auf zwei Beinen zu marschieren.
Fast wie einer von ihnen.
Monte Cassino
Als die Kompanie 1944 nach Italien verlegt werden sollte, stand sie vor einem Problem: Tiere waren für die Überfahrt nicht vorgesehen. Wojtek, inzwischen ein ausgewachsener Braunbär, konnte also nicht ohne Weiteres mitkommen.
Piotr und die anderen setzten alles daran, ihn nicht zurücklassen zu müssen. Die Lösung war so ungewöhnlich wie pragmatisch: Wojtek wurde offiziell als Gefreiter in die polnische Armee aufgenommen – mit eigener Dienstnummer, einem Ausweis und sogar einem Soldbuch.
Bei der Schlacht um Monte Cassino wurde aus der bizarren Geschichte plötzlich bitterer Ernst. Die 22. Artillerieversorgungskompanie war für den Transport von Munition zu den Geschützstellungen zuständig. Nun befand sich auch Wojtek mitten im Kriegsgeschehen.
Zuerst schien ihn das Chaos der Front zu verunsichern und er versteckte sich in den Schützengräben. Doch während er dort saß, beobachtete er genau, was um ihn herum geschah. Und schließlich tat er, was er schon sein ganzes Leben getan hatte: Er ahmte seine Kameraden nach.
Wojtek nahm Munitionskisten und Mörsergranaten in die Vorderpfoten, trug sie auf den Hinterbeinen zu den Geschützstellungen und kehrte zur nächsten Ladung zurück. Schüsse und Explosionen schienen ihn nicht mehr abzuschrecken. Zumindest nicht genug, um seine Kameraden im Stich zu lassen.
Nach der Schlacht wurde die Geschichte zum Symbol: Die 22. Artillerieversorgungskompanie wählte einen Bären mit Artilleriegranate als Abzeichen. Die polnische Armee beförderte Wojtek zum Korporal.
Ruhestand
Nach Kriegsende im Mai 1945 wurde die Kompanie in Schottland stationiert. Dort begann die außergewöhnliche Gemeinschaft langsam auseinanderzufallen. Die polnischen Soldaten wurden nach und nach demobilisiert.
Eine Rückkehr nach Polen kam für die meisten nicht in Frage: Das Land war ein von der Sowjetunion abhängiger kommunistischer Staat geworden. Die Männer, die für ein freies Polen gekämpft hatten, mussten in ihrer Heimat mit Repressionen rechnen. Manche hatten sie durch die sowjetische Annexion der polnischen Ostgebiete ohnehin verloren.
Wojtek teilte ihr Schicksal: Auch er hatte kein Zuhause, in das er zurückkehren konnte. Seine Kameraden wollten ihm dennoch einen würdigen Ruhestand ermöglichen. Am 15. November 1947 wurde er aus der Armee entlassen und in den Edinburgh Zoo gebracht.
In Schottland hatte sich längst herumgesprochen, dass die Anders-Armee einen Bären mitgebracht hatte. Zeitungen berichteten über seine Geschichte, und bald wurde er zur großen Attraktion des Zoos.
Seine alten Kameraden vergaßen ihn nie. Immer wieder besuchten sie ihn. Zum Entsetzen der Tierpfleger kletterten viele von ihnen in sein Gehege, um mit ihrem Freund zu ringen. Manchmal teilten sie auch nur ein paar Zigaretten mit ihm …
Der Zoo wurde vertraglich verpflichtet, einer Übersiedlung Wojteks nach Polen zuzustimmen, sobald das Land wieder unabhängig wäre. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Wojtek starb im Dezember 1963. Polen erlangte seine Unabhängigkeit erst 1989 zurück.
Heute erinnern Statuen und Gedenktafeln in Edinburgh, London und mehreren polnischen Städten an den Bärensoldaten – als polnischen Kriegshelden.
Wojtek, der Migrant
Gerade weil Wojtek kein Mensch war, zeigt seine Geschichte etwas Elementares.
Bei ihm lässt sich Zugehörigkeit auf ihren sozialen Kern reduzieren: Man verbringt Zeit miteinander, kümmert sich umeinander und teilt gemeinsame Erfahrungen. Daraus wächst Bindung. Erst danach, aus praktischer Notwendigkeit, folgt die formelle Anerkennung – die Dienstnummer, der Ausweis, das Soldbuch. Das ist die eigentliche Logik.
Dabei braucht Zugehörigkeit beide Seiten: Eine Gemeinschaft muss bereit sein, jemanden aufzunehmen. Wer dazukommt, muss diese Gemeinschaft aber auch selbst annehmen und tatsächlich mit ihr leben wollen.
Staaten können festlegen, unter welchen Bedingungen jemand aufgenommen oder eingebürgert wird. Sie können Voraussetzungen formulieren und Verfahren ordnen. Sie können jedoch nicht verfügen, ob aus einem Fremden tatsächlich einer der Ihren wird. Ebenso wenig können sie bestimmen, ob jemand selbst dazugehören will.
Wojtek war kein Pole. Aber er wurde einer.



