Wut und Zorn waren im deutschen Kulturleben einst prägnant vertreten, leider in letzter Zeit kaum noch, abgesehen vielleicht vom Kabarettisten Georg Schramm mit seinen hochkomplexen Wutanfällen. Ich selbst habe Derartiges unlängst verspürt. Es ging um die EU-Sanktionen gegen den Schweizer Generalstabsoberst Jacques Baud.
Der Journalist Florian Warweg fragte in der Bundespressekonferenz, ob Deutschland der Aufnahme Bauds auf die EU-Sanktionsliste zugestimmt habe und ob die Vorwürfe gegen den Schweizer überprüft worden seien. Die Begründung lautet unter anderem, Baud verbreite die Theorie, dass die Ukraine ihre eigene Invasion provoziert habe, um der NATO beizutreten.
Baud weist diese Vorwürfe klar zurück. In einem Weltwoche-Interview sagte er: «Das habe ich nie gesagt.» Vielmehr habe er den früheren Berater Selenskyjs, Oleksij Arestowytsch, zitiert. Denken wir kurz logisch: Der ungenannte Vertreter der Bundesrepublik hat entweder den Fall abgenickt oder kann nicht zwischen Zitat und Aussage unterscheiden. In beiden Fällen erscheint das unterkomplex.
Sprecher Giese betonte, wer «Desinformation verbreite», müsse mit Sanktionen rechnen, sofern die rechtlichen Voraussetzungen gegeben seien. Und weiter: «Alle, die auf diesem Feld unterwegs sind, müssen damit rechnen, dass es auch ihnen passieren kann.» Also noch eine Drohung obendrauf.
Ehrlich gesagt packte mich die Wut – natürlich die gerechte!
Nun wieder zum Todsündenregister.
Beim Konzept der „Ira” handelt es sich um eine Todsünde, daher können wir den sogenannten „heiligen Zorn“, wie er sich also zum Beispiel bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel durch Jesus oder bei obigem Beispiel zeigt, hier getrost ausschließen.
Individuell sind Zorn und Wut, die gerne als Anfall auftreten, zunächst Gefühle mit starker physischer Beteiligung. Wer einmal die Hitze des Zorns in sich aufsteigen fühlte, weiß, wovon die Rede ist. Bei der Wut kennt man jedoch nicht nur das „heiße“ Ausagieren, sondern auch die kalte Wut – ein wesentlich gefährlicheres Phänomen als ein momentaner Anfall.
Natürlich wusste Aristoteles Bescheid: Er zählte Zorn zu seinen elf Grundgefühlen. Am einflussreichsten für das Verständnis des Zorns waren seit der Antike seine Beobachtungen in der Rhetorik, Buch II, wo er den Zusammenhang von erlittener Herabsetzung (Kränkung) und dem drängenden Wunsch nach Vergeltung herausstellt.
Schon bei kurzem Nachdenken fällt einem die Verbindung zur Ursünde superbia, Hochmut, auf: Man wird zornig, wenn das eigene Selbstbild angegriffen wird, wenn man also beleidigt oder lächerlich gemacht wird. In der heutigen politischen Landschaft sind derartige Reaktionen eines kalten Zorns häufig: Ein ehemaliger Wirtschaftsminister wurde in Anlehnung an eine Werbung als „Schwachkopf“ bezeichnet, was zu einer strafrechtlichen Verfolgung führte – vermutlich durchaus aus einer Zornaufwallung heraus motiviert, aber in die kalten Bahnen der Justiz gelenkt. Manche Politiker haben aus dem Zorn geradezu Kapital geschlagen und ein Geschäftsmodell daraus gemacht. Schon bei den alten Germanen konnte ja sogar Mord durch Geldbußen gesühnt werden. Am teuersten war übrigens der Mord an einer schwangeren Frau – logischerweise.
Sowohl bei Zorn als auch bei Wut verhält es sich bei Erwachsenen nicht anders als bei Kindern: Sie treten auf, wenn wir unseren Willen nicht bekommen oder die Situation nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es ist die Schmach der Begrenzung: Die Menschen in der Welt verhalten sich nicht so, wie wir es für richtig halten, ebenso wenig unser direktes Umfeld, und auch wir selbst entsprechen nicht unseren eigenen Ansprüchen.
Die kriegerischen Handlungen eines Diktators machen zornig, und wir sind machtlos dagegen. Bekannte erzählen Lügen und Gerüchte, deren Verbreitung man nicht stoppen kann. Wichtig dabei ist immer, dass das Ego, das innere Selbstbild, angegriffen wird. Damit wären wir wieder bei der modernen Version des Hochmuts: dem Entitlement, dem Anspruchsdenken. Ich werde nicht respektiert, meine Kompetenz wird infrage gestellt, selbst ein so unscharfer Begriff wie die Verletzung der „Ehre“ könnte angeführt werden. Das wurde früher – in den guten alten Zeiten des Duells – definitiv geklärt, unter Einhaltung bestimmter Regeln. Heutzutage taucht eher die Staatsmacht frühmorgens auf – und wohl dem, der dann zumindest einen Bademantel hat.
Es ist das Vernunftwidrige und Maßlose am Zorn, das ihn so zerstörerisch macht –, wenn er blindwütig wird und unversöhnlich, unverhältnismäßig und selbstbezogen. Und auch das kennen wir alle – aus dem Freundes- und Verwandtenkreis, leider oft genug aus der eigenen Familie. Da gibt es einen Streit, gegenseitige Vorwürfe und Verletzungen, und der Konflikt wird über Jahre hingezogen, selbst wenn der ursprüngliche Anlass längst keine Bedeutung mehr hat und oft kaum noch erinnert wird.
Wenn es aber um das eigene Erleben geht, blendet der Zorn die Sicht, und man nimmt sich selbst nicht mehr vernunftgemäß wahr. Fehden und Unverträglichkeiten in Familien sind eine häufigere Erscheinungsform des Zornes als die für jeden sichtbaren Formen dieses Lasters in der Gesellschaft oder zwischen Gruppen und Völkern. Die nässende Wunde des Nicht-Vergeben-Könnens wirkt im Verborgenen fort, umso stärker, je mehr sie geleugnet wird. Um noch einmal einen medizinischen Vergleich zu verwenden: Die Weigerung, sich das Übel einzugestehen, führt irgendwann dazu, dass es unheilbar wird. Und damit wird schlaglichtartig erkennbar, warum das Laster des Zorns zu Recht als Todsünde bezeichnet wird.
Da stellt sich die Frage, ob es vielleicht einen „ererbten Zorn“ gibt. Innerhalb von Familienfehden sicherlich – sie können sich nicht nur in Sizilien über Generationen hinziehen. Und wenn man sich mit dem psychologischen Phänomen der Trauma-Epigenese beschäftigt, kommt man zu einem möglichen Verständnis der auch hierzulande allgegenwärtigen Russophobie, die in ihrer Entstehung sicher unterdrückt weiterwirkt.
Zorn macht den Unterschied zwischen Gut und Böse schlagend klar: Der Zornige ist immer der Gute – er fühlt sich im Recht und geht kaum auf Schattierungen von Recht und Unrecht ein. Damit entlastet der Zorn: Man ist mit sich selbst eins, und wenn dann noch das Agieren in einer Masse hinzukommt, gibt es überhaupt keine Fragen mehr.
Der Ausfluss kollektiven Zorns – der sich natürlich angesammelt haben muss – ist der Pöbel, die Lynchjustiz: Das „Kreuzige ihn“ in der Passion ist ein schlagendes Beispiel für den Zorn und Blutdurst der Massen, der fast unweigerlich auf das Hosianna folgt. So gesehen sind politische Führungsfiguren, die medial hochgejubelt werden, immer gefährdet. Die Enttäuschung schlägt um: Man hat nicht bekommen, was man erwartet hat – und dann müssen eben Köpfe rollen.
Zorn ist immer mangelnde Affektkontrolle, und der Sündenkatalog ist zumindest ein Versuch, die Selbstbeherrschung zu stärken. Richtig unangenehm wird es aber immer, wenn man Teil einer aufgewühlten Masse ist. Dann gibt es oft kein Halten mehr. Eine Art blinder Blutrausch bricht sich Bahn, gedeckt durch eine gefühlte Rechthaberei und das Rachegelüst gegen jene, die die Ehre verletzt haben – die des Individuums, der Partei, der Nation, des Glaubens und so weiter. So gesehen mangelt es leider nicht an Zornesenergie auf unserer Welt.




